EZB-Direktorin Schnabel "stünde bereit" für Lagarde-Nachfolge
EZB-Direktorin Isabel Schnabel signalisiert Offenheit für die EZB-Präsidentschaft – und sieht zugleich die Zinsen am Tiefpunkt angekommen. Neue Wachstumsprognosen und robuste Wirtschaftsdaten stützen ihre Einschätzung.

Isabel Schnabel, Direktorin der Europäischen Zentralbank, hat deutlich gemacht, dass sie bereit wäre, das Amt der EZB-Präsidentin zu übernehmen, wenn die Amtszeit von Christine Lagarde in weniger als zwei Jahren endet. Auf die Frage, ob es an der Zeit sei, dass wieder eine Deutsche an der Spitze der EZB steht und ob sie diese Person sein könnte, sagte Schnabel im Interview: "Wenn man mich fragen würde, stünde ich bereit."
Zu den derzeit gehandelten Favoriten für die Lagarde-Nachfolge zählen der frühere niederländische Notenbankchef Klaas Knot, Spaniens Pablo Hernández de Cos, derzeit Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, sowie Bundesbankpräsident Joachim Nagel.
Obwohl Lagardes Amtszeit bis Oktober 2027 läuft, nimmt die Diskussion über mögliche Nachfolger zu. Ein Grund: Die Politik sucht bereits nach einem Ersatz für Vizepräsident Luis de Guindos, der im Mai kommenden Jahres ausscheidet.
Mit Zinserwartungen der Märkte "ziemlich einverstanden"
Schnabel zeigte sich zufrieden damit, dass Investoren die nächste Zinsentscheidung der EZB mehrheitlich als Erhöhung erwarten. Die aktuellen Finanzierungskosten seien – sofern es keine neuen Schocks gebe – für einige Zeit angemessen, sagte sie vergangene Woche im Interview mit "Bloomberg" in Frankfurt.
Privater Konsum, Unternehmensinvestitionen und steigende staatliche Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur stützten die Wirtschaft zusätzlich. Sowohl Märkte als auch Umfragen deuteten darauf hin, dass der nächste Zinsschritt ein Anstieg sein werde, wenn auch nicht kurzfristig. Mit diesen Erwartungen sei sie "ziemlich einverstanden".
Zinsen befinden sich an einem "guten Punkt"
Die als geldpolitischer Falke geltende Deutsche sieht die Risiken für Wirtschaft und Inflation überwiegend auf der Aufwärtsseite. Sie deutete an, dass die neuen Wachstumsprognosen bei der EZB-Sitzung im Dezember nach oben korrigiert werden könnten. Analysten erwarten dort, dass der Einlagensatz zum vierten Mal in Folge bei zwei Prozent bleibt.
Schnabel ist das erste EZB-Ratsmitglied, das mit spürbarer Sicherheit erklärt, die Leitzinsen befänden sich nicht nur an einem "guten Punkt", wie Christine Lagarde und andere häufig betont hatten, sondern hätten ihren Tiefpunkt erreicht.
Unterschiedliche Wege der großen Zentralbanken
Während viele Ratsmitglieder betonen, dass die nächste Entscheidung der EZB in beide Richtungen gehen könne – und einige weitere Senkungen nach den bisherigen acht nicht ausschließen –, hebt Schnabel die unterschiedliche Entwicklung im internationalen Vergleich hervor. In den USA und in Großbritannien werden die Zinsen aller Voraussicht nach weiter gesenkt.
Ihre Überzeugung basiert darauf, dass Europa die durch US-Präsident Donald Trump ausgelösten Zolldispute besser verkraftet hat als erwartet. Verbraucher profitierten von schnellen Lohnsteigerungen bei gleichzeitig niedriger Arbeitslosigkeit. Günstige Finanzierungsbedingungen und Investitionen infolge der Einführung von KI-Technologien hätten das Wachstum zusätzlich unterstützt.
Robuste Wirtschaft trotz globaler Belastungen
Schnabel erklärte, dass das Wachstum deutlich widerstandsfähiger gewesen sei, als man angesichts der größten Störung der internationalen Handelsordnung seit dem Zweiten Weltkrieg hätte erwarten können. Befragungen deuteten auf eine solide Expansion bis zum Jahresende hin. Ein Grund für die milderen Auswirkungen der Zölle sei die schnell zurückgegangene Unsicherheit.
EZB-Beobachter richten ihren Blick nun auf die Inflationsprognosen der Notenbank, die erstmals auch das Jahr 2028 umfassen werden. Entscheidend ist, ob ein möglicher Rückgang unter das Ziel von zwei Prozent stärkere Folgen hätte als bislang angenommen. Eine große Sorge betrifft die wahrscheinliche Verschiebung des EU-CO2-Bepreisungssystems.
EZB kann moderate Zielabweichungen tolerieren
Schnabel spielte entsprechende Befürchtungen herunter. Die EZB könne moderate Abweichungen vom Inflationsziel tolerieren, solange keine Anzeichen bestünden, dass sich diese verfestigen.
Es sei wichtig, sich nicht auf eine konkrete Zahl festzulegen, sagte sie. Entscheidend sei die "gesamte makroökonomische Entwicklung", die zeige, wie sich Wirtschaft und Inflation im Zeitverlauf bewegen. (mb/Bloomberg)

