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Nagel-Kandidatur für Lagardes EZB-Job nimmt langsam Fahrt auf

Angesichts eines möglichen vorzeitigen Amtsendes im Jahr 2027 von Christine Lagarde als EZB-Präsidentin bringen sich die einzelnen Länder der Eurozone mit ihren Kandidaten in Stellung. Dazu zählt auch Deutschland und Bundesbankpräsident Joachim Nagel.

Joachim Nagel, Deutsche Bundesbank
Joachim Nagel, Deutsche Bundesbank© Alex Kraus / Bloomberg

Eckpunkte:

  • Joachim Nagel soll nach dem Wunsch der deutschen Regierung nächste EZB-Präsident werden
  • Das könnte schwierig werden, angesichts einer bereits deutschen EU-Komissions-Präsidentin
  • Eine gescheiterte Kandidatur Nagels könnte jedoch erleichtern, dass andere wichtige EU-Positionen mit Deutschen besetzt werden

Die Bundesregierung erwägt, Joachim Nagel für das Amt des Präsidenten der Europäischen Zentralbank zu nominieren. Das berichtet Bloomberg mit Verweis auf mit der Angelegenheit vertraute Personen.

Eine Kandidatur des Bundesbank-Chefs sei Thema in Koalitionsgesprächen in Berlin, nachdem die derzeitige Präsidentin Christine Lagarde Spekulationen zu einem vorzeitigen Rücktritt befeuert hat, heißt es aus informierten Kreisen.

Finanzminister Lars Klingbeil unterstütze Nagel, der wie er selbst ein Sozialdemokrat ist. Bundeskanzler Friedrich Merz, der sich zuletzt auf die Umbildung seiner Regierung konzentriert hat, habe sich bislang noch nicht positioniert. Jedoch würde mangelnde Unterstützung seinerseits eine deutsche Kandidatur praktisch ausschließen, da der Bundesbankchef als aussichtsreichster Kandidat Deutschlands für das Amt des EZB-Präsidenten gilt.

Taktieren auf höchster Ebene
Während Regierungsvertreter Nagels Chancen als eher gering einschätzen, halten sie eine Bewerbung dennoch für einen lohnenden taktischen Schachzug, hieß es. Demnach würde eine eventuelle Niederlage die Verhandlungsposition im Rennen um andere Posten wie den des EZB-Chefökonomen stärken.

Mit einem Vorstoß um die Nachfolge von Lagarde, die als oberste Währungshüterin des Euroraums die Geldpolitik für 360 Millionen Menschen verantwortet, steigt Berlin in einen Wettlauf ein, der bisher nur von Madrid und Amsterdam bestritten wurde.

Die Besetzung der Position dürfte in den kommenden Monaten die wichtigste Personalentscheidung des Euroraums sein. Zwar hat Lagarde zuletzt versichert, zumindest bis zum Jahresende im Amt zu bleiben. Ihre Zusage implizierte jedoch auch einen möglichen Rücktritt lange vor Ablauf ihrer Amtszeit im Oktober 2027.

Noble Zurückhaltung - und offen für alles
Nur Tage zuvor hatte Merz geäußert, er sehe keine Notwendigkeit für eine “kurzfristige Entscheidung” und angefügt: “Sobald die Nachfolge zeitlich ansteht, werden wir darüber nachdenken und Entscheidungen treffen.”

Nagel selbst hat signalisiert, dass er für eine Lagarde-Nachfolge offen ist. Das größte Hindernis für seine Kandidatur ist, dass bereits zwei Deutsche Spitzenpositionen in Europa bekleiden. Ursula von der Leyen wird voraussichtlich bis 2029 als Präsidentin der Europäischen Kommission im Amt bleiben, während Claudia Buchs Mandat als Leiterin der Bankenaufsicht der EZB bis 2028 läuft.

Deutschland hat gute Argumente
Doch Berlin hat auch starke Argumente auf seiner Seite. Nach 2029 wird Deutschland keine wichtigen EU-Posten mehr besetzen. Zudem hat das Land als größte Volkswirtschaft der Region seit der Gründung der EZB vor mehr als 25 Jahren noch nie den Vorsitz innegehabt – trotz wiederholter Bemühungen um das Amt.

Der ehemalige Bundesbankchef Axel Weber war designierter Nachfolger des damaligen EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet, trat 2011 jedoch aus Protest gegen Anleihekäufe zurück, woraufhin der Italiener Mario Draghi das Amt übernahm. Im Jahr 2019 unterlag Nagels Vorgänger Jens Weidmann gegen Lagarde.

Spanien will ebenfalls ihren Mann an die EZB-Spitze hieven
Diesmal hat Spanien bereits sein Interesse bekundet und wird voraussichtlich Pablo Hernández de Cos unterstützen, einen ehemaligen Chef der spanischen Zentralbank, der derzeit die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich leitet.

Von Bloomberg befragte Ökonomen gehen davon aus, dass er sich gegen Klaas Knot durchsetzen wird, dessen Amtszeit an der Spitze der niederländischen Zentralbank im vergangenen Jahr endete, und der diese Woche die Unterstützung seiner Regierung erhielt.

Für Deutschland ist Nagel ein naheliegender Kandidat, vor allem dank seiner Bemühungen, geldpolitische Mittelwege einzuschlagen. Einige seiner Vorschläge, so etwa jener zu gemeinsamen Schulden im Euroraum, haben in christdemokratischen Kreisen jedoch auch für Irritationen gesorgt.

Posten des EZB-Chefökonomen wird bald vakant
Eine Alternative zur EZB-Präsidentschaft für Deutschland ist die Position des Chefökonomen. Sie wird frei, wenn der derzeitige Amtsinhaber Philip Lane im kommenden Mai in den Ruhestand geht. Deutschland sei an dieser Rolle interessiert, heißt es in informierten Kreisen.

Das Land hatte diesen einflussreichen Posten bereits zweimal inne: zunächst mit Otmar Issing und danach mit Jürgen Stark. Frankreich hat ebenfalls Interesse an der Position bekundet.

Das Rennen um den EZB-Vorsitz dürfte bald an Fahrt gewinnen, nachdem Lagarde im vergangenen Monat signalisiert hat, dass sie nicht plant, ihre Amtszeit von acht Jahren regulär zu beenden. (aa)

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