Institutional Money, Ausgabe 2 | 2026

INSTITUTIONAL MONEY MEINUNGSRADAR 2/2026 | institutional-money.com 39 Weiße Schwäne sind per Definition vor- hersehbar. Daher ist das, was mich am meisten überrascht, das Ausmaß der Überraschung, also die Kursreaktion, wenn das „Weißer Schwan“-Event tatsächlich eintritt. DieÜberraschung kann dabei getrost selbst alsweißer Schwan bezeichnet werden. Als ein Beispiel sei der sogenannte Liberation Day und die Heftigkeit der Kursbewegung auf dieVerkündung der Zölle genannt – trotz langer und wortreicher Annoncierung. Der Glaube, dass die Börse zukünftige Entwicklungen und Risiken viele Monate vorwegnähme, ist mehr Mythos als Tatsache. Insofern sind Erwartungshaltungen der Finanz- akteure und die zugrunde liegendeMarktpsychologie nicht weniger wichtig als das Event selbst. Dies gilt umso mehr, als in den letzten Jahren eine Art Verdrängungsverhalten Einzug gehalten hat: Putin wird die Ukraine schon nicht angreifen, Trump wird die Zölle schon nicht deutlich erhö- hen. Beideswar absehbar, aber bis zum letztenAugenblick nicht eingepreist. Gleichermaßen hört man häufig den Satz: „Es ist keine Frage, ,ob‘ etwas eintritt, sondern nur ,wann‘.“ Das Wörtchen „nur“ ist hierbei eine gefährliche Verniedlichung, denn beim Overlay kann Timing den Unterschied zwischen sinnvoller Risikominimierung und renditezehrenden Absicherungskosten machen. Schließ- lich können zwischen der Identifizierung eines Risikos und demtatsächlichen Eintritt (wie beimZusammenbruch des NeuenMarktes oder der Subprimekrise) Jahre verge- hen. Aktuell werdenwohl die allermeisten Risikoszenarien durchgespielt. ImGegensatz zu einer möglichen KI-Blase, Staatsschuldenkrisen oder geopolitischen Eskalationen werden Cyber- und Systemrisiken etwas weniger disku- tiert, und in Bezug auf die Unabhängigkeit der Fed scheint wieder demVerdrängungsimpuls nachgegeben zuwerden. Mich hat der Ausbruch des Eyjafjalla- jökull im Jahr 2010 überrascht – insbesondere die weitreichenden Folgen für den europäischen Flugverkehr. Im Sinne eines „weißen Schwans“ war das Risiko eines Vulkan- ausbruchs auf Island nicht unvorstellbar, wurde aber in seiner praktischen Relevanz für moderne Mobi- litäts- und Logistiksysteme erheblich unterschätzt. Überraschend war vor allem, wie schnell ein regionales Naturereignis den internationalen Luftverkehr, Liefer- ketten und Teile der Wirtschaft beeinträchtigen konnte. Das Ereignis hat mein Denken über systemische Abhän- gigkeiten dauerhaft verändert und klargemacht, dass die größten Überraschungen oft nicht aus dem Finanz- system selbst kommen, sondern von außen in es hineinwirken. Derzeit würde ich einen möglichen „wei- ßen Schwan“ insbesondere im Technologiebereich verorten. Als Auslöser kämen etwa ein großflächiger Systemausfall, Störungen kritischer Cloud-Infrastruk- turen oder der simultane Ausfall relevanter IT-Systeme infrage. Besonders kritisch erscheint die mögliche Verkettung mehrerer Systeme, die weitreichende Auswirkungen auf Märkte und gesellschaftliche Infra- struktur nach sich ziehen könnten. Die zunehmende Konzentration digitaler Infrastruktur auf wenige glo- bale Anbieter verschärft dieses Risiko noch. Dass ein solches Szenario grundsätzlich denkbar ist, zeigt nicht zuletzt der CrowdStrike-Ausfall im Sommer 2024 – und das durch ein fehlerhaftes Software-Update, nicht durch einen gezielten Angriff. Ob dabei alle relevanten Szenarien bereits durchgespielt werden, wage ich zu bezweifeln: Das wirklich Überraschende entzieht sich per Definition der Modellierung. ANDREAS KLÄHN SOS-Kinderdorf BARBARA KATZDOBLER Wiener Stadtwerke GmbH

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