Institutional Money, Ausgabe 3/2026
Quanten-Gefahr PRODUKTE & STRATEGIEN 3/2026 | institutional-money.com 195 ändert, weiß niemand. Doch wenn der Q-Day kommt, lässt sich die Vertraulichkeit der über Jahre gesammelten Daten nicht nachträglich wiederherstellen. „Die von Quantencomputern ausgehendenGefahren sind näher, als ihr Entwicklungshorizont nahelegt“, formuliert die BIZ das Paradox in einemPaper vom vergangenen Jahr. Für die Finanzbranche hat der Wettlauf gegen die Zeit begonnen. Angst vor dem Q-Day Der Q-Day ist der Tag, auf den die Angrei- fer warten. Gemeint ist jener Zeitpunkt, an dem Quantencomputer verfügbar sind, die leistungsfähig und stabil genug sind, um heute verbreitete Public-Key- Kryptografie zu brechen. Gefährdet wären insbesondere Verfahren wie RSA und Elliptic-Curve Cryptography (ECC), die digitale Kommunikation, Schlüssel austausch, Authentifizierung und Signaturen absichern. Das US-amerikani sche National Institute of Standards and Technology (NIST), eine der weltweit maßgeblichen Institutionen für Krypto- grafiestandards, stuft diese Verfahren als quantenverwundbar ein. Möglich macht das der bereits 1994 entwickelte Shor-Algorithmus. Ein hinrei- chend leistungsfähiger Quantencomputer könnte damit mathematische Probleme, auf deren Schwierigkeit die Sicherheit von RSA und ECC beruht, sehr viel effizien- ter lösen. Noch ist die Hardware davon ein Stück weit entfernt: Qubits sind störanfäl- lig, und ausreichend große, fehlerkorrigierte Systeme zu bauen, ist weiterhin eine techni- sche Herausforderung. Die Erwartungen, wann diese Hürde fällt, sind unterschiedlich. In einer von der BIZ zitierten Befragung von 2024 erwarten 27 Prozent der Experten einen kryptografisch relevanten Quantencomputer innerhalb von zehn Jahren, 50 Prozent innerhalb von 15 Jahren. FERI verweist auf eine Umfrage, in der 37 Prozent der Befragten erwarten, dass Quantencomputer bereits innerhalb der nächsten sechs bis zehn Jahre bei bestimmten Anwendungen klassischen Rechnern überlegen sein werden; 24 Pro- zent erwarten das bereits in den nächsten vier bis fünf Jahren. „Überlegen“ bedeu- tet allerdings nicht zwangsläufig, dass Quantencomputer dann bereits heutige Kryptografie brechen können. „Der eigentliche Kipppunkt kommt, sobald feh- lerstabile Quantencomputer verfügbar sind. Das könnte bereits gegen Ende dieses Jahr- zehnts der Fall sein –möglicherweise sogar früher“, erklärt Heinz-Werner Rapp vom FERI Cognitive Finance Institute. Die Finanzbranche kann es sich deshalb kaum leisten, auf Gewissheit zu warten. Zumal die Alternative zur heutigen Kryptografie inzwischen bereitsteht: Post- Quantum Cryptography (PQC) benötigt selbst keinen Quantencomputer, sondern läuft auf klassischen Systemen und basiert auf mathematischen Verfahren, die auch Quantenangriffen widerstehen sol- len. Das NIST verabschiedete im August 2024 die ersten drei zentralen PQC-Stan- dards und forderte Organisationen auf, mit der Migration zu beginnen. Nach der derzeitigen Transition Roadmap sollen quantenverwundbare Verfahren bis 2035 aus den entsprechenden Standards ver- schwinden; besonders gefährdete Systeme sollen früher umgestellt werden. Kein simples Update Doch neue Algorithmen bereitzustellen ist nur der erste Schritt. Sie in die gewachsene IT-Infrastruktur des Finanzsystems einzu- bauen, ist die eigentliche Herausforderung. Dass die Finanzbranche früh beginnen muss, liegt nicht nur an HNDL, sondern auch an der Dimension des Umbaus. Zunächst müssen Institute überhaupt ermitteln, wo in ihrer IT verwundbare Kryptografie steckt: in Zertifikaten und digitalen Signaturen, VPN-Verbindungen, Anwendungen, Datenbanken oder Hard- ware. Hinzu kommen Abhängigkeiten von Softwareherstellern, Cloudanbietern, Zahlungsdienstleistern und anderen Finanzinstituten. „Da in der Breite eine Vielzahl von Herstellerprodukten in der Gesamt-IT-Architektur eingesetzt wird, ergeben sich die größten praktischen Her- ausforderungen in der Kompatibilität der PQC-Verfahren mit diesen Produkten“, sagt Nils Wilhelms, Leiter IT-Steuerung bei der DekaBank, demWertpapierhaus der deutschen Sparkassen. „Die Integrationsauf- wände sind daher abhängig vom jeweiligen Technology Stack.“ Die BIZ warnt deshalb ausdrücklich davor, die PQC-Migration als „einfachen Austausch von Algorithmen“ zu betrachten. Auch technisch ist derWechsel nicht trivial. Post-Quantum-Verfahren können größere Schlüssel und Signaturen sowie mehr Rechenleistung und Bandbreite benötigen. Die Systeme müssen zudem während der Migration weiter funktionieren und mit Geschäftspartnern kommunizieren kön- nen, die möglicherweise noch klassische Kryptografie einsetzen. Gefragt ist deshalb Kryptoagilität: Algorithmen sollen künftig ausgetauscht werden können, ohne jedes Mal einen jahrelangen Umbau auszulösen. Wie unterschiedlich der Handlungsdruck ausfallen kann, zeigt das von Europol ini tiierte Quantum Safe Financial Forum. Sein aktuelles Rahmenwerk bewertet Anwendungen sowohl nach ihremQuan- tenrisiko als auch danach, wie aufwendig und langwierig ihre Migration ist. Öffent- liche Websites gelten beispielsweise als Kandidaten für eine frühe Umstellung: Erwartete Durchsetzungszeit für Quantencomputer Viele Experten sehen den Durchbruch noch in diesem Jahrzehnt. Nach einer Umfrage der amerikanischen Quan- tencomputing-Firma QuEra von 2024 rechnet die größte Gruppe damit, dass sich die Techno- logie innerhalb der kommenden sechs bis zehn Jahre durchsetzt. Gut 24 Prozent sehen das bereits binnen vier bis fünf Jahren. Quelle: Feri, QuEra Computing, 2024 Innerhalb des nächsten Jahres Innerhalb der nächsten 2—3 Jahre Innerhalb der nächsten 4—5 Jahre Innerhalb der nächsten 6—10 Jahre In mehr als 10 Jahren Nie Weiß ich nicht 0% 10% 20% Verteilung der Antworten 30% 40% 23,1 % 37,1 % 0,6% 24,3% 11,3% 2,3% 1,4%
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