Institutional Money, Ausgabe 2 | 2026
THEORIE & PRAXIS Tail Risks 96 2/2026 | institutional-money.com Stresstests einer zweiten Prüfung unterzo- gen: Man verschiebt den Schock um eine kleine, gleich große Größe nach oben und nach unten und vergleicht, wie sich das Ergebnis verändert. Reagiert das System symmetrisch, ist der Verlauf linear. Reagiert es asymmetrisch, sodass die zusätzliche Belastung bei einemetwas härteren Schock spürbar stärker zunimmt als die Erleichte- rung bei einem milderen, liegt Konvexität vor – und damit Fragilität. 'HU PHWKRGLVFKH .QLȬ OLHJW GDULQ dass diese Heuristik die Schwächen des zugrunde liegenden Modells weitgehend neutralisiert. Taleb bedient sich hier der Metapher eines ungenauen Bandmaßes: Wer damit ein Kind misst, erhält einen falschen Wert. Misst man jedoch über Monate hinweg mit demselben Bandmaß, lässt sich dennoch zuverlässig feststellen, ob das Kind wächst. Mathematisch greifen die Autoren auf eine Variante der Jensen- Ungleichung zurück: Der Mittelwert der Modellergebnisse zweier symmetrisch ver- schobener Schocks weicht bei nichtlinearen $XV]DKOXQJVSURljOHQ YRP 0RGHOOHUJHEQLV des zentralen Schocks ab. Genau diese Abweichung, in der Studie als „H“ bezeich- net, wird zum Maß der Fragilität. Ein H nahe null deutet auf einen robusten Verlauf hin, ein deutlich von null abwei- chendes H ist das Warnsignal. Besonders aussagekräftig fällt die Anwendung auf die Staatsverschuldung aus. Die Autoren haben für sieben fortgeschrittene Volkswirtschaf- ten, in der Studie anonymisiert als Land A bis Land G, untersucht, wie sich die Netto- verschuldung in Prozentpunkten des BIP verändert, wenn das Wachstum gegenüber dem Basispfad um zwei Prozentpunkte pro Jahr zurückbleibt – und wie sich das Bild verschiebt, wennman diesen zentralen Schock um eine oder zwei mittlere Abwei- chungen variiert. Die Tabelle „Eskalation statt linearer Verän- derung 1/2“macht die Asymmetrie sichtbar. Während ein zentraler Wachstumsschock in Land A die Nettoverschuldung um 26,2 Prozentpunkte des BIP erhöht, schießt der Wert bei einer doppeltenAbweichung nach unten auf zusätzliche 28,6 Prozentpunkte KLQDXI %HL /DQG ) NODȬW GLH 6FKHUH ZHLW auseinander: Der zentrale Schock führt zu einem Anstieg um 34,5 Prozentpunkte, eine Verschärfung um zwei mittlere Abweichungen treibt den Wert auf 83,6 3UR]HQWSXQNWH /DQG * ĞEHUWULȬW GLHVHQ Befund nochmit einemH-Wert von 8,5 für die zweifache Abweichung – ein Indikator dafür, dass schon einemoderate zusätzliche Wachstumseintrübung die Schuldendyna- mik aus dem Ruder laufen lässt. Wie sich GLHVH .RQYH[LWÌW JUDljVFK ĞEHUVHW]W OÌVVW sich an den beiden Verlaufskurven für Land C und Land F ablesen (siehe Gra- ljN Ľ(VNDODWLRQ VWDWW OLQHDUHU 9HUÌQGHUXQJ 2/2“). Während Basispfad und zentraler Schock noch in geordneten Bahnen verlau- fen, biegt der Pfad schon bei einer leichten Veränderung der Ausgangssituation steil ab – wobei die negativen Konsequenzen beschleunigter auftreten als die positiven. Bei Land C steigt die Bruttoschuldenquote im ungünstigsten Szenario bis 2026 auf rund 150 Prozent des BIP, bei Land F klettert sie auf über 300 Prozent. Genau jene Beschleunigung, die Taleb in seinem Sprungbeispiel beschrieben hat, wird hier in der Sprache der Fiskalprojektion sichtbar: Eine etwas tiefere Wachstumsdelle bringt nicht nur etwas mehr, sondern überpropor- tional mehr Schulden. HANS WEITMAYR Selbst im relativ resilienten Land C steigt die Schuldenquote im Hochrisikoszenario mit hohem Tempo an. Eskalation statt linearer Veränderung 2/2 Land F wirkt im Basisszenario robust – Fragilität lauert aber unter der Oberfläche. Die Schuldenquote von Land C steigt im Baseline-Szenario. Unvorherge- sehen schlagend gewordene Risiken heben die Schuldenquote zwar an – der neue Grad bleibt aber halbwegs tolerierbar. Quelle: Taleb et al., WP/12/216 Für Land F sollte die Schuldenquote imBaseline-Szenario sinken. Der ursprüng- liche externe Schock ist verkraftbar. Eine unvorhergesehene Verschärfung stürzt das Land jedoch ins Schuldenchaos. Quelle: Taleb et al., WP/12/216 » Alles, was zerbrechlich ist, weist Beschleunigung auf. Und der Grad dieser Beschleunigung gibt einem die Fragilität. « Nassim Nicholas Taleb, Autor von „Der Schwarze Schwan“, „Antifragile“ etc. 2011 70 90 110 130 150 Baseline Bruttoverschuldung des Staates in Prozent des BIP zentraler Schock +/- 2 mittlere Abweichungen Land C 2012 2013 2014 2015 2016 2011 100 150 200 250 300 Baseline Bruttoverschuldung des Staates in Prozent des BIP zentraler Schock +/- 2 Mrd. Schock mittlere Abweichungen Land F 2012 2013 2014 2015 2016
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