Institutional Money, Ausgabe 1 | 2026

Als wir 2016 unsere Allokation in europäische und britische Aktien in Reaktion auf das bevorstehende Brexit-Referen- dum überprüften, stellten wir uns die Frage, ob der Brexit ein temporärer Schock oder ein langfristiger Bruch für die beiden volkswirtschaftlichen Blöcke sein wird. Unserer Meinung nach wurde es Letzteres. Die britische Volkswirtschaft entwickelte sich noch schwä- cher, als es selbst pessimistische Szenarien erwarte- ten ließen. Wir fanden es zudem spannend und lehr- reich, für uns als langfristig denkende Investoren zu erkennen, dass es keinen unmittelbaren Marktein- bruch gab, sondern eine schleichende Entwicklung. Beispielsweise sind die relative Underperformance britischer Aktien gegenüber dem Rest der Welt und die Abwertung des Pfund gegenüber dem Euro über einen langen Zeitraum abgelaufen. Die Entwicklungen an den Kapitalmärkten spiegeln die letzten zehn Jahre recht neutral und objektiv wider. Seit dem Tag des Referendums wertete das Pfund gegenüber demUS-Dollar um 10,6 Prozent und gegenüber dem Euro sogar um 12,5 Prozent ab. Wer amTag des Referendums in den FTSE 250 investierte, hätte heute in Euro eine Rendite von gut 40 Prozent erzielen können. Wer stattdessen mit einem gleich- gewichteten Portfolio aus Dax, MDax und SDax auf die deutsche Wirtschaft gesetzt hätte, stünde heute mit einer Rendite von 84 Prozent da. Das vorwärts gerichtete KGV britischer Aktien ist sowohl gegen- über Europa als auch den USA kontinuierlich gefallen. Die Kapitalmärkte ziehen damit ein negatives Fazit. VOLKER PENGEL Tertium Family Office INSTITUTIONAL MONEY MEINUNGSRADAR Bild: © chocostar | Adobe Stock, Attitude1 | Adobe Stock, Rawf8 | Adobe Stock SARAH PRAETORIUS 38 1/2026 | institutional-money.com Die Erwartungen richteten sich vor allemauf dieWiedergewinnung der vollen nationalen Handlungsfrei- heit, die man durch die Abstimmungszwänge der EU bedroht sah. Von den EU-Gremien beschlosseneRicht- linien müssen von den Mitgliedsstaaten zwingend in einheimisches Recht überführt werden. Zwar war Großbritannien nicht Schengen- und Eurozonen-Mit- glied, aber es gab das Gefühl, das man auch in diese Organisationen hineingezogenwerdenwürde. Schließ- lich steht imEU-Vertrag, das eine immer engereUnion der Völker Europas angestrebt werden soll („ever clo- ser union“). Aus diesem Prozess hat sich Großbritan- nien per Referendum ausgeklinkt. Der Austritt 2020 hätte ohne ein Referendumwohl nicht stattgefunden, dennoch entsprach er einer Grundstimmung in der Bevölkerung, die es zu respektieren gilt. Politisch gibt es auf absehbare Zeit kein Momentum für eine Rückkehr, auch wenn Unternehmensvertre- ter und Fachpresse im Vereinigten Königreich sich inzwischen weitgehend einig sind, dass der EU-Aus- tritt die britische Wirtschaft spürbar und dauerhaft geschwächt hat. Dass Britannien mit einem Abkom- men über Zollfreiheit seine Stellung im europäischen Handelsraum bewahren könnte, war eine Illusion. Zu schwerwiegend sind die nicht tarifären Handels- hemmnisse, die durch die Trennung in zwei regulato- rische Sphären entstanden sind. Vorschläge von EU- Seite, sich enger zum „Alignment“ mit europäischen Regeln zu verpflichten und dies vom Europäischen Gerichtshof überwachen zu lassen, wurden regelmä- ßig zurückgewiesen. In der Folge sehen sich insbe- sondere kleinere Unternehmen mit einer geschäfts- feindlichen Bürokratie konfrontiert. Der Wegfall der Freizügigkeit verschärft darüber hinaus die Arbeits- kräfteengpässe. Im Finanzsektor verursacht der Ver- lust des „Passporting“ hohe Kosten, da zahlreiche regulierte Einheiten auf EU-Gebiet gegründet werden mussten. Glücklicherweise sind infolge der langjähri- gen Mitgliedschaft (1973–2020) des UK die Jurisdik- tionen weiterhin stark aufeinander abgestimmt. Der sprichwörtliche britische Pragmatismus wird dazu bei- tragen, dass dies weiterhin so bleibt. HARALD EGGERSTEDT Faros Consulting

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