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Tim Love, GAM: "Wir stehen an einem Wendepunkt"

Für den Schwellenländeraktienexperten Tim Love bieten Emerging-Markets-Papiere derzeit ein interessantes Chancen-/Risikoprofil, dass institutionelle Investoren zu ihrem Vorteil nutzen sollten. Dabei erläutert Love, welche Länder, Branchen und Firmen für ihn am aussichstreichsten sind.

Tim Love, GAM
Tim Love, GAM
© GAM

„Es war bisher ein relativ schwieriges Jahr für Schwellenländeraktien und insbesondere für China. Zu Jahresbeginn haben wir von Schwellenländeraktien als Investment-Grade-Nachzügler gesprochen, der auf Wert, Wachstum und Rendite abzielt. Wir halten immer noch an dieser Prämisse fest", schreibt Tim Love, Investment Director Emerging Markets Aktienstrategie, GAM, in einer aktuellen Markteinschätzung.

Schwellenländeraktien liegen im Jahresverlauf leicht im Minus im Vergleich zu einem deutlichen Aufschwung sowohl des Nasdaq als auch des S&P 500. Schließt man China aus, liegen die Schwellenländermärkte allerdings insgesamt sogar leicht höher als die Industrieländermärkte, hält Love fest.

"Dennoch lastet seit dem unruhigen Abwärtstrend jede Menge negativer Druck auf dem Markt. Wann wird dieser Druck nachlassen und Fundamentaldaten in den Vordergrund treten? Wir sind der Meinung, dass diese Übergangsphase nicht sehr lange anhalten wird. Ich denke, der Übergang erfolgt im 4. Quartal 2021, zumal die von uns für das nächste Jahr erwarteten Gewinne gegenüber relativ einfachen Vergleichszahlen solide sein sollten", prognostiziert Love.

Und wenn entwickelte Märkte, z.B. die USA (+4% BIP bei einem VPI von vielleicht 2,93%), die Infrastrukturprojekte fortsetzen, dürften die Schwellenländer in einer starken Position sein, um von der relativ starken Normalisierung nach der Covid-Krise zu profitieren. In diesem Sinne werden also die Fundamentaldaten und die Erträge ausschlaggebend sein. "Wir sind also bullish ausgerichtet."

Günstige Kennzahlen
Die Bewertungen und Fundamentaldaten sind laut Love positiv, insbesondere aufgrund des Investment Grades. Währungen haben einen positiven Carry, und die Währungen der wichtigsten Schwellenländer sind bereits um 60-65 Prozent gesunken. Ein großer Teil der Risiken sei Love zufolge bereits eingepreist – insbesondere in China, die den USA in Bezug auf Normalisierung und Anpassung an ein neues finanz- und geldpolitisches Umfeld wesentlich voraus sind.

"Außerdem nähern sich die regulatorischen Umstrukturierungen einem Ende. Wenn das der Fall ist, dann sind Aktien aus Schwellenländern meiner Meinung nach per Definition gut positioniert, um im Folgejahr eine relative Outperformance gegenüber den Industrieländern zu erzielen und auch besser abzuschneiden als Schwellenländeranleihen oder -währungen. Ich würde also für die nächste Etappe der Rallye auf Aktien setzen."

EM-Value-Aktien am attraktivsten
Die attraktivsten Möglichkeiten sieht Love derzeit auf der Value-Ebene – insbesondere mit Blick auf nachhaltige Materialien, welche dieses Jahr stark an Wert gewonnen haben; sei es Impala Platin, seltene Erden, Kupfer- und Lithiumwerte – diese Werte erlitten Rückschläge von 20-30 Prozent, während der Ölpreis in die Höhe schoss. Dabei spielten ESG-Themen sowie die Covid-Auswirkungen eine entscheidende Rolle, welche die Lieferketten beeinträchtigten, aber auch vorübergehende Faktoren, die das Timing des Marktes kurzfristig durcheinander gebracht haben. So gingen Gazprom und Lukoil Aktien in die Höhe, während grüne Energieaktien zurückgingen.

Love geht von einer Umkehr dieser Entwicklung aus. Was die Inlandsnachfrage betrifft – abgesehen von den weltweiten geopolitischen Risiken –, denkt Love, dass Indien und China ein enormes inländisches Nachfragewachstum zu vernünftigen Preisen bieten; ob es sich um den Einzelhandel oder beispielsweise um inländische Telekommunikationsunternehmen handelt, welche bemerkenswert attraktiv sind. Außerdem bieten sich einige nicht korrelierte Werte, sei es in Indien oder in VARPS (Vietnam, Argentinien, Rumänien, Pakistan und Saudi-Arabien), dem Frontierländer-Universum. Von diesen sind Vietnam und Rumänien Loves Meinung nach innerhalb von VARPS besonders attraktiv. "Ich glaube, die Änderung der Zusammensetzung des EM-Index wurde von vielen nicht richtig wahrgenommen, und das spricht dafür, nun etwas wachstumsorientierter und optimistischer zu sein", sagt Love.

"START" vor einem Neu-Start?
Zumal START (Samsung, Taiwan Semiconductor, Alibaba, Reliance, Tencent), beispielsweise in den letzten sechs Monaten sehr stark an Wert verloren haben, teilweise aufgrund von Chinas Regulierungsmaßnahmen, sowie wegen einiger anderer Probleme, die mit den globalen Märkten und der Volatilität zu tun haben. Diese Gruppe von Unternehmen macht einen größeren Anteil aus als FAANG  (Facebook, Apple, Amazon, Netflix, Google) für den S&P 500. Definitionsgemäß erscheinen sie Love jetzt "wie eine Sprungfeder". 

"Diese Gruppe wird, zusammen mit den nicht korrelierten Titeln, den Value-, Growth-, Yield- sowie den Investment-Grade-Titeln der Schwellenländer, ihren Durchbruch erleben. Ich denke, dieses Jahr war eine Art Übergangsjahr, welches in drei bis sechs Monaten voraussichtlich überstanden sein wird. Die Märkte blicken nämlich genauso weit voraus. Daher denke ich, dass wir an einem Wendepunkt stehen", erklärt Love abschließend. (aa)

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