Institutional Money, Ausgabe 1 | 2026

Der 2016 beschlossene Brexit war auf britischer Seite mit hohen wirtschaftlichen Erwartungen und in der verbliebenen Rest-EU mit ebenso großen Befürchtungen verbunden. Beides ist nicht einge- treten. Das Bruttoinlandsprodukt im Vereinigten Königreich ist von 2016 bis 2024 um 44,2 Prozent gestiegen, in der verbliebenen EU um 42,7 Prozent ein geringerer Unterschied, als von Brexit-Befür- wortern erhofft. Umgekehrt haben sich Hoffnungen, Frankfurt, Amsterdam oder Paris würden London als Weltfinanzplatz ablösen, nicht erfüllt. Gravieren- der ist aus meiner Sicht eine gesellschaftliche Spal- tung, die mit dem Brexit einherging. Briten, die ihre Identität auf Großbritannien selbst beziehen, stehen denjenigen gegenüber, die den Blick in die Welt jen- seits des früheren Empires richten. Wer in England und Wales die A-Levels ablegt, muss keine Fremd- sprache belegen. Diejenigen, die sich noch dafür entscheiden, interessieren sich oft tiefgehender für das entsprechende Land als früher. Wer als Brite im europäischen Ausland lebt, strebt häufiger die dorti- ge Staatsangehörigkeit an. Als ich 1977 im Rahmen eines Studierendenaustauschs zum ersten Mal den Boden des Vereinigten Königreichs betrat, glaubte ich noch an eine stets zunehmende Integration der Länder Europas. Es war nur konsequent, dass das Austauschprogramm Erasmus für ausländische Stu- dierende mit dem Brexit von der britischen Regie- rung beendet wurde. So fällt meine Bilanz insge- samt negativ aus. HANSPETER BEISSER Stiftung Maximilianeum Viele zentrale Versprechen – „Global Britain“, höhere Souveränität ohne Wohlstandsverlust, neue Wachs- tumsmärkte – wirken im Rückblick überzogen. Wirt- schaftlich liegt das BIP 2025 schätzungsweise sechs bis acht Prozent unter demNiveau ohne Brexit, Inves- titionen zwölf bis 18 Prozent, Beschäftigung und Pro- duktivität etwa drei bis vier Prozent darunter. Der Warenhandel ist deutlich weniger intensiv; der Anteil des Handels amBIP sank seit 2019 umrund zwölf Pro- zent. Besonders stark betroffen sind stark exportorien- tierte, in EU-Lieferketten eingebundene Branchen. Außen- und sicherheitspolitisch hat London zwar for- male Souveränität, aber keinen systematischen Sitz mehr amEU-Tisch und verzichtete lange auf institutio- nalisierte außenpolitische Kooperation. Der Brexit hat das Vereinigte Königreich strategisch geschwächt: Ein- flussverlust in der EU, zersplitterte bilaterale Formate statt strukturierter Abstimmung, irritierte Partner und ein Image selbst verschuldeter Handlungsverengung. Die EU konnte dagegen ihre sicherheits- und verteidi- gungspolitische Koordination eher vertiefen. Ökono- misch erscheint der Brexit als dauerhafter Standort- nachteil mit niedrigeremWachstumspfad, gebremstem Handel, geringeren Investitionen und geschwächter Wettbewerbsfähigkeit. Die behaupteten Chancen eigenständiger Deregulierung und globaler Abkom- men bleiben demgegenüber bislangweitgehend hypo- thetisch oder quantitativ untergeordnet. JÖRG MAYER Landeskirchenamt der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig INSTITUTIONAL MONEY MEINUNGSRADAR 1/2026 | institutional-money.com 37 Bild: © chocostar | Adobe Stock, Attitude1 | Adobe Stock, Rawf8 | Adobe Stock

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