Institutional Money, Ausgabe 2 | 2026
THEORIE & PRAXIS Risikomanagement 102 2/2026 | institutional-money.com Das Chartbild „Risiko- vs. Resilienz-Ansatz“ illustriert diese Denkweise als statische Ver- zweigung möglicher Zukunftsvarianten: Von einem gegebenen Ausgangspunkt aus wirdmit 90-prozentigerWahrscheinlichkeit ein stabiler Pfad projiziert, der sich hori- zontal in die Zukunft fortsetzt. Daneben existiert ein zweiter Ast, der mit ursprüng- lich zehnprozentiger Wahrscheinlichkeit ein Abrutschen auf ein niedrigeres Niveau markiert – bei genauerer Betrachtung zer- fällt diese Restwahrscheinlichkeit in ein moderates Szenario mit neun Prozent und ein Extremszenariomit einemProzent Ein- trittswahrscheinlichkeit. Jeder Pfad läuft nach dem Eintritt eines Marktereignisses linear weiter – ohne Rückkopplung, ohne Anpassung, ohne Erholung. Risikomanage- ment bedeutet hier, dieWahrscheinlichkeit der ungünstigen Äste möglichst auf null zu setzen – also zu verkaufen – oder deren $XVZLUNXQJHQ GXUFK 'LYHUVLljNDWLRQ ]X dämpfen. Der Resilienz-Ansatz hingegen nimmt Risiko bewusst in Kauf und setzt darauf, nach einem Schock auf neue Informatio- nen zu reagieren und zumAusgangsniveau zurück oder nach vorn zu federn. Statt einer fächerförmigen Aufspaltung in mehrere statische Pfade verläuft hier eine einzige Kurve durch die Zeit – zunächst stabil auf dem Ausgangsniveau, dann mit einemdeutlichen Einbruch, der das Niveau vorübergehend unterschreitet, gefolgt von einer Erholungsphase, in der sich die Kurve wieder nach oben bewegt (siehe Subchart „Resilienz-Ansatz“ links). Das System wird durch den Schock nicht dauerhaft auf ein niedrigeres Niveau gedrückt, sondern kehrt aus der Störung heraus auf den ursprüng- lichen Pfad zurück. … und Robustheit Robustheit wiederum ist für Brunnermeier ein eigener Fall: Ein derartiges System funk- tioniert unter den meisten Umständen auf Autopilot – es braucht keine aktive Anpas- sung, weil es von vornherein auf Stabilität ausgelegt ist. Doch Rigidität ist nicht das- selbe wie Stabilität – dazu Brunnermeier: „Vollkasko – alles abzusichern – ist der fal- sche Ansatz.“ Der eigentliche Kern von Brunnermeiers Ausführungen lag jedenfalls imGegensatz zwischen Risiko- und Resilienzmanage- ment, den er dann auch weiter ausführt und veranschaulicht (siehe Chartfolge „Riskanter Wellenritt“). Hier zeigt die blaue Kurve des resilienten Pfades deutliche Ausschläge nach oben und unten, die sich aber letztlich oberhalb der ijDFKHQ 5LVLNRYHUPHLGXQJVJHUDGHQ EHZH - gen. Der Resilienz-Ansatz ist auf lange Sicht also ertragreicher, selbst wenn der Inves- tor mit diesem Ansatz kurzfristig größere Schwankungen in Kauf nimmt. Konkret umzusetzen ist das für Brunner- meier folgendermaßen: Substituierbarkeit und Skalierbarkeit als Abwehrmechanis- PHQ DXIEDXHQ /LTXLGLWÌWVSXȬHU YRUKDOWHQ auf Multi-Sourcing setzen – etwa Exper- tise und Trading Desks für verschiedene Anlageklassen – und Anpassungshemm- QLVVH EHVHLWLJHQ Ľ9LHOH 7ĞUHQ ĆȬQHQ GDPLW man leicht und schnell reagieren kann“, so der Princeton-Ökonom. Außerdem: Kriegs- kassen aufbauen, bevor man sie braucht. Der theoretische Anker dieser Logik reicht dabei laut Brunnermeier zurück bis zur Absicherungsnachfrage à la Merton – mit dem Unterschied, dass langfristiges Risiko VLFK QLFKW ZHJGLYHUVLlj]LHUHQ OÌVVW $QSDV - sungsfähigkeit ist aus dieser Sichtweise also das einzige Instrument, das übrig bleibt. Kipp-Punkte Der Resilienz-Ansatz weist allerdings auch klare Tücken auf. Es gibt Pfadabhängig- keiten und Punkte ohne Wiederkehr, an denen selbst der agilste Wellenreiter nichts mehr ausrichten kann. Diese Schwellen bezeichnet Brunnermeier als Fallen und Kipp-Punkte. Eine Falle ist eine Resilienzbarriere, jenseits derer das System nicht mehr in den ursprünglichen =XVWDQG ]XUĞFNljQGHW 'HU UHVLOLHQWH 3IDG bricht ein und kann sich von dort nicht mehr erholen. Kipp-Punkte wiederum lösen widrige Rückkopplungsschleifen aus – Brunner- meier illustriert das am Beispiel eines EUHFKHQGHQ ,QijDWLRQVDQNHUV GHU 3UHLV Lohn-Spiralen in Gang setzt und in unkontrollierter Eskalationmünden kann. Demnach ist nicht jedes Risiko durch Anpassungsfähigkeit beherrschbar, viel- mehr geht es darum, gezielt Risiken einzugehen und jene zu vermeiden, die Riskanter Wellenritt Identifizierung von Kipp-Punkten als Crux Das Managen von kleineren Risikoszenarien soll laut Brunnermeier das Identifizieren von echten Kipp-Punkten trainieren und auf diese Weise die Resilienz stärken. Quelle: Brunnermeier Resilienz-Management Kipp-Punkt Resilienzverstärker Risiko-Management Risikovermeidung Riskant, aber resilient Zeit Zeit Riskant, aber resilient Zeit
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