Institutional Money, Ausgabe 2 | 2026

INSTITUTIONAL MONEY MEINUNGSRADAR 38 2/2026 | institutional-money.com Ein „weißer Schwan“, der mich in der jüngeren Vergangenheit besonders überrascht hat, war weniger ein sin- guläres Ereignis als vielmehr die Fehleinschätzung seiner Persistenz: die vermeintlich „transitorische“ Inflation nach der Pandemie. Zwar waren die Auslöser – eine expansive Fiskalpolitik, gestörte Lieferketten, ultralockere Geldpoli- tik und steigende Energiepreise – grundsätzlich bekannt. Die Geschwindigkeit und vor allem die Hartnäckigkeit des Inflationsanstiegs sowie der darauffolgende abrupte Zins- anpassungszyklus haben jedochvieleMarktteilnehmer und Zentralbanken überrascht. Mit Blick nach vorn sehe ich ein potenzielles „Weißer Schwan“-Szenario indennachhaltigen Folgen strukturell höherer Energiepreise. Ein geopoli- tisch getriebener, länger anhaltender Öl- oder Gasschock könnte sich schleichend, aber tiefgreifend auf die Realwirt- schaft auswirken.WährendkurzfristigePreisspitzen schnell eingepreist werden, liegt das Risiko in einer deutlichen Wachstumsverlangsamung: Höhere Energiepreise wirken insbesondere fürNettoimporteurewieeine impliziteSteuer auf Konsumenten, reduzieren dieKaufkraft und treffen auf einUmfeld erhöhter Zinsen, wasKonsumund Investitionen dämpft. Die Effekte dürften regional unterschiedlich aus- fallen, mit höherer Anfälligkeit in der Eurozone aufgrund stärkerer Energieabhängigkeit und schwächerer Wachs- tumsdynamik. Vor diesem Hintergrund sind der recht stabile Aktienmarkt, die Anhebung der Gewinnschätzun- gen für dieUS-Unternehmen sowieglobal niedrigeSpreads bei High-Yield- undUnternehmensanleihen überraschend. Obwohl viele Risikoszenarien aktuell intensiv diskutiert werden, zeigt die Erfahrung, dass Märkte häufig nicht das „Ob“, sondern das Timing falsch einschätzen. Genau darin liegt auch das Überraschungspotenzial. „Weiße Schwäne“ haben den Charme, dass man sie kommen sehen kann. Rückblickend gehörte für mich dazu das Instrumentarium der Notenbanken nach der Finanzkrise2007/08: Nullzinsen, Anleihenkäufe, Bilanzaus- weitungen, Rettungslogik. VieleMarktteilnehmer spürten, dass vertraute Grundregeln des Kapitalismus nicht mehr uneingeschränkt galten. Ich sahdas ebenso. Inder Corona- krise wiederholte sich das Muster – nur schneller, größer und politischer. Wieder wurde Stabilität gekauft, wieder wurdeMarktmechanik suspendiert. Vorausschauend halte ich nach drei weißen Schwänen Ausschau. Erstens könnte KI nicht dort die großen Effizienzgewinne erzeugen, wo Investoren sie heute am bequemsten verorten: bei den großenPlattformunternehmen und ihren Large Language Models. Vielleicht kommen die entscheidenden Modelle aus anderen Laboren, mit anderen Datensätzen, anderer Architektur und neuen Marktteilnehmern. Dann würde manche Tech-Übergewichtung sehr disruptiert aussehen. Zweitens könnte chinesische Technologie KI mit physi- scher Kapazität ausstatten: günstige humanoide Roboter, industrielle Automatisierung, autonome Anwendungen, die in China signifikant günstiger gefertigt und mit nicht- westlichen AI-Modellen ausgestattet sind. Gegen eine wahrscheinliche strukturelle Inflation in Europa erwarte ich drittens ein Notenbank-Instrumentarium, das wir noch nicht kennen und nur erahnen können. Wer gleichzeitig überschuldete Staaten undWohlfahrtsversprechen stabi- lisierenwill, muss kreativ werden. Die Folgen für Anleihen, Immobilien, Aktien und Gold werden erheblich sein. Für Investoren bleibt es eine Kernaufgabe, offensichtliche Brüche konstruktiv zu beantworten, damit die Effekte weißer Schwäne abgemildert werden. CASSIUS HENDRICKS Kirchliche Zusatzversorgungs- kasse des Verbandes der Diözesen Deutschlands (KZVK) CHRISTIAN HAMMES Eta Family Office Fotos: © Good Studio | Adobe Stock, Valerii | Adobe Stock, KZVK, Eta Family Office, SOS-Kinderdorf-Stiftung, Wiener Stadtwerke

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