Institutional Money, Ausgabe 3/2026

Foto: © Cycap Windenergie PRODUKTE & STRATEGIEN 3/2026 | institutional-money.com 223 nicht schmelzen und nur aufwendig sor- tenrein trennen. Windenergiespezifische Abfallschlüssel gibt es nicht, was die Ein- stufung von Rotorblattabfällen erschwert. Deshalb sind sie, wie das Umweltbundes- amt (UBA) schreibt, eine „Herausforderung für das Recycling“. Industriell etabliert ist das Co-Processing im Zementwerk. Genau hier setzt Armin Varmaz, Professor an der Hochschule Bre- men, an: „Die Rotorblätter sind ein reales, mengenmäßig aber nicht dominierendes Problem. Zudem ist ‚stoffliche Verwertung‘ kein geschlossener Kreislauf: Zerkleinerte Rotorblätter im Zementwerk ersetzen Pri- märrohstoffe, werden aber nicht wieder zu gleichwertigen Blättern.“ In diesemKontext ist in der Branche auch von „Downcycling“ die Rede, wobei das UBA die Mitverwer- tung in Zementwerken kritisch sieht und eine „höherwertige Verwertung“ fordert. Industrie und Forschung arbeiten tatsäch- lich an besseren Verfahren. Das IWES untersucht Pyrolyse, Solvolyse und die selektive Zerlegung von Rotorblättern. „Gleichzeitig ermöglichen neuartige Harzsysteme ein erleichtertes Recycling von zukünftigen Windenergieanlagen“, sagt Czichon. Detlef Schreiber, CEO des Asset Managers Cycap (früher CEE Group), klingt zuversichtlich: „Hier ist die Branche auf der Zielgeraden.“ Bei der Fachagentur Wind und Solar sieht man das etwas anders: „Recyclingverfahren wie die Pyrolyse oder Solvolyse eröffnen zwar Perspektiven zur Rückgewinnung von Fasern und Harzen, doch fehlen bislang wirtschaftlich tragfähige, großtechnisch etablierte Verfahren.“ Umfassende Bewertungen Für Investoren mit Kreislaufkriterien ist die Weichenstellung definitorisch. Varmaz erklärt: „Verlangt ein Investor, dass jede Komponente ohne Qualitätsverlust in ein identisches Produkt zurückkehrt, erfüllt das heute weder Windenergie noch irgend- eine andere Energietechnologie.“ Versteht man Kreislaufwirtschaft dagegen als Transformationsprozess mit Kriterien wie Lebensdauerverlängerung und hochwerti- gem Recycling, kann ein Windpark nach projekt- und komponentenspezifischer Prü- fung geeignet sein. Auf diese Weise lässt sich die Rotorblattfrage in eine günstige Relation zur Gesamtbilanz setzen und als Ausschlusskriterium ausscheiden. In der Due Diligence sind aggregierte Quo- ten nicht immer hilfreich. „Ein Windpark kann massenbezogen hervorragend recy- celn und trotzdem kleine, ökologisch oder strategisch wichtige Materialgruppen lie- gen lassen“, warnt Varmaz. Gemeint sind Verbundwerkstoffe und Seltene Erden aus Permanentmagneten; hinzu kommen Schaltanlagen mit Schwefelhexafluorid (SF6) und Leistungselektronik. Nötig sind deshalb ein digitalerMaterialpass, Nachwei- se über die Verwertungsqualität, vertraglich gesicherte Rücknahmewege und risiko- adäquate Rückstellungen. „Nachhaltiges Recycling beginnt nicht beim Zerschnei- den eines Rotorblatts nach 25 Jahren, sondern bei Materialwahl, Konstruktion undVertragsgestaltung vor der Errichtung“, so Varmaz. Die unterschätzte Position Die größte Bewertungsüberraschung droht nicht beim Recycling, sondern bei dessen Finanzierung. „Besonders wichtig und oft unterschätzt sind die Rückbaukosten. In unserer prozessbasier- ten Monte-Carlo-Analyse variieren die erwarteten Netto-Rückbaukosten eines Offshore-Referenzparks je nach Szenario zwischen rund 242.000 und 543.000 Euro proMegawatt“, erklärt Varmaz. Das Risiko ist dabei quantifizierbar: Der Wert, der in 95 Prozent der Simulationen nicht über- schritten wird, liegt im Basisszenario 30 bis 35 Prozent über dem Mittelwert. Für Investoren zählen deshalb neben dem Erwartungswert die durchschnittlichen Kosten der ungünstigsten Fälle (Condi- tional Value at Risk) und das Risiko einer Unterdeckung der Rückstellungen. Diese Zahlen stammen aus demOffshore- Bereich, wo die Schiffseinsätze und die Fundamententfernung die Kosten erhö- hen. An Land ist der Rückbau wesentlich günstiger: Das UBA veranschlagt je nach Leistungsklasse rund 87.000 bis 305.000 Euro pro Anlage, umgerechnet sind das grob 40.000 bis 60.000 Euro je Megawatt und damit ein Fünftel bis ein Zehntel der Offshore-Werte. Auch die Rechtslage ist klarer: Seit 2004 verlangt § 35 Abs. 5 » Käufer erwerben gezielt gebrauchte Turbinen, weil sie günstiger als Neuanlagen und schnell verfügbar sind. « Detlef Schreiber, Cycap Die Abfallwelle rollt erst an Zwei Messgrößen, zwei Skalen – bewusst getrennt dargestellt Die Mengen wachsen rasch, aber von einem niedrigem Niveau aus. Entscheidend ist, ob Ver- wertungskapazität entsteht, bevor die Rückbau- welle ihren Höhepunkt erreicht. Quelle: WindEurope 0 20.000 t 40.000 t 60.000 t +175% in fünf Jahren 55.000 t 20.000 40.000 60.000 2025 Rotorblätter in Europa Jährlicher Rotorblatt-Abfall, in Tonnen 2030 0 Rund siebenfache Menge bis 2040 200.000 100.000 300.000 400.000 2025 Verbundwerkstoffe in der EU Jährlicher Abfall aller Verbundteile, in Tonnen 2030

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