Institutional Money, Ausgabe 1 | 2026
Geopolitik THEORIE & PRAXIS 1/2026 | institutional-money.com 105 nicht einlenkt, und physischen Drohun- gen, also sichtbaren Machtdemonstratio- nen wie Truppenverschiebungen an die Grenze oder die Entsendung von Marine- verbänden. Die Aufschlüsselung nach Drohungstypen zeigt dabei ein aufschlussreiches Muster (siehe Chart „Die gängigsten Drohgebär- den der letzten 200 Jahre“): Im unter- suchten Sample dominierenMachtdemon- strationen – das Zusammenziehen von 7UXSSHQ RGHU .ULHJVVFKLȬHQ GHU ¶EHUijXJ mit Kampfjets, Alarmbereitschaft, Mobi- lisierung und die Befestigung von Gren- zen. Explizite Kriegsandrohungen, Blocka- dedrohungen oder Besetzungsdrohungen sind seltener vertreten, aber – wie sich zei- gen wird – umso wirksamer. Insgesamt lässt sich sagen: Die Masse der geopoliti- schen Signale, die Anleihenmärkte ver- arbeiten müssen, besteht nicht aus spekta- kulären Kriegserklärungen, sondern aus dem alltäglicheren, aber nicht minder bedrohlichen Instrumentarium militäri- scher Einschüchterung. Vor diesemHintergrund lautet die zentrale Frage: Sagen Drohungen tatsächlich Krie- ge vorher? Anhand des Charts „Wahr- scheinlichkeit eines Kriegsausbruchs“ lässt sich die Antwort ganz passabel ablesen. 'LH *UDljN ]HLJW GLH PRQDWOLFKH :DKU - scheinlichkeit eines Kriegsausbruchs im Zeitfenster von fünf Monaten vor bis fünf Monate nach Äußerung einer Drohung – und zwar für drei Zeiträume: das gesam- te Sample seit 1816, die Periode bis 1945 sowie die Nachkriegszeit. In allen drei Fällen liegt die Wahrscheinlichkeit eines Kriegsausbruchs zwischen den beteiligten Staaten vor der Drohung nahe null. Nach Aussprechen der Drohung springt sie auf 0,5 bis ein Prozent und verharrt über Jah- re auf erhöhtem Niveau. Die Muster sind über die Subperioden hinweg konsistent, selbst wenn die Kon- ljGHQ]LQWHUYDOOH LQ GHU 9RUNULHJV]HLW HWZDV breiter ausfallen. Das formale Regressions- modell weist aus, dass eine Drohung die Kriegswahrscheinlichkeit im Folgemonat um 3,4 Prozentpunkte erhöht. Allerdings konvertieren selbst nach 36 Monaten nur rund fünf Prozent aller Drohungen in vollwertige Kriege. Auf der anderen Seite: Nahezu 30 Prozent münden in irgendei- ne Formmilitärischer Gewaltanwendung. Drohungen sind also keineswegs als hoh- ler Gestus zu verstehen, sondern als ein statistisch zuverlässiger Frühindikator für Eskalation. Die Konversionsrate mag auf den ersten Blick gering erscheinen, doch angesichts der dramatischen Verluste im Kriegsfall reicht bereits eine geringe Erhö- hung der Eintrittswahrscheinlichkeit, um sich in den Bondkursen niederzuschlagen. Asymmetrische Wirkung Das vielleicht bemerkenswerteste Ergebnis der Studie ist die Asymmetrie der Markt- reaktionen. Betrachtet man die Anleihen- kurse der drohenden und der bedrohten Staaten getrennt voneinander, zeigt sich ein frappierender Unterschied (siehe Chart „Reaktion von Renditen auf das Auftreten von Bedrohungen“): Die bedrohten Länder erleiden sofort nach Aussprache der Dro- hung einen Rückgang der kumulierten Renditen um rund einen Prozentpunkt, der sich in den Folgemonaten auf minus drei Prozentpunkte ausweitet. Die Impuls- antwort der bedrohten Staaten liegt dabei durchgehend imnegativen Bereichmit sig- QLljNDQWHP 3UR]HQW .RQljGHQ]LQWHUYDOO Die drohenden Staaten hingegen verzeich- QHQ NHLQHUOHL VLJQLljNDQWH .XUVUHDNWLRQ – ihre Renditen schwanken unsystema- tisch um die Nulllinie. Der Mechanismus dahinter ist konsistent: Wer droht, wird PLW VLJQLljNDQW JHULQJHUHU :DKUVFKHLQ - lichkeit selbst zum Kriegsschauplatz. Wer bedroht wird, trägt hingegen das Risiko, dass die Kampfhandlungen auf eigenem %RGHQ VWDWWljQGHQ Die Märkte preisen genau diese Asymme- trie ein. Das lässt sich auch rein rechne- risch plausibilisieren: Eine Drohung erhöht die Wahrscheinlichkeit, zumKriegsschau- platz zu werden, um 2,4 Prozentpunkte. Der durchschnittliche Verlust imFall eines zwischenstaatlichen Krieges auf eigenem Boden beträgt rund 28 Prozent über zwei Jahre. Das Produkt beider Werte – also der erwartete Verlust zum Zeitpunkt der Drohung – ergibt rund minus 0,7 Pro- zent, was ziemlich genau der beobachte- ten Kursreaktion der bedrohten Länder Reaktion von Renditen auf das Auftreten von Bedrohungen Kursentwicklung auf dem Staatsanleihen- markt des drohenden Landes Kursentwicklung auf dem Staatsanleihen- markt des bedrohten Landes DieWahrscheinlichkeit für hohe volkswirtschaft- liche Schäden ist für das bedrohte Land deutlich höher – das spiegelt sich auf dem Bondmarkt wider. Quelle: Studie „War, Threats (…)“, C. Reinhart et al. 0 -4 -2 0 2 4 1 2 Monate nach Drohung Prozentpunkte 3 4 5 0 -4 -2 0 2 4 1 2 Monate nach Drohung Prozentpunkte 3 4 5
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