Institutional Money, Ausgabe 3/2026
THEORIE & PRAXIS EZB-Umfeld 100 3/2026 | institutional-money.com Zitat von Clemens Fuest erinnert, wonach die aktuellen Zinsanhebungen gar nicht mehr so sehr imSinne der deutschen – und damit ähnlich gelagerter – Volkswirtschaf- ten sein dürften. Die Rolle der Ultrafalkin hat somit Isabel Schnabel mit einem Score von +1,5 übernommen. Kurz vor Redak- tionsschluss folgte die EZB-Direktorin der reinen EZB-Lehre, indem sie von „eindeu- tig nach oben“ gerichteten Inflationsrisiken und „ziemlich besorgniserregenden“ Preis- anstiegen imEnergiebereich sprach. Sekundiert wurde sie vom slowakischen RatsmitgliedPeterKazimír, dessen„Augen- merk nun weniger den Öl- und Kraft- stoffpreisen, sondern zunehmend den Gas- und Strompreisen gilt“. Kazimír bringt es auf 1,25 Falkenpunkte – ebenso wie sein estnischer Konterpart ÜloKaasik. Insgesamt hat sich das Gefüge folgender- maßen verschoben: • Slowenien: ausgewogen zu Falke • Luxemburg: ausgewogen zu Falke • Slowakei: ausgewogen zu Falke • Portugal: Taube zu ausgewogen • Spanien: Taube zu ausgewogen • Irland: Taube zu ausgewogen • Lettland: Falke zu ausgewogen • Niederlande: Falke zu ausgewogen • Malta: ausgewogen zu Taube • Elderson (Präsidium): Falke zu ausgewogen • Lane (Präsidium): ausgewogen zu Taube • Bulgarien: neu im Rat zu Falke Erklärmuster Wenn man nach einem Erklärmuster für diese Bewegungen sucht, liefern die fort- laufenden Inflationsdaten in den meisten Fälleneinenganz passablenAnhaltspunkt. In den Ländern, die sich seit 2024 in Rich- tung Falkenlager bewegt haben, lag die Inflation im August im Durchschnitt bei rund 3,7 Prozent: Spanien kam auf 4,5 Prozent, Luxemburg auf 4,0, Portugal auf 3,6, Irland und Slowenien auf jeweils 3,4 und die Slowakei auf 3,1 Prozent. In den drei Ländern, die sich in die Gegen- richtung bewegt haben, waren es dagegen unter drei Prozent: Lettland lag bei 2,9, die Niederlande bei 2,8 undMalta bei 1,9 Pro- zent. Für die Eurozone insgesamt weist die Eurostat-Schnellschätzung3,3Prozent aus. Für die früherenTaubenSpanien, Portugal und Irland ist dieGemengelage komplexer, da die Konjunktur vergleichsweise robust ist. Die EU-Kommission erwartet für Spa- nien 2026 ein reales Wachstum von 2,4 Prozent und für Portugal 1,7 Prozent. In Irland soll die modifizierte Binnennach- frage, die dort ein aussagekräftigeres Maß als das durchmultinationaleKonzerne ver- zerrteBIPdarstellt, um2,8Prozent zulegen. Hoher Preisdruck trifft dort auf eineWirt- schaft, die höhere Zinsen verkraften kann als in einer ausgeprägten Schwächephase. Malta wächst laut EU-Kommission 2026 um 3,7 Prozent und ist dennoch von „ausgewogen“ zu den „Tauben“ gerückt. Der Notenbankgouverneur könnte hier das europäische über das eigenstaatliche Interesse stellen. Verwunderlich in der Außenbetrachtung erscheint auch Est- land, das trotz 1,3 Prozent Inflation und einemerwartetenBIP-Plus vonüberschau- baren 1,4 Prozent imFalkenlager bleibt. In Griechenlandhatman sichanscheinendan die Teuerung gewöhnt. Trotz 3,7 Prozent Inflation hofft man auf einen Stimulus- Effekt durch niedrige Zinsen und bleibt bei den Tauben. Was sagt die Chefin? Doch was sagt Christine Lagarde zu all- dem? In der Econostream-Auswertung ist sie im Vergleich zu 2024 leicht Richtung Falken gerückt, aber ohne das Lager der „Ausgewogenen“ zu verlassen. Das zeigt sich auch in ihren Einschätzungen unmit- telbar nachder Sitzungvom10. September. Gegenüber der französischen Zeitung „Ouest-France“ begründete Lagarde die Zinserhöhung vor allem mit der Hart näckigkeitdesEnergieschocks:DieInflation liege mit 3,3 Prozent deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel, zugleich erweise sich die Wirtschaft des Euroraums als wider- standsfähig. In einer solchenKonstellation sei die EZB „gezwungen, zu reagieren“. Den Einwand, dass höhere Zinsen bei einemexternenAngebotsschock vor allem das Wachstumbeschädigen könnten, lässt Lagardezwargelten–allerdingsnursolange dieser Schock von kurzer Dauer ist. Genau davon geht sie angesichts des andauernden Konflikts imNahen Osten, zerstörter Raf- fineriekapazitäten und des anhaltenden Drucks auf die Energiepreise nicht aus. Ob auf den einstimmig beschlossenen Zins- schritt um25Basispunkte auf 2,50Prozent weitere Erhöhungen folgen könnten, ließ siehingegenoffen. Interessant ist auch, dass Lagarde die wirtschaftliche Dynamik tat- sächlich auf dem Schirm hat – das klingt deutlichwenigernachZinsschritt, als es die Hinweise von Schnabel auf die erwartete Inflation tun. Sentiment innerhalb der EZB Seit einem halben Jahr de facto durchgehend im Bereich der Falken Direkt nach der Zinssitzung vom 10. September wurde die Rhetorik in Richtung Zinserhöhung wieder heruntergefahren. Insbesondere die Gouverneure deeskalierten deutlich. Der Rat bleibt aber solide im Terrain der Falken. Quelle: Econostream -0,5 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 Falken Tauben 2,5 April Mai Gov Council Exec Board ECB Meeting Juni Juli August September
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