Institutional Money, Ausgabe 3/2026
Foto: © ETH Zürich PRODUKTE & STRATEGIEN Humanoide Roboter 202 3/2026 | institutional-money.com für Investorenweit mehr sein könnte als der nächste Technologiehype. Entscheidend ist allerdings, ob Maschinen tatsächlich jene Flexibilität erreichen, dieMenschen bislang von klassischen Industrierobotern unter- scheidet. Genau hier haben die jüngsten Fortschritte bei künstlicher Intelligenz die Voraussetzungen grundlegend verändert. Wenn KI einen Körper bekommt Der entscheidende Technologiesprung liegt in der Verbindung von Robotik und künstlicher Intelligenz. „Robotik ist letzt- lich physische künstliche Intelligenz. Ohne KI gäbe es humanoide Roboter in ihrer heutigen Form überhaupt nicht“, sagt Sailer. Fortschritte bei KI-Modellen tref- fen heute auf leistungsfähigere Sensoren, Aktuatoren und Chips. Zugleich können Bewegungsabläufe zunächst millionenfach in Simulationen trainiert werden, bevor ein Roboter sie in der realen Welt ausführt. Dass die Autoindustrie beimHochlauf eine wichtige Rolle spielt, ist kein Zufall. Huma- noide Roboter und Elektroautos haben wesentliche Technologien gemeinsam: Batterien, Sensoren, KI-Chips und Leis- tungselektronik. Noch wichtiger ist die Erfahrung der Branche, komplexe Produkte in hoher Stückzahl zu fertigen. „Vor allem aber verfügen sie über jahrzehntelange Erfahrung darin, einen Prototyp in die industrielle Massenfertigung zu überfüh- ren, und genau das ist jetzt die eigentliche Herausforderung“, sagt Sailer. Denn zwischen einem beeindruckenden Prototyp und einem Roboter, der zuver- lässig acht Stunden am Tag in einer Fabrik arbeitet, liegt noch ein beträcht- licher Abstand. Genau hier beginnt der Reality Check. Zwischen Demo und Fabrikalltag Spektakuläre Videos, in denenHumanoide laufen, Gegenstände sortieren oder kom- plexe Bewegungen ausführen, vermitteln leicht den Eindruck, die Technik sei wei- ter, als sie tatsächlich ist. Mike Glöckner, Technologieanalyst bei DJE Kapital, warnt deshalb vor überzogenen Erwartungen: „Man sollte das Thema weder übertreiben noch kleinreden. Wir stehen am Anfang einer sehr langen Entwicklung: Die Dyna- mik ist real, aber die Erwartungen waren Anfang des Jahres teilweise zu euphorisch.“ Vor allem der Schritt von einer trainierten Einzelaufgabe zu einem flexibel einsetzba- ren Roboter bleibt schwierig. „Humanoide Roboter sind heute noch hoch spezialisiert undmüssen für einzelne Aufgaben aufwen- dig trainiert werden. Von einem Roboter, der beliebige Tätigkeiten wie ein Mensch übernimmt, sind wir noch weit entfernt“, sagt Glöckner. Roland Siegwart, Professor für Autonome Systeme an der ETH Zürich, sieht ins- besondere beim Erfassen unstrukturierter Umgebungen und bei der Geschicklich- keit der Hände noch erhebliche Hürden. Sein Urteil: „Insgesamt würde ich sagen, dass der Fortschritt im Moment ein Stück weit überschätzt wird.“ Das heißt nicht, dass wirtschaftliche Anwendungen in weiter Ferne liegen. Sie dürften zunächst dort entstehen, wo die Umwelt berechenbar ist und die Aufga- ben klar definiert sind: in Fabriken und Logistikzentren. Die Fabrik als Testlabor „Die ersten großen Anwendungen sehen wir eindeutig in der Industrie. Ferti- gung und Logistik sind kontrollierbare Umgebungen“, sagt Glöckner. Dort sollen Humanoide zunächst wenig spek- takuläre, aber wirtschaftlich relevante Tätigkeiten übernehmen: Material transpor- tieren, Maschinen beladen oderWerkstücke greifen. Auch eine Befragung des Fraun hofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung unter Industrieunterneh- men sieht hier die wichtigsten Einsatzfelder. Ob die Maschinen dafür tatsächlich zwei Beine benötigen, ist allerdings fraglich. In der Fraunhofer-Studie bevorzugen 56 Pro- zent einemobile Plattformauf Rädern, nur rund 40 Prozent halten Beine für erforder- lich. „Ich gehe deshalb davon aus, dass erste Anwendungen eher zwei Armemit Rädern statt Beinen kombinieren – gerade in der Logistik, wo der Untergrund ohnehinmeist flach ist“, sagt Siegwart. Für die Auswahl der künftigen Gewinner ist die Bauform relevant. Die übergeord- nete Investmentthese hängt jedochweniger daran, ob sich der klassische Humanoid durchsetzt, als daran, ob KI und flexible Robotik immer größere Teile körperlicher Arbeit automatisieren können. Welche Bau- form gewinnt, dürfte vor allem eine Frage der Wirtschaftlichkeit sein. Wann rechnet sich der Roboter? Für Unternehmen entscheidet sich der Durchbruch nicht dadurch, wiemenschen- ähnlich sich ein Roboter bewegt, sondern an den Kosten pro produktiver Arbeits- stunde. Neben demKaufpreis zählen dabei Auslastung, Lebensdauer, Wartung und vor allem Zuverlässigkeit. Eine Maschine, die regelmäßig ausfällt oder für jede neue Tätigkeit aufwendig trainiert werdenmuss, kann trotz erschwinglichemAnschaffungs- preis teuer sein. Noch unterscheiden sich die Kosten erheblich. „Heute liegen die Herstellungs- kosten eines humanoiden Roboters in China bei rund 46.000 US-Dollar, außer- » Insgesamt würde ich sagen, dass der Fortschritt im Moment ein Stück weit überschätzt wird. « Roland Siegwart, Professor für Autonome Systeme, ETH Zürich
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