Institutional Money, Ausgabe 1 | 2026

„MEINE SEHR VEREHRTEN DAMEN und Herren, wir erreichen jetzt Dortmund Hauptbahnhof. Wir verabschieden uns von allenFahrgästen, die hier aus- undumsteigen und entschuldigen uns für die Unannehm- lichkeiten.“Die Entschuldigungnützt nichts. Bei einer Verspätung von über 90 Minuten wird es knapp. Schnell raus aus dem Zug, in ein Taxi gesprungen, und los geht’s in die Voßkuhle 38. Hier ist sie beheimatet, die Versorgungskasse für Pfarrer undKirchenbe- amte (VKPB), und von dort aus soll der Spa- ziergang heute starten. Das Taxi stoppt. Die Treppen in den vier- WHQ 6WRFN KLQDXI GLH 7ĞU ijLHJW DXI ł VFKRQ steht er da. „Hallo, Wolfram Gerdes, freut mich sehr“, sagt er. Hochgewachsen, sehr schlank, seinHändedruck ist kräftig. Gleich wird klar: Der Vorstand für Kapitalanlagen und Finanzen der KirchlichenZusatzversor- gungskasse Rheinland-Westfalen (KZVK) und der VKPB ist sportlich. Wie sportlich, das wird sich später erst herausstellen. Ľ6ROOHQ ZLU HUVW PDO HLQHQ .DȬHH WULQNHQ bevor wir starten?“, fragt Gerdes. Nach der abenteuerlichen Zugfahrt keine schlechte Idee. „Das kenne ich“, lacht der Vermögens- manager auf dem Weg in sein Büro. „Ich pendle seit 15 Jahren fast jede Woche von meinem Wohnort Esslingen nach Dort- mund“, berichtet er. „Was die Gründe für Verspätungen der Deutschen Bahn angeht, habe ich mir in dieser Zeit eine hohe Ex- pertise erworben“, zwinkert Gerdes. Sein trockener Humor wird an diesem Märztag noch öfter in Erscheinung treten. Seit 15 Jahren ist WolframGerdes Vorstand für Kapitalanlagenund Finanzender KZVK und der VKPB. Die beiden Versorgungskas- sen sind rechtlich gesehen getrennt, werden aber wie ein Unternehmen geführt. Für die gemeinsame Anlagepolitik der beiden Kas- sen zeichnen Gerdes und sein Team verant- wortlich. Zusammen managen sie ein Ver- mögen vonderzeit rund 20MilliardenEuro. Dabei war esWolframGerdes keineswegs an derWiege gesungen, dass er einmal ins Port- foliomanagement einsteigen würde. Neben dem Sport gilt seine große Leidenschaft zunächst der Mathematik. Erst als er nach dem Studienabschluss 1985 von Heidelberg andasMassachusetts Institute of Technology wechselt, um zu promovieren, entdeckt er, wie spannend die Kapitalanlage sein kann. %HUXijLFK DEHU EOHLEW :ROIUDP *HUGHV HUVW einmal der Mathematik treu. Nach seiner Dissertation im Jahr 1989 tritt er eine Pro- fessur an der Brandeis University in Walt- ham, Massachusetts, an. Fast schon scheint seine Laufbahn vorgezeichnet: Forschung, Lehre, ein immer tieferer Einstieg in die hohe Mathematik, ein Leben in den USA. Doch es kommt anders. Als Gerdes seine heutige Ehefrau kennen- lernt, stellt derMathematikprofessor dieWei- chen neu. Zu diesemZeitpunkt ist er bereits so fasziniert vonÖkonomie undKapitalanla- ge, dass er zwei Dinge beschließt: Weil seine damalige Freundin nicht für immer in den USA leben möchte, wird er mit ihr zurück nach Deutschland gehen. Und er wird der Mathematik den Rücken kehren, sich eine Stelle imVermögensmanagement suchen. Gesagt, getan. 1992 beginnt Gerdes bei der Allianz Lebensversicherung in Stuttgart und arbeitet dort wenig später imPortfolio- management. Es folgen Führungspositio- nen bei der frisch gegründeten Fondsgesell- schaft des Versicherers, die damals als Allianz $VVHW0DQDJHPHQW ljUPLHUW EHL GHU HKHPDOL genCominvest und derWürttembergischen Versicherung. 2011 wird Wolfram Gerdes schließlichVorstand für Kapitalanlagen und Finanzen bei der KZVK und der VKPB. „Von Stuttgart nach München, von Mün- chen nach Frankfurt und von da wieder QDFK 6WXWWJDUW ł ZLU VLQG VFKRQ UXPJH - Wolfram Gerdes PORTRÄT 1/2026 | institutional-money.com 83 » Als Portfoliomanager braucht man Neugier, Spaß daran, die Welt zu beobachten, und den Mut, sich gegen jeden Mainstream vollkommen unabhängig eine eigene Meinung zu bilden. « Wolfram Gerdes, Vorstand für Kapitalanlagen und Finanzen KZVK und VKPB ZWISCHEN MATHE UND KAPITALANLAGE: EIN AUSSERGEWÖHNLICHER BERUFSWEG Wolfram Gerdes wurde 1960 im baden-württembergischen Ellwangen geboren. Er studierte Mathematik und Physik an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Nach dem Diplom-Abschluss wechselte er 1985 an das Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo er im Fach Mathematik promovierte. Ab 1989 war Gerdes Professor für Mathematik an der Brandeis University in Boston, bis er 1992 bei der Allianz Lebensversicherung in Stuttgart begann. Nach einem Jahr wurde er Assistent des Kapitalanlagevorstands. 1998 wurde Gerdes Gründungsgeschäftsführer bei Allianz Asset Management (heute Allianz Global Investors) in München. Im Jahr 2004 wechselte er zur damaligen Cominvest, wo er als Geschäftsführer und Chefanlagestratege arbeitete. Nach seiner Tätigkeit als Vorstand für Kapitalanlagen bei der Württembergischen Versicherung in Stuttgart und einem kurzen Abstecher bei WGC Systematisch Investieren wurde er 2011 Vorstand für Kapitalanlagen und Finanzen bei der Kirchlichen Zusatzversorgungskasse Rheinland-Westfalen (KZVK) und der Versorgungskasse für Pfarrer und Kirchenbeamte der Evangelischen Kirche im Rheinland, der Evangelischen Kirche von Westfalen und der Lippischen Landeskirche (VKPB). In dieser Position ist er bis heute in Dortmund tätig.

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