Das Fachmagazin für institutionelle Investoren

Geben Sie Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort ein, um sich an der Website anzumelden:

News Übersicht

| Märkte
twitterlinkedInXING

Ist die Preissteigerungsrate zu niedrig?

Die Preissteigerung im Euroraum hat sich in den letzten zwölf Monaten in geradezu beängstigender Weise verringert. Formal ist das eine deutliche Zielverfehlung der Zentralbank. Für die Volkswirtschaft insgesamt überwiegen jedoch positive Effekte, meint der Chefökonom von Assenagon Asset Management.

hüfner_martin_2015_2.jpg
Dr. Martin W. Hüfner
© Assenagon

Wenn man sich die Zahlen anschaut, sieht es dramatisch aus. Seit einem Jahr geht die Inflationsrate im Euroraum fast kontinuierlich nach unten. Sie hat sich binnen zwölf Mo­naten mehr als halbiert, von 2,3 auf 0,7 Prozent. Wenn das so weitergeht, dann sind wir bald bei null und darunter. Der Ab­sturz ist wesentlich stärker und schneller als die konjunktu­relle Abschwächung, die wir in dieser Zeit erlebt haben.

Müssen wir besorgt sein?
Kündigt sich hier ein Problem an oder sind wir vielleicht schon mitten drin? Martin Hüfner  meint: "Keineswegs, eher das Gegenteil ist richtig. Wir unterliegen bei den Sor­gen vielmehr der juristischen Fiktion, dass Geldwertstabilität nur dann gewährleistet sei, wenn die Zunahme der Verbrau­cherpreise nicht höher und nicht niedriger ist als "knapp un­ter zwei Prozent". So lautet aber nur das Mandat der Zentralbank. Der Bürger denkt anders. Er wünscht sich nicht eine Inflation von zwei Prozent, sondern eher von null. Insofern ist die aktuelle Entwicklung der Preise für ihn eher erwünscht."

Preissteigerung in den Keller?
Inflation im Euroraum

Quelle: EZB

Niedrigere Preissteigerungsraten sind aber auch sonst nichts Schlechtes
Sie bedeuten, dass Verbraucher und Un­ternehmen für ihr Geld mehr Güter und Dienste bekommen. "Die reale Kaufkraft steigt. Das stabilisiert die Konjunktur. Das ist gerade in der gegenwärtigen Situation hilfreich, in der vom Export eher negative Einflüsse ausgehen. Durch die geringeren Preissteigerungen wird die reale Binnen­nachfrage gestärkt", analysiert Hüfner.

In die gleiche Richtung wirkt der Wechselkurseffekt
Wenn die Preise im Euroraum langsamer steigen als beispielswei­se in den USA – was derzeit tatsächlich der Fall ist – dann kommt dies bei konstantem Wechselkurs einer realen Abwertung des Euro gleich. Hüfner dazu: "Die europäischen Unternehmen gewinnen gegenüber den amerikanischen an Wettbewerbs­fähigkeit. Das ist zwar kein sanftes Ruhekissen, auf dem man sich ausruhen kann. Es hilft aber dem Export in einer Zeit, in der er durch die weltweite Nachfrageschwäche be­sonders heftigem Gegenwind ausgesetzt ist."

Die niedrigeren Preissteigerungsraten helfen auch den Investoren
Sie bekommen zwar nicht mehr Zinsen. Es geht ihnen aber weniger Geld durch die Inflation verloren. Real stellen sie sich mit ihren Ersparnissen besser. Der Realzins, also der Nominalzins abzüglich Preissteigerungsrate, geht nach oben. Das ist zwar keine großartige Verbesserung. Aber immerhin.

Keine generelle Nachfrageschwäche
Wir sollten uns auch deshalb nicht über die niedrige Inflation beschweren,mient Hüfner, weil sie nicht durch eine generelle Nachfrage­schwäche bedingt sei. Sie beruhe allein auf dem Sonderfak­tor Energiepreise. Superbenzin hat sich in Deutschland bin­nen Jahresfrist um 7,6 Prozent verbilligt. Für Heizöl und Kraftstof­fe mussten die Verbraucher in der Bundesrepublik sogar 9,1 Prozent weniger ausgeben. Wenn man diese Bewegungen ausschaltet, sieht das Bild ganz anders aus. Die Kerninfla­tion hat sich in den letzten zwölf Mo­naten fast gar nicht bewegt. Sie liegt weitgehend unverän­dert bei 1,2 Prozent. Das entspricht auch der Erfahrung im täglichen Leben. Hier sieht man keinen Trend zu niedrigeren Preisen. Preise für Dienstleistungen beispielsweise steigen um 1,6 Prozent im Jah­resvergleich. Für Friseure und Körperpflege muss man 3,2 Prozent mehr als vor einem Jahr ausgeben. Die Wartung und Pflege von Autos kostet fünf Prozent mehr. Verarbeitete Lebensmit­tel einschließlich Alkohol und Tabak verteuern sich um 1,6 Prozent. Selbst in der Industrie, die derzeit konjunkturell so arg gebeutelt wird, gehen die Preise nicht zurück, sondern erhöhen sich weiter.

Wichtigstes Argument gegen zu niedrige Preisstei­gerung ist Angst vor Deflation
Von einer solchen deflatorischen Selbstbeschleunigung sind wir aber meilenweit entfernt, merkt Hüfner an: "Erstens sinken die Preise nicht absolut, sie steigen nur nicht mehr so stark an. Es macht also keinen Sinn, Nachfrage zurückzuhalten. Zwei­tens braucht es für eine Deflation auch entsprechende ge­samtwirtschaftliche Rahmenbedingungen, konkret einen Rückgang der realen Wirtschaftsleistung. Drittens braucht es auch ein dazu passendes internationales Umfeld. Wenn überall in der Welt die Preise steigen, ist es kaum denkbar, dass sie ausgerechnet im Euroraum sinken. In Deutschland hat es in der Nachkriegszeit noch nie eine Deflation gege­ben. Die letzte Deflation war vor 90 Jahren in der Weltwirt­schaftskrise."

Hüfner hält alle Deflationsängste für gänzlich übertrie­ben
Aus diesem Grund würde es ihn auch nicht stören, wenn die Inflationsrate noch weiter zurückgeht: "Erst wenn wir bei null sind, würde ich genauer hinschauen, ob es An­zeichen einer Selbstbeschleunigung gibt."

Muss die Politik handeln?
Formaljuristisch komme die Geld­politik in eine schwierige Position, da sie sich immer weiter von ihrem Ziel entferne, so der Ökonom. Andererseits habe sie durch ihre Maß­nahmen im September schon so viele Register gezogen, dass sie exkulpiert sei. Für die Gesellschaft insgesamt seien die Auswirkungen der niedrigeren Preissteigerung positiv. Da gebe es keinen Handlungsbedarf.

Was bedeutet das für den Investor?
Die Inflationsrate ist in den letzten Monaten etwas aus dem Fokus der Kapitalmärkte gerückt. Sie ist weder zu hoch noch zu niedrig, als dass man sich im Euroraum Sorgen machen müsste, sagt Hüfne rund fährt fort: "Das ist kein schlechtes Zeichen. Verlassen sollte man sich aber nicht darauf, dass das so bleibt. Gerade die Ölpreise können sich schnell drehen." (kb)

twitterlinkedInXING

News

 Schliessen

Mit der Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies und unserer Datenschutzerklärung zu. Mehr erfahren