Institutional Money, Ausgabe 2 | 2026

INSTITUTIONAL MONEY MEINUNGSRADAR 40 2/2026 | institutional-money.com Im vergangenen Jahr hat mich vor allem die Geschwindigkeit überrascht, mit der sich die Rahmenbedingungen für Shareholder Engagement und ESG-Transparenz ver- schlechtert haben. Als Vertreter eines europäischen Netzwerks nachhaltiger Investoren beobachten wir seit Jahren mit Sorge die progressive Verlagerung von Hauptversammlungen hin zu virtuellen oder stark einge- schränktenFormaten, wodurchder direkteDialog zwischen Aktionären undUnternehmen zunehmend erschwert wird. Hinzu kamen im vergangenen Jahr weitere problemati- sche und unerwartete Entwicklungen: das Omnibus-Paket der Europäischen Kommission, das unter dem Vorwand der Vereinfachung Berichtspflichten und Transparenz- anforderungen abschwächen könnte, sowie Änderungen in der Praxis der US-Börsenaufsicht SEC, die Unterneh- men mehr Spielraum geben, Aktionärsanträge leichter aus ihren Proxy Statements auszuschließen. Für dieses Jahr halte ich dagegen ein klimatisches Extremereignis für ein mögliches „Schwarzer Schwan“-Szenario: eine lang anhaltende Hitzewelle mit großflächigen Waldbrän- den in Europa und den USA. Temperaturen von deutlich über 45 Grad, Wasserknappheit, Stromausfälle und die Evakuierung ganzer Regionen könnten erhebliche wirt- schaftliche Schäden verursachen. Besonders betroffen wären Versicherungsunternehmen durch explodierende Schadenszahlungen sowie Branchen wie Landwirtschaft, Tourismus, Energieversorgung und Transport. Gleichzeitig könnten die Aktienmärkte mit hoher Volatilität reagieren. Ein solches Szenario würde zeigen, dass Klimarisiken längst nicht mehr nur ökologische Themen sind, sondern eine direkte Bedrohung für die finanzielle Stabilität und den gesellschaftlichen Zusammenhalt darstellen. Für mich persönlich gab es in der Ver- gangenheit diverse „weiße Schwäne“ mit unterschiedlichem Ausmaß und Charakter. Beispielsweise die unfassbar expansive Politik der Notenbanken nach der Finanzkrise 2008 oder die Verschuldungsorgien bedeutender Industrienationen. Ein sehr konkreter „weißer Schwan“ fällt mir ein, der bemerkenswerterweise kaum in der Öffentlichkeit wahr- genommen wurde: der Auf- und Ausbau von extrem langen Durationen in Bondportfolios institutioneller Investoren während der Niedrigzinsphase. Insbesondere bei Investoren mit langfristigen Verbindlichkeiten waren Durationen von 40 bis 50 keine Seltenheit. Emissionen mit 100-jähriger Laufzeit und Kupons um rund ein Pro- zent waren in der Regel überzeichnet. Das eingekaufte Zinsrisiko war unfassbar, und das rächte sich. Beispiels- weise reduzierten sich die Spezialfondsbestände von Versicherungen 2022, dem Jahr der Zinserhöhung, um satte 121 Milliarden Euro trotz eines Nettomittelaufkom- mens von zwölf Milliarden Euro. Das nenne ich mal einen Bewertungseffekt, und es ist nur ein kleiner Ausschnitt aus demMarkt. Bondinvestoren sind Anfang 2022 sehen- den Auges in einen Sturm gesegelt. Übrigens halte ich das wieder stark gestiegene Niveau von Verbriefungen samt einhergehender Fristen- und Risikotransformation ebenfalls für einen weißen Schwan, genauso wie die seit Jahren vorhandenen roten Flaggen imTRV Risk Monitor der ESMA. Investoren sind nicht zu beneiden. Sie agieren in einem „weißen Schwanensee“. MAURO MEGGIOLARO SFC – Shareholders for Change CLEMENS SCHUERHOFF Vorstand Kommalpha AG Fotos: © Good Studio | Adobe Stock, Valerii | Adobe Stock, SFC – Shareholders for Change, Kommalpha

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