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Liegt der Gipfel der Target2-Salden hinter uns?

Neue Entwicklung am europäischen Geldmarkt zeigen, dass die Target-Salden nicht mehr steigen, sondern sich verringern. Grund ist die Einführung des Tierings durch die EZB, durch das die Belastung der Banken durch die Minuszinsen verringert werden soll. Das hat jedenfalls Symbolkraft.

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Dr. Martin W. Hüfner (Bild), Chefökonom der Investment-Boutique Assenagon Asset Management, meint, man solle den Effekt rückläufiger Target-Salden nicht überschätzen: "Durch die Wiederaufnahme der Wertpapier­geschäfte seit 1. November werden die Target-Salden auch wieder nach oben gehen."
 
© Assenagon AM

Zuerst hatte Dr. Hüfner davon aus London gehört: "Ein Kollege er­zählte mir, dass deutsche Banken ihren Widerwillen gegen Geldzuflüsse aus Italien aufgegeben hätten und nun ihrer­seits selbst kräftig Mittel bei Kreditinstituten in dem Land deponieren würden. Ich konnte mir das nicht vorstellen. Es schien eine der üblichen Sottisen zu sein, die Engländer über die "Konkurrenz" in Deutschland erzählen. Ich ging der Sache trotzdem nach und – was Wunder – der Kollege hatte tatsächlich recht. Deutschland und andere Länder des Euroraumes tun das, was sie sich immer geweigert hatten. Sie legen Geld bei Banken in Rom, Mailand und anderen Städten des Landes an." Als Folge dessen gehen die viel gescholtenen Target-Sal­den – das heißt die deutschen Überschüsse beziehungs­weise Defizite im europäischen Zahlungsverkehrssystem Target – zurück. Allein im Oktober war es ein Betrag von knapp 80 Milliarden Euro, wahrlich kein Pappenstiehl.

Liegt der Target2-Saldengipfel hinter uns?

Schlag gegen Eurokritiker und Crash-Pro­pheten
Nach dem Auslaufen der Wertpapierkäufe der EZB Anfang des Jahres hatte jeder zwar damit gerechnet, dass die Target-Salden nicht mehr steigen würden. Aber dass sie zurückgehen, und das auch noch unmittelbar vor dem Be­ginn neuer Wertpapierkäufe im November, das hatten wohl wenige auf der Rechnung. Es ist ein Schlag gegen alle Eurokritiker und Crash-Pro­pheten, die aus den Target-Salden einen Zusammenbruch des Euros vorhersagten und vor allem auch eine Pleite der Bundesrepublik, die über die höchsten Target-Salden ver­fügt. Es sei daher nicht verwunderlich, dass in Deutschland bisher niemand über das neue Phänomen der Umkehr bei den Target-Salden spreche, so Hüfner weiter.

Was ist passiert, das so eine Revolution bei den Target-Salden auslöst?
"Um mit dem Negativen zu beginnen: An der wirtschaftlichen und politischen Situation Italiens liegt es nicht. Das Damoklesschwert einer Regierung Salvini ist zwar abgewehrt worden. Aber die neue Regierung Conte geht die notwendigen Reformen keineswegs kraftvoll und überzeugend an. Sie ist auch nicht so gefestigt, dass man ihr eine lange Lebensdauer prognostizieren würde", analysiert Hüfner. Die Zinsen in Italien sind gefallen. Sie liegen für zehnjährige Staatspapiere bei 1,3 Prozent. Das sei zwar erfreulich, angesichts der nach wie vor bestehenden Risiken in dem Land er­scheine der Zinsrutsch vielen aber zu groß. Sie rechnen eher mit Zinssteigerungen. Auch das sei kein Grund für Geldtransfers in das Land, so Hüfner. Wirtschaftlich schrammt das Land an einer Rezession. Die Staatsverschuldung ist nach wie vor zu hoch. Die Leistungs­bilanz ist zwar im Plus, aber nicht wegen der hohen Wettbe­werbsfähigkeit, sondern weil das Wachstum so niedrig ist. All das ist schon seit langem bekannt.

Woher dann also die Geldzuflüsse? Italiens Attraktivität ist es nicht...
Hüfner: "Sie haben einen ganz anderen Grund, sie hängen nicht mit der Attraktivität Itali­ens für Kapitalströme zusammen. Hier spielt vielmehr die Einführung des "Tierings" eine Rolle, das die EZB am 12. September beschlossen hatte, um die Banken bei den ne­gativen Einlagenzinsen zu entlasten. Durch das Tiering wer­den nicht wie bisher alle Überschussreserven der Banken mit Strafzinsen belegt, sondern nur ein Teil. Der Rest darf frei zu 0 Prozent - statt minus 0,5 Prozent - angelegt werden.

Einführung des "Tierings", der Staffelung des Einlagenzinses, ist der Grund
Für die deutschen Banken ist das keine große Erleichte­rung, weiß Hüfner. Diese hätten so viele Überschussreserven, dass ihnen keine Freibeträge verblieben. Bei den italienischen Banken sei das anders. Sie besäßen nämlich – ebenso wie etwa die spanischen Häuser – relativ wenig Überschussreserven. "Der Freibetrag, den sie durch das Tiering bekommen, ist größer als das, was sie tatsächlich benötigen. Das bedeu­tet, dass sie den Freibetrag anderen zur Verfügung stellen können. Und genau das tun sie. Deutsche Kreditinstitute nutzen das. So kommt es zu den Geldflüssen von Deutsch­land nach Italien", merkt Hüfner an.

Freibeträge von Banken anderer Länder an deutsche Banken weitergereicht
Das Ganze dürfte sich nicht nur auf Deutschland und Italien beziehen, sondern auch auf andere Euromitglieder, die Frei­beträge für ihre Überschussreserven suchen beziehungs­weise anbieten. Leider liegen dazu noch keine aktuellen Zahlen vor. Deutschland und Italien dürften aber die promi­nentesten Länder sein, vermutet Hüfner.

Was ist davon zu halten?
Insgesamt sei dies eine positive Ent­wicklung,  meint der Ökonom. "Die Fragmentierung der nationalen Geldmärkte verringert sich. Es passiert ein Schritt in Richtung einer engeren Zusammenarbeit in der Bankenunion, die auch auf deren Gebieten angestrebt wird. Das Ärgernis der Target-Salden, das so viel diskutiert und kritisiert wird (ob mit Recht oder nicht), verliert etwas von seinem Schrecken. Ich ver­mute, dass die Target-Salden im November noch stärker zurückgehen, da die Tiering-Regel dann offiziell in Kraft getreten ist. "

Nur ein Tropfen auf den heißen Stein?
Andererseits sollte man aber auch nicht übertreiben. Die gesamten Target-Forderungen der Bundesbank belaufen sich auf 837 Milliarden Euro. Der Rückgang, den wir im Oktober gesehen hätten, so Hüfner, sei ein Tropfen auf den heißen Stein. Zu­dem sei zu berücksichtigen, dass die EZB im November die Wertpapierkäufe wieder aufgenom­men habe. Es handle sich zwar um einen relativ geringen Betrag von 20 Milliarden Euro pro Monat, aber  auch dadurch wür­den die Target-Salden wieder steigen. 

Was bedeutet das für den Investor?
"Für die Kapitalmärkte ist der Rückgang der Target-Salden gut. Die europäische Integration wächst weiter, wenn auch im Schneckentempo. Die Belastungen des Euros mindern sich. Insgesamt dürften sich die Effekte aber in Grenzen halten. Die Symbolkraft ist aber umso größer", findet Hüfner. (kb)

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