Institutional Money, Ausgabe 1 | 2026
INTERVIEW Klaus Stiefermann | aba & PensionsEurope 54 1/2026 | institutional-money.com KLAUS STIEFERMANN: Das ist eine schwierige Frage. Aber man kann sicher sagen, dass die Altersversorgung in denNie- derlanden und vor allem die betriebliche Altersversorgung einen neidisch machen können. Da sind zum einen Sozialpartner, die über Tarifverträge ein „Quasi-Obligato- ULXPĺ JHVFKDȬHQ KDEHQ GDVV PHKU DOV Prozent aller Beschäftigten in den Genuss einer Betriebsrente kommen, und zwar unabhängig von der Unternehmensgröße. Zum anderen sind die Niederländer der Überzeugung, dass die gesetzliche Alters- versorgung den Lebensstandard bei Wei- temnicht sichern kann undman die Arbeit- nehmer nicht allein auf die private Vorsorge vertrösten will. Die rechtlichen und regu- latorischen Rahmenbedingungen ermögli- chen es zudem, sehr renditestark anzulegen. Und dann sind die Beiträge von Arbeitge- bern und -nehmern auch vergleichsweise hoch. Denn der Blick in die Niederlande, nach Schweden oder in die Schweiz zeigt: 6\VWHPH NĆQQHQ QRFK VR Hȯ]LHQW XQG UHQ - ditestark sein, wennhohe Betriebsrenten das Ziel sind, müssen auch hohe Finanzierungs- beiträge geleistet werden. Waren Sie früher nicht gegen eine Obli- gatorik und sind inzwischen eher dafür? KLAUS STIEFERMANN: Der Hinter- grund, warum wir in der Vergangenheit kategorisch gegen Obligatorien waren, ist die Subsidiärhaftung des Arbeitgebers, die es in dieser Form nur in Deutschland gibt. Der Arbeitgeber gibt das arbeitsrechtliche Versprechen, dem Arbeitnehmer später eine Betriebsrente zu zahlen. Selbst wenn er sich einer externen Versorgungseinrichtung bedient und alle Beiträge immer zahlt,müss- te er die Lücke füllen, die entstehen könnte, wenn die Versorgungseinrichtung, aus wel- chen Gründen auch immer, die versproche- ne Leistung doch nicht in vollem Umfang erfüllen kann. In der Vergangenheit hätte ein Obligatorium also immer Haftungstat- bestände für die Arbeitgeber bedeutet. Wir haben gesehen, dass aufgrund des regulato- rischen Rahmens in Kombination mit der Niedrigzinsphase dieses Problem kein rein theoretisches ist. Deshalb war ein Obligato- rium ein absolutes No-Go. Wenn wir jetzt aber eine reine Beitragszusage über Sozial- partnermodelle haben, stellt sich die Frage einwenig anders. Plötzlich kannman unter diesem Gesichtspunkt ganz anders auf die Sache schauen, aber nur, wenn die reine Bei- tragszusage leichter zugänglich ist. Aber wieso sind die Arbeitgeber dann immer noch skeptisch? KLAUS STIEFERMANN: Weil sie davon ausgehen, dass sie die Hälfte der Zeche zah- len müssen. Gewerkschaften, einige Sozial- politiker und Wissenschaftler verstehen unter einer obligatorischen betrieblichen Altersversorgung immer eine paritätisch ljQDQ]LHUWH ł VR ZLH EHL GHU REOLJDWRULVFKHQ gesetzlichen Rentenversicherung. Der Blick in die Niederlande zeigt, dass dort sogar der Löwenanteil von den Arbeitgebern zu zah- len ist. EinObligatoriumwürde daher auto- matischdie Lohnzusatzkosten erhöhen. Und Obligatorien sind nicht leicht umsetzbar: Es ist eine Sache, einemkleinenHandwerksbe- trieb aufzugeben, betriebliche Altersversor- gung durchführen zu müssen. Eine andere Sache ist die Frage, wie er es indie Tat umset- zen soll. Wie kommt er an entsprechende Versorgungseinrichtungen heran? Was ist, wenn ein Arbeitgeber schon eine betrieb- liche Altersversorgung anbietet, kann er die auf ein solches Obligatorium anrech- nen? Wie wird die Einhaltung der Ver- SijLFKWXQJ ]XP $QJHERW HLQHU %HWULHEVUHQ - te überprüft? Das muss man sich alles sehr wohl überlegen. Vom Grundsatz her sind wir kein Freund von Zwang, sondern der $XȬDVVXQJ GDVV 5DKPHQEHGLQJXQJHQ VR sein sollten, dass sie die Beteiligten animie- ren, etwas zu tun. Was gehört für Sie in ein BRSG III? KLAUS STIEFERMANN: Die Politikwird abwarten, was die Alterssicherungskommis- sion sagt. Aber einige Punkte sind für uns zentral: weitere Verbesserungen bei der *HULQJYHUGLHQHUIĆUGHUXQJ ZHLWHUHȬQXQJ der Sozialpartnermodelle, Entbürokratisie- rung. Für die Administration der betrieb- lichen Altersversorgung brauche ich eine Menge Personaldaten, die vielfachdie Sozial- YHUVLFKHUXQJ VFKRQ KDW ł GHQQRFKPXVV LFK sie nochmals beim Einzelnen erheben. Da gibt es keinen zufriedenstellendenDatenaus- tausch. Dazu das Thema Schriftformerfor- dernis:Warummüssenwir heutzutage noch alles physischunterschreiben?Wir haben seit etwa zwei Jahren die digitale Rentenüber- sicht, woVersorgungseinrichtungenmit gro- ßem Aufwand Daten übertragen. Unsere +RȬQXQJ LVW GDVV PDQ GDQQ GLH MÌKUOLFKH Standmitteilung nicht noch per Post verschi- cken muss. Aktuell steht dem aber vielfach Europarecht entgegen. Zur Entbürokratisie- rung gehört auch eine drastische Reduzie- rung aller Dokumentations- und Berichts- SijLFKWHQ 8QVHUH (LQULFKWXQJHQ EHULFKWHQ sich noch zu Tode. Und dann brauchen wir mehr Flexibilisierung im Arbeitsrecht. Es kann doch nicht sein, dass der Besitzstands- schutz de facto vielen Änderungen von Ver- sorgungssystemen entgegensteht. Von der Zusageerteilung bis zur Zahlung der letzten Monatsrente können viele Jahrzehnte verge- hen, da muss es doch möglich sein, leichter Änderungen vorzunehmen. » Manchmal müssen wir mit großer Kraftanstren- gung dicke Bretter bohren, um Einsicht zu erreichen. Das ist letztlich auch das, was ich immer wieder von unseren europäischen Kollegen höre. « Klaus Stiefermann, Geschäftsführer aba & Vorstands- vorsitzender PensionsEurope Fotos: © Tim Flavor für Institutional Money
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