Institutional Money, Ausgabe 3/2026

Foto: © Evangelische Bank, Cambridge Associates PRODUKTE & STRATEGIEN Nachhaltigkeitstransformation 214 3/2026 | institutional-money.com die Energiekrise 2022. Gas und Kernkraft wurden als „taxonomiekonform“ eingestuft – ein politischer Kompromiss, der die ESG- Logik fundamental veränderte. Plötzlich war Kernenergie nicht mehr tabu, sondern Teil der Lösung auf dem Weg zur Zero- Emission von CO 2 . Parallel verschob sich der Fokus: ESGwurde zunehmend als Risikosteuerungsinstrument verstanden – weniger als moralisches Urteil. Man hatte verstanden, dass moralische Vor- stellungen facettenreich sind. Insbesondere Versicherer fokussierten sich lieber darauf, Lieferketten, Governance und Klimarisiken zu bewerten, als ideologisch unterwegs zu sein. Dazu Norbert Rollinger auf der GDV- Pressekonferenz 2023: „Für Versicherer ist Nachhaltigkeit ein zentraler Bestandteil des Risikomanagements.“ Er ist CEO der R+V Versicherung und GDV-Präsident. Für Ratana Tra, Senior Investment Director für Sustainable&Impact Investing bei Cam- bridge Associates, ist klar: „Nachhaltiges Investieren dient der Risikosteuerung. Kein Investor möchte auf Anlagen sitzen, die nicht zukunftsfähig sind. Es gilt, Stranded Assets in den Portfolios zu verhindern.“ Er sieht dabei einen deutlichen Unterschied zwischen liquiden und illiquiden Märkten. „Wenn man als Kunde mit der Ausweitung des Nachhaltigkeitsbegriffs nicht einverstan- den ist, wird es bei Privatmarktanlagen deutlich schwieriger, die entsprechenden Investments zu verkaufen als in einem liquiden Portfolio. Außerdem sind Private- Markets-Anlagen im Regelfall langfristiger ausgerichtet. Dahermüssen sichPrivatmarkt- anleger imVorfeldmehrGedankenüber die Gefahr von Stranded Assets machen als bei börsennotiertenWerten.“ Ökonomische Interessen Den durch denRussland-Ukraine-Krieg ver- ursachten Verwerfungen amEnergiemarkt folgte eine Fokussierung des Nachhaltig- keitsbegriffs auf ökonomische Interessen. „Entsprechend wurden ESG-Maßnahmen stärker wirtschaftlich geframt. ESG kann etwa die Resilienz durch autarke Energie­ versorgung, die Wettbewerbsfähigkeit durch diverse Teams oder die Attraktivität als Arbeitgeber durch ein Mission State- ment steigern. Die reine Ethik ist in den Hintergrund gerückt“, stellt Radü fest. Im Vordergrund sieht er nun strategische und wirtschaftliche Überlegungen, wie sich ESGpositiv auf das eigene Geschäftsmodell auswirkt und dieses zukunftsfähig macht. „Darin liegt eine große Chance, weil Nachhaltigkeit so als strategisches Steue- rungsinstrument greifbar wird und aus der esoterischen Ecke herauskommt, in der es mitunter steckte“, meint Radü. Ratana Tra sieht bei Investorenmehr Stabili- tät als bei Regulatoren: „Es scheint so zu sein, dass auf regulatorischer Seite derNachhaltig- keitsbegriff flexibel gehandhabt wird, um die Kapitalströme in die jeweils gewünschte Richtung zu lenken. Glücklicherweise ist bei den Investoren die Sicht auf das Thema oft langfristiger und stabiler. Viele sind weniger beeinflusst von kurzfristigen Überlegungen als die Regulatoren, die auch politische Strö- mungen berücksichtigen müssen.“ Er hat viel mit Stiftungen und Family Offices zu tun, die oft sehr langfristige Interpretatio- nen haben. So gibt es Investoren, die eigene wertebasierteMindeststandards festlegen, die unabhängig von der Regulatorik sind: „Als kirchlich geprägter Investor beziehungsweise als Institut mit klaren Leitlinien können wir uns nicht allein an der Regulatorik orientieren. Atomenergie, fossileÜbergangs- technologien oder Rüstung bleiben für uns hochsensibel und vielfach ausgeschlossen oder nur unter sehr engen Bedingungen denkbar“, sagt BernhardGraeber, Geschäfts- führer und Leiter Real Assets bei EB-SIM, demAssetManager der EvangelischenBank. Korrektur: Omnibus-Regulierung und SFDR 2.0 Trotz solcher Beispiele zeigte sichbei Anwen- dung der Regulierung 1.0 nach und nach, dass die SFDR in der Praxis überkomplex war. Auf einer Paneldiskussion 2024 erklärte Tilman Lüder: „Wir haben deutlich erfah- ren, dass die SFDR in der Praxis zu komplex geworden ist und dass Anpassungen erfor- derlich sind.“ Lüder ist Bereichsleiter für Wertpapiermärkte in der EU-Kommission. Entsprechend begann die EU 2024/25, die ESG-Regulatorik zu korrigieren. Es geht weiter in Richtung einer Vereinheitlichung, beinhaltet aber auch eine Entschärfung: weniger PAI-Indikatoren, klare Definitio- nen, vereinheitlichte Templates. Die geplante SFDR-Reform (SFDR 2.0) geht nochweiter: Artikel 8 und 9 könnten verschwinden und ersetzt werden durch die drei Begriffe „Sus- tainable“, „Transition“, „ESG Improver“. Wir stehen also vor der drittenESG-Welle, in der dieLabels neu sortiert undStrategienneu kalibriert werdenmüssen. MarkMcCombe, Chief Client Officer von BlackRock, sagte 2023 in einem Interview: „Wir treten in eine neue Phase des nachhaltigen Investierens ein, in der sich Rahmenbedingungen und Klas- sifizierungen weiterentwickeln werden und Anleger ihre Strategien entsprechend anpas- senmüssen.“ Die häufigen Anpassungen sind für Inves- toren herausfordernd: „Wir haben immer argumentiert, dass man eine Klassifizierung nach Artikel 8 oder 9 der SFDR nicht als Abkürzung nehmen kann, wenn man als Anleger seiner selbst definiertenAnlagepoli- tik treu bleiben möchte. Man muss hinter den Vorhang schauen. Wie wird die Strate- gie imPortfolio tatsächlich umgesetzt? Das » In der Niedrigzinsphase wurde ESG in der Kommunikation vor allem aus einer ethischen Perspektive betrachtet. « Jasper Radü, Senior-PR-Berater und Mitglied der Geschäftsleitung der Kommunikationsberatung für Immobilien und Finanzunternehmen PB3C

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