Institutional Money, Ausgabe 2 | 2026
INTERVIEW Burkhard Balz | Deutsche Bundesbank 48 2/2026 | institutional-money.com BURKHARD BALZ GEHÖRT aktuell zu den dienstältesten Mitgliedern im Vor- stand der Deutschen Bundesbank. Nur er und Vizepräsidentin Sabine Mauderer sind bereits seit 2018 imAmt. Ende August läuft seine reguläre Amtszeit aus, ein guter Zeit- punkt für eine Bilanz. Im Interview spricht Balz über die Fortschritte und Stolpersteine beim digitalen Euro: Haltegrenzen, Daten- schutz, Zeitplan. Zudem erklärt er, warum Europas Abhängigkeit vonUS-Zahlungssys- temen für ihn ein Alarmzeichen ist – und warum er das schon 2018 gesagt hat, als man ihn dafür noch belächelte. Stellung nimmt Balz auch zu den Target-Salden und Hans-Werner Sinns Kritik, zu KI im Zah- lungsverkehr und zu den Projekten Pontes und Appia. Und nicht zuletzt auch zur Skepsis institutioneller Investoren, die in der aktuellen Regulierungs- und Infrastruk- turagenda vor allem so etwas wie einen „Overreach“ der Zentralbanken sehen. Herr Balz, Sie verantworten im Vor- stand der Bundesbank den baren und digitalen Zahlungsverkehr, den digi- talen Euro und den internationalen Zentralbankdialog. Viele erwarten zwischen Stabilitätsmandat und Innovationsdruck ein dauerhaftes Spannungsfeld. Befinden Sie sich in einem solchen? BURKHARD BALZ: Ehrlich gesagt sehe ich da keinen grundsätzlichen Gegensatz. Ich glaube, dass sich Stabilität und Inno- vation gut miteinander vereinbaren lassen, sich letztlich sogar gegenseitig bedingen. Um Stabilität langfristig zu sichern, müs- senwir bestimmte Innovationen amMarkt unbedingt mitgehen. Die Bundesbank ist ordnungspolitisch in dieser Hinsicht klar aufgestellt: Wettbewerb ist etwas Positives, und Innovation ist grundsätzlich zunächst einmal gut. Natürlich müssen wir Innova- tionen sehr genau beobachten, wohin sie führen und welche neuen, potenziell ris- kanten Entwicklungen siemit sich bringen. Genau da ist dann auch einewache Aufsicht gefordert. Aber diesen innerenWiderstreit, denmanche Kritiker gern nennen, sehe ich in meinem Verantwortungsbereich über- haupt nicht. In demBereich, denwir intern „Kernleistung Geld“ nennen – dazu gehö- ren Bargeld, der unbare Zahlungsverkehr und das Projekt Digitaler Euro –, sehe ich zum Beispiel keinen Gegensatz zwischen physischemBargeld und digitalemZentral- bankgeld. Mit dem digitalen Euro wollen wir unser bestehendes Angebot sinnvoll erweitern, keinesfalls aber das Bargeld erset- zen. Das sehen Sie auch daran, dass das Eurosystem derzeit die dritte Euro-Bank- notenserie vorbereitet. Ich gehe fest davon aus, dass der EZB-Rat noch in diesem Jahr den formellen Beschluss fassen wird, diese neue Serie einzuführen. Wahrscheinlich wird es die ersten neuen Banknoten dann zu Beginn der 2030er-Jahre geben. Gleich- zeitig treiben wir mit großem Nachdruck das Thema digitales Zentralbankgeld voran. Das zeigt sehr anschaulich: Stabilität und Innovation schließen sich nicht aus, son- dern können sich gegenseitig stärken. Die Bundesbank betont, sie wolle „Stabilität sichern und Zukunft gestalten“. Wie stellen Sie sicher, dass Zukunftsprojekte das Stabili- tätsmandat nicht gefährden, sondern tatsächlich stärken? BURKHARD BALZ: Ich sehe unsere Zukunftsprojekte nicht als Selbstzweck. Für mich sind sie ein unverzichtbares Instru- ment, um unser Stabilitätsmandat im digitalen Zeitalter nachhaltig abzusichern. Bei Projekten ist es entscheidend, Innovatio- nen nicht nur rein technisch zu begreifen, sondern von Anfang an mögliche wirt- schaftliche Implikationen mitzudenken. Konkret heißt das für uns: Wir brauchen von Beginn an klare Leitplanken. Beim GLJLWDOHQ (XUR EHWULȬW GDV ]XP %HLVSLHO die geplante Nichtverzinsung. Der digitale Euro wird ein Zahlungsmittel sein, keine Geldanlage. Hinzu kommt die viel dis- kutierte Haltegrenze. Sie soll verhindern, dass die Menschen in Krisensituationen ihr gesamtes Geld vom Bankkonto in die Digitale-Euro-Wallet übertragen. Außerdem benötigenwir strikteDatenschutzvorgaben. Und wir binden die etablierte Kreditwirt- schaft ganz bewusst eng ein. Der frühere Finanzminister Christian Lindner hat den digitalen Euro in der Vergangenheit einmal als „digitalen Bargeldzwilling“ bezeichnet. 'DV WULȬW GLH 6DFKH JDQ] JXW Viele institutionelle Investoren neh- men den digitalen Euro bisher vor allem als politisches Projekt wahr. Was ist Ihre Kernbotschaft an diese Zielgruppe? BURKHARD BALZ: Ich beschäftigemich schon sehr lange mit diesem komplexen Thema und vertrete seit meinemallerersten Tag im Herbst 2018 hier bei der Bundes- bank aus persönlicher Überzeugung exakt dieselbe Botschaft: Wir müssen im Zah- lungsverkehr aus einer rein europäischen Sicht wieder deutlich unabhängiger wer- den. Das war damals keine Haltung gegen die USA und ist es auch heute nicht. Ich war immer ein überzeugter Transatlantiker XQG KRȬH VHKU GDVV GLH DNWXHOOH /DJH nur eine Übergangsphase darstellt. Aber in einer systemkritischen Infrastruktur, zu der der Zahlungsverkehr gehört, dürfen wir uns schlichtweg nicht zu abhängig von anderenmachen. Schauen Sie sich den Euroraum doch einmal genau an: Von 21 Mitgliedsstaaten hat die große Mehrheit keine eigene nationale Bezahllösung. Selbst die bewährte Girocard funktioniert außer- halb von Deutschland nur deshalb, weil im Hintergrund amerikanische Anbieter wie Mastercard oder Visa die Abwicklung übernehmen. Derzeit werden knapp zwei Drittel aller Kartenzahlungen im Euro- raum über außereuropäische Systeme abgewickelt. Diese Abhängigkeit ist abso- OXW UHDO $OV LFK GLHVHQ 8PVWDQG RȬHQ angesprochen habe, wurde ich dafür noch belächelt. Heute wird dieser Aspekt sehr ernst genommen. Wenn europäische Souveränität Argu- ment Nummer eins für den digitalen Euro ist: Welche weiteren Kernargu- mente bringen Sie vor? BURKHARD BALZ: Ein ebenso wichti- ger Punkt ist die Resilienz unserer Systeme. Nur wer unabhängig ist und technisch widerstandsfähige Systeme hat, kann ernsthafte Krisensituationen unbeschadet » Mit dem digitalen Euro wollen wir unser bestehendes Angebot sinnvoll erweitern, keinesfalls aber das Bargeld ersetzen. « Burkhard Balz, Deutsche Bundesbank
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