Ex-Fed-Chef Alan Greenspan mit 100 Jahren gestorben
Vom gefeierten Architekten des US-Wirtschaftsbooms zum Mitverantwortlichen der Finanzkrise in den Augen seiner Kritiker: Der frühere US-Notenbankchef Alan Greenspan hinterlässt ein widersprüchliches Vermächtnis.

Alan Greenspan, langjähriger Vorsitzender der US-Notenbank Federal Reserve und eine der prägendsten Figuren der modernen Geldpolitik, ist im Alter von 100 Jahren gestorben. Wie "NBC News" unter Berufung auf seine Ehefrau Andrea Mitchell berichtete, starb Greenspan am Montag (22.6.) in seinem Haus. Todesursache waren Komplikationen infolge von Parkinson.
Greenspan stand von 1987 bis Anfang 2006 an der Spitze der Fed. Seine Amtszeit fiel in eine Phase starken Wirtschaftswachstums, steigender Aktienkurse und niedriger Arbeitslosigkeit. Für viele Marktteilnehmer galt er als der Mann, der die US-Wirtschaft auf Kurs hielt.
Der frühere Fed-Vizechef Roger Ferguson bezeichnete Greenspan als einen der bedeutendsten Notenbanker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er habe früh erkannt, wie technologische Fortschritte die Produktivität steigerten und dadurch ein stärkeres Wachstum ohne steigende Inflation ermöglichten.
"Irrational Exuberance" wird zum geflügelten Wort
Weltweite Bekanntheit erlangte Greenspan durch seine oft schwer verständlichen Reden und Anhörungen vor dem US-Kongress, die regelmäßig die Finanzmärkte bewegten. Besonders berühmt wurde seine Warnung vor "irrational exuberance" ("irrationalem Überschwang") im Jahr 1996. Die Formulierung bezog sich auf mögliche Überbewertungen an den Aktienmärkten und wurde später zu einem Synonym für die Dotcom-Blase.
Viele Investoren vertrauten darauf, dass Greenspan in Krisenzeiten mit Zinssenkungen oder anderen Maßnahmen eingreifen würde. Dieses als "Greenspan Put" bekannte Phänomen wurde später dafür kritisiert, riskantes Verhalten an den Märkten begünstigt zu haben.
Kritik nach der Finanzkrise
Greenspans Ansehen erlitt nach der globalen Finanzkrise schweren Schaden. Kritiker warfen ihm vor, durch seine ablehnende Haltung gegenüber einer stärkeren Regulierung der Finanzmärkte die Voraussetzungen für die Krise geschaffen zu haben.
Nachdem der Zusammenbruch des Finanzsystems gerade noch abgewendet werden konnte, räumte Greenspan selbst Fehler ein. Regulierungsbehörden hätten "versagt", sagte er damals. Vor dem US-Kongress erklärte er 2008, viele Befürworter marktwirtschaftlicher Selbstregulierung – "mich eingeschlossen" – befänden sich in einem Zustand "schockierten Unglaubens". Später bilanzierte er: "Ich lag in 70 Prozent der Fälle richtig, aber in 30 Prozent der Fälle falsch."
Vermächtnis mit Licht und Schatten
Zu Greenspans wichtigsten Hinterlassenschaften zählt eine größere Transparenz der US-Notenbank. Während seiner Amtszeit begann die Fed 1994 damit, geldpolitische Entscheidungen unmittelbar nach den Sitzungen zu veröffentlichen und deren Begründung offenzulegen.
Zugleich erkannte Greenspan nach Ansicht vieler Beobachter früher als andere Ökonomen die produktivitätssteigernden Auswirkungen neuer Technologien auf die US-Wirtschaft. Seine Amtszeit bleibt jedoch untrennbar mit der Debatte verbunden, ob eine zu lockere Regulierung und ein zu großer Glaube an die Selbstheilungskräfte der Märkte zur Finanzkrise beigetragen haben. (mb/Bloomberg)