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Nachhaltigkeit bei Emerging Markets Debt: Fortschritt braucht Kapital

Sean Jutahkiti, Head of Asian Credit Research, und Kaan Nazli, Senior Economist for Emerging Markets Debt, beide Neuberger Berman, erläutern, welchen Stellenwert Nachhaltigkeit in den Emerging Markets einnimmt und worauf Investoren bei der Auswahl nachhaltiger Anleihen achten sollten.

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© Leo Lintang / stock.adobe.com

Am Wochenende treffen sich Vertreter aus fast 200 Ländern in Glasgow zur 26. Weltklimakonferenz (COP26). Das zeigt auf, wie global bedeutend Nachhaltigkeitsthemen heute sind. Dennoch werden sie bei Emerging-Market-Anlagen oft außer Acht gelassen. Dabei ist ESG – Umwelt, Soziales, Governance – heute gerade in den Schwellenländern wichtig, selbst wenn ihre ESG-Performance nicht immer perfekt ist. Das Thema entwickelt sich in den Emerging Markets, und speziell in Asien, sehr schnell. Bei Neuberger Berman hält man daher einen aktiven, engagierten und vorausschauenden – und damit im besten Sinne nachhaltigen – Investmentansatz für unumgänglich. Diese Herangehensweise bringt allerdings bei Emerging-Market-Anleihen und insbesondere bei staatlichen Emittenten einige Herausforderungen mit sich.

Erreichen der Klimaziele: Hohe Kapitalaufnahme nötig
Etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung leben in den Emerging Markets. Auf sie entfallen ungefähr 60 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP) und zwei Drittel der weltweiten CO2-Emissionen. Nach Schätzungen der HSBC müsste China etwa 200 Billionen Renminbi investieren, um bis 2060 Netto-Nullemissionen zu erreichen. Das würde etwa 200 Prozent des derzeitigen BIP ausmachen. Für Indien hält die Bank of America Investitionen in Höhe von mehr als 400 Milliarden US-Dollar noch in diesem Jahrzehnt für nötig, um die Emissionen zu senken.

Staats- und Unternehmensanleihen spielen dabei eine wichtige Rolle
Ebenso wie grüne, soziale und nachhaltige Anleihen. Nach Angaben der Climate Bonds Initiative ist der Markt für grüne Anleihen 2020 nirgendwo so stark gewachsen wie in den Schwellenländern. In dem Jahr begab beispielsweise die Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB) ihre erste Nachhaltigkeitsanleihe. Außerdem war China das Land mit den größten Emissionen sozialer Anleihen. Investoren in Emerging-Market-Anleihen können viel zur Nachhaltigkeit beitragen. Das ist jedoch nicht immer einfach. 

Nachhaltige Staatsanleihen sind schwieriger zu identifizieren
So ist die Nachhaltigkeit des öffentlichen Sektors nur ein Teilaspekt, weil der Staat entsprechende Gesetze und Vorschriften erlässt. Ein Anleger, der in nachhaltige Staatsanleihen investieren möchte, muss Wirtschaft und Unternehmen eines Landes daher genau kennen und wissen, wie sich Gesetze und Vorschriften entwickeln. Separat betrachtet, können die ESG-Ratings für den öffentlichen Sektor irreführend sein.

Fokus auf Nachhaltigkeitsratings wohl nicht richtig
Ein Fokus ausschließlich auf Ratings kann sogar zu schlechten Anlageergebnissen führen. Reichere Länder haben oft stabilere Institutionen, meist herrscht hier auch weniger Ungleichheit. Das führt zu höheren ESG-Ratings. Die Weltbank schätzt, dass sich die Unterschiede zwischen den ESG-Punktzahlen von 133 Ländern (und sieben Anbietern) zu 90 Prozent mit Unterschieden des Pro-Kopf-Einkommens erklären lassen. Wenn das Geld dann den Ratings folgt, werden nur die reicheren Länder reicher. Ärmere Länder erhalten so nicht die nötigen Mittel, um die UN-Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Das kann den Fortschritt bremsen.

Vorausschauende Perspektive neben Best-in-Class
Es ist daher ratsam, neben dem gängigen Best-in-Class-Konzept auch eine vorausschauende Perspektive einzunehmen. Ausschlüsse sind durchaus wichtig. Zurzeit entfällt ein Viertel des Marktes auf 20 staatliche Emittenten, die nach Ansicht von Neuberger Berman in einem Portfolio nachhaltiger Emerging-Market-Anleihen nichts verloren haben. Offener ist Neuberger Berman jedoch für Länder, die ärmer sind und (deshalb) vielleicht niedrigere ESG-Ratings haben, in denen es aber klare Anzeichen für Verbesserungen gibt. 

Momentum und Dialog
Zunehmend wichtiger wird außerdem der Dialog, auch wenn er gerade mit staatlichen Emittenten nicht immer einfach ist. Selbst wenn ein Land nur wenig Fortschritte macht, kann Investoren-Engagement für Verbesserungen bei wichtigen Themen wie CO2-Emissionen, internationale Steuertransparenz, Korruptionsbekämpfung, Geldwäsche und Finanzierung von Terrorismus sorgen.

Soziales über Klimaschutz nicht vergessen
Wenn Investoren bei Nachhaltigkeitszielen Prioritäten festlegen, sollten sie die Zukunft stets im Blick haben. Neuberger Berman hält nicht alle Ziele für gleich relevant. Anpassung an den Klimawandel und Klimaschutz sind überall wichtig, aber in den Emerging-Market-Ländern sind auch soziale Ziele von besonderer Bedeutung – vor allem eine höhere Lebenserwartung und bessere Bildung. Solange sich hier nichts ändert, lassen sich viele andere der UN-Nachhaltigkeitsziele nicht erreichen.

Auch bei Unternehmensanleihen die Zukunft im Blick behalten
Ähnlich sieht es bei Unternehmensanleihen aus. Insbesondere bei High-Yield-Emittenten, die in der Regel weniger auf nachhaltigkeitsbezogene Veränderungen vorbereitet und diesen oft stärker ausgesetzt sind, sieht man bei Neuberger Anzeichen dafür, dass der Markt die höhere Qualität von Emittenten mit hoher ESG-Bewertung anerkennt. In den letzten fünf Jahren waren Ertrag und Volatilität des J.P. Morgan ESG Asia Credit High Yield Index (JESG JACI HY) und des klassischen JACI HY beispielsweise recht ähnlich. In den letzten zwölf Monaten, als die Zeiten für die Assetklasse durchaus noch schwieriger waren, lag die ESG-Variante des Index vorn und war dabei weniger volatil. Ihr Vorsprung könnte sogar noch größer werden. Emerging-Market-Regionen wie Asien haben in puncto Nachhaltigkeit zwar noch Nachholbedarf, aber gerade hier sind Investitionen oft am wichtigsten. Regierungen, Unternehmen und Verbraucher machen hier oft die schnellsten Fortschritte.

Soziale Gerechtigkeit wird wichtiger, vor allem in Asien
Der große Bedarf an Klimaschutzinvestitionen allein in China und Indien wurde schon erwähnt. Immer wichtiger wird aber auch soziale Gerechtigkeit; vor allem in Asien müssen die Regierungen dafür mehr unternehmen. Chinas neue strategische Schwerpunktsetzung mit dem Ziel „Wohlstand für alle“ ist wohl das bekannteste und wichtigste Beispiel.

Nachhaltigkeits-Reporting-Anforderungen im Steigen begriffen
Hinzu kommt, dass Aufsichtsbehörden höhere Anforderungen an das Nachhaltigkeits-Reporting stellen, insbesondere in Asien. An der Spitze steht Hongkong mit einer Reihe von Maßnahmen. Ein weiteres Beispiel ist das Securities and Exchange Board of India (SEBI). Mit den neuen BRSR-Richtlinien (Business Responsibility and Sustainability Reporting) hat das Board ebenfalls strengere Regeln erlassen. Zusammen mit den koordinierten Vorgaben UN-Initiative nachhaltiger Börsen (Sustainable Stock Exchanges Initiative SEE) dürften auch solche Maßnahmen den Blick auf die Nachhaltigkeitsperformance von Ländern, Sektoren und Unternehmen lenken, sodass der Wettbewerb Fortschritte erzwingt.

Wie bei staatlichen Emittenten müssen Investoren auch hier unbedingt die Zukunft im Blick behalten und auf ein Nachhaltigkeitskonzept mit intensivem Dialog setzen, vor allem bei High-Yield-Emittenten. Nur so lassen sich die Gewinner und Verlierer des Wandels erkennen und Unternehmen bei den nötigen Veränderungen helfen.

Fortschritt, nicht Perfektion
Was ist genau ist mit vorausschauend gemeint? Staatliche Emittenten wie die Elfenbeinküste scheinen hier interessant zu sein. Auf den ersten Blick wirkt das Land nicht gerade wie ein Nachhaltigkeitsführer. Erst mit Waffengewalt konnte der Verlierer der Präsidentschaftswahlen 2010 dazu gebracht werden, seine Niederlage einzugestehen. Die politische Stabilität bleibt weiterhin ein Problem. Außerdem gibt es viel zu viel Kinderarbeit. Dennoch macht das Land große Fortschritte. So steigt die schon jetzt recht hohe Lebenserwartung weiter, ebenso nimmt die theoretische und praktische Dauer des Schulbesuchs zu. Die Bertelsmann Stiftung und das Sustainable Development Solutions Network (SDSN) schätzen, dass sich in den letzten fünf Jahren in Afrika nur der Sustainable Development Report Index von Kenia stärker verbessert hat.  

Hoffnung gebende Beispiele
Bei Unternehmensanleihen fällt ein chinesischer Aluminiumproduzent auf, mit dem Neuberger Berman seit einiger Zeit in Kontakt ist. Aluminium ist ein energieintensiver Sektor und die CO2-Intensität des Unternehmens ist überdurchschnittlich hoch, weil über 90 Prozent seiner Energie aus Kohlekraftwerken stammt. Bei Neuberger Berman geht man allerdings davon aus, dass das leitende Management bei dieser Herausforderung langfristig denkt – nicht zuletzt wegen der jüngsten Emissionsziele der chinesischen Regierung. Bis Anfang des nächsten Jahres soll ein externer Berater eine Dekarbonisierungsstrategie entwickeln. Außerdem will das Unternehmen bis zum Ende des Geschäftsjahrs 2022 ein Drittel seines Energiebedarfs nicht mehr mit Kohle, sondern mit Wasserkraft decken. Neuberger Berman denkt, dass das Unternehmen deshalb – und wegen eines Joint Ventures mit einem deutschen Recycling-Unternehmen zur Rückgewinnung von Aluminium – deutlich zukunftsfähiger ist als seine Wettbewerber.

Damit das Kapital dort investiert wird, wo es unter Nachhaltigkeitsaspekten am dringendsten gebraucht wird, sollten Anleihen-Emittenten wie diese in Nachhaltigkeitsportfolios eine wichtige Rolle spielen. Sie mögen zwar noch nicht perfekt sein, machen aber zweifellos sehr große Fortschritte, meinendie beiden Exüperten von Neuberger Berman. (kb)

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