Institutional Money, Ausgabe 2 | 2026
Foto: © Christoph Hemmerich INTERVIEW Burkhard Balz | Deutsche Bundesbank 54 2/2026 | institutional-money.com Wechseln wir zum Thema Infrastruk- tur. Sie sind mitverantwortlich für die Target Services. Wo sehen Sie aktuell die größten Verwundbarkeiten? BURKHARD BALZ: Die TARGET Ser- vices bilden unbestritten das Rückgrat des europäischen Zahlungsverkehrs und der Wertpapierabwicklung. Eine absolut zuverlässige Betriebsstabilität ist für uns im Eurosystem daher ein echtes Muss. Die Risiken sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, was auch geopolitisch bedingt ist. Ich bin aber fest davon über- zeugt, dass wir in diesem Bereich sehr gut aufgestellt sind. Den technischen Betrieb der TARGET-Services T2 und T2S verant- worten die Zentralbanken Italiens und Deutschlands gemeinsam. In jedem Land gibt es dafür zwei Standorte. Zwei Länder also, vier Standorte. Dieses System erlaubt es uns, bei möglichen Störungen innerhalb kürzester Zeit auf einen anderen Stand- ort umzuschalten. Genau dieses Konzept wollen wir künftig auch auf den digitalen Euro übertragen: Wir planen Betriebsstand- orte in Deutschland, in Frankreich und in Italien. So kann jeder Standort völlig unabhängig von den anderen reibungslos weiterlaufen, falls an einem anderen Stand- ort Probleme aufkommen. Hans-Werner Sinn warnt seit Jahren vor systemischen Risiken durch die Target-Salden. Wie ernst nehmen Sie diese Warnungen? BURKHARD BALZ: Ich schätze Herrn Sinn als Ökonomen. Aber zur immer wie- der aufkommenden Target-Debatte gibt es bekanntlich viele unterschiedliche Sicht- weisen. Andere renommierte Professoren sagen klar, dass Herr Sinn in dieser Frage nicht zwingend richtig liegen muss. Die hohe Überschussliquidität bei der Bundes- bank liegt aus unserer Sicht überwiegend daran, dass internationaleWertpapierkäufe zumguten Teil über den Finanzplatz Frank- furt abgewickelt werden. Ich verfolge diese akademische Debatte mit großem Inter- esse und bekomme regelmäßig Updates zu den Positionen der akademischen Kombat- tanten. Als Zahlungsverkehrsvorstand der Bundesbank kann ich Ihnen aber sagen: Was die praktischen TARGET-Services EHWULȬW GD PDFKHQ ZLU XQV LP 9RUVWDQG der Bundesbank keine Sorgen. Diese aka- demischen Diskussionen hätten in der Realität ohnehin nur dann Auswirkungen, wenn mindestens ein Mitgliedsland das Eurosystem verlassen oder der Euroraum als Ganzes auseinanderbrechen würde. Ein solches Szenario halten wir für außeror- dentlich unwahrscheinlich. Künstliche Intelligenz spielt im Zah- lungsverkehr eine wachsende Rolle. Wo verlaufen für Sie die roten Linien? BURKHARD BALZ: Künstliche Intelligenz oder KI ist im modernen Zah- lungsverkehr ohne Frage ein sehr mächtiges Werkzeug. Aber es darf kein unkontrol- lierter Entscheidungsträger werden. Wir werden KI in Zukunft immer mehr ver- wenden, aber wir müssen stets die volle Kontrolle über unsere Entscheidungen behalten. KI erkennt heute schon in Echt- ]HLW DXȬÌOOLJH 0XVWHU LQ 0LOOLRQHQ YRQ 7UDQVDNWLRQHQ GLH JOHLFK]HLWLJ VWDWWljQGHQ Das kann kein einzelner Mensch jemals leisten. Mit Hilfe von KI lassen sich krimi- nelle Betrugsschäden deutlich senken. Ich ziehe in dieser Frage aber trotzdem klare Grenzen: Erstens darf es meiner Meinung QDFK NHLQH ljQDOH (QWVFKHLGXQJVDXWRQRPLH von KI bei sicherheitskritischen Prozessen ohne eine menschliche Aufsicht geben. Wenn beispielsweise eine Zahlung blo- ckiert wird, muss immer ein Mensch die ljQDOH 9HUDQWZRUWXQJ WUDJHQ 'HQQ VROFKH weitreichenden Entscheidungen berühren Grundrechte. Zweitens muss der Einsatz von KI absolut transparent und jederzeit nachvollziehbar sein. Und drittens darf der sehr hohe Datenschutzstandard, den wir in Europa haben, nicht einfach durch neue KI-Anwendungen ausgehebelt werden. Das Zahlungsverhalten eines Menschen ist schließlich hochsensibel. Es verrät sehr viel GDUĞEHU ZR VLFK MHPDQG EHljQGHW ZDV HU kauft, ob er vielleicht politisch aktiv ist oder wohin er reist. Daten, die für einen legiti- men Zweck erhoben wurden, dürfen nicht einfach durch KI für völlig andere Zwecke genutzt werden. Sie sprechen auch in diesem Zusam- menhang von der Notwendigkeit europäischer Souveränität. Reicht Regulierung allein? BURKHARD BALZ: Nein, Regulierung allein genügt in diesem Bereich absolut nicht. Der EU AI Act ist zweifellos ein richtiger und wichtiger erster Schritt. Er unterwirft gerade Risikoanwendungen im Finanzbereich ganz besonders strengen Anforderungen. Aber wir brauchen dar- über hinaus dringend eigene europäische Lösungen, tiefe europäische Kompetenz und vor allem eine verlässliche europäi- sche Kontrolle über die Systeme, auf die wir uns tagtäglich verlassen. Wir sehen heute sehr starke Cluster von KI-Anbie- tern in den USA und zunehmend auch in China. Es geht hier also um weit mehr als nur um einen Gesetzestext: Wir brau- chen zwingend ein echtes europäisches KI-Ökosystem. Das ist im Grunde genom- men exakt dasselbe Souveränitätsthema, das wir vorhin schon beim Zahlungsver- kehr diskutiert haben, nur geht es hier eben um die KI. Stablecoins haben sich in wenigen Jahren von einem Krypto-Randphä- nomen zu einem relevanten Baustein » Künstliche Intelligenz ist im modernen Zahlungsverkehr ein sehr mächtiges Werkzeug. Aber es darf kein unkontrollierter Entscheidungsträger werden. « Burkhard Balz, Deutsche Bundesbank
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