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Henning Stein, Invesco: Was haben Asset Manager jemals für uns getan?

Vor dem Hintergrund, dass die Öffentlichkeit Asset Manager vielfach als Werkzeuge des Bösen sehen oder Politiker neuerdings auf der anderen Seite als willfährige Knechte zur Erreichung von globalen Temperaturzielen, bricht Invescos Henning Stein eine Lanze für die professionelle Vermögensverwaltung.

Henning Stein, Invesco
Henning Stein, Invesco: "Unsere Branche ist in der Vergangenheit häufig aus den falschen Gründen in die Schlagzeilen geraten. Daher wird es sicherlich Zeit brauchen, bis die Öffentlichkeit erkennt, dass sie auch eine deutlich bewundernswertere Seite hat."
© Invesco

Die Investmentindustrie steht generell im Generalverdacht, für viele Fehlentwicklungen auf unserer Welt schuld zu sein. Das dem keineswegs so ist und Asset Manager der Menscheit einen klaren Mehrwert bringen, erläutert Dr. Henning Stein, Global Head of Thought Leadership bei Invesco und Fellow der Cambridge Judge Business School in einem „Institutional Money“ vorliegenden Gastbeitrag. (aa)


„Die öffentliche Wahrnehmung der Investmentindustrie gründet noch immer auf dem Bild einer eigennützigen Einheit, für die das öffentliche Wohl keine oder kaum eine Rolle spielt. Die jüngsten Demonstrationen von Umweltaktivisten, die sich auch gegen die angebliche „Finanzierung der Umweltzerstörung“ durch die Finanzindustrie richten, haben das nur allzu deutlich gemacht.

Führende Politiker haben sogar angeregt, dass die Beschwerdeführer der Extinction Rebellion speziell die Vermögensverwalter ins Visier nehmen. Mit dieser Taktik würden sie vermeiden, sich die Öffentlichkeit zum Feind zu machen, so ihre Argumentation.

Ein derartiges Stimmungsbild spricht Bände. Es verdeutlicht, in welchem Maße die Asset Manager für vieles, an dem die Welt krankt, mitverantwortlich gemacht werden, und ist Ausdruck einer scheinbar unerschütterlichen Verachtung für eine Branche, die viele für einen wichtigen Drahtzieher des „Big Business“ halten.

Mit ihrer Aussage hat Mary Robinson aber implizit – und richtigerweise – auch angedeutet, dass Vermögensverwalter Positives bewirken können. Und genau das tut die Branche – auch wenn dies vom Mainstream scheinbar kaum gesehen wird.

Natürlich gibt es gute Gründe für Kritik am Asset Management. Wie die globale Finanzkrise gezeigt hat, ist die Branche alles andere als perfekt. Sie ausschließlich in einem negativen Licht zu betrachten, ist heute jedoch genauso verfehlt wie unfair. Den Menschen dies klarzumachen, ist eine der größten Herausforderungen, vor denen das Asset Management aktuell steht.

Evolution und langfristiges Denken
Kein Zweifel: Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts hat die Grenzen des Kapitalismus, wie wir ihn seit langem kennen, schonungslos offengelegt. Doch der Kapitalismus war und ist ein unfertiges Konzept: Er hat sich grundlegend weiterentwickelt, damit sich vergangene Fehler nicht wiederholen. In jüngster Zeit haben dazu gerade die Asset Manager maßgeblich beigetragen.

Wer das Ausmaß der aktuell stattfindenden Transformation anzweifelt, sollte sich den wegweisenden Artikel in Erinnerung rufen, den Milton Friedman 1970 für das New York Times Magazine schrieb. Darin verurteilte der Ökonom die aufkommende Vorstellung, dass „das Streben nach Profit böse und unmoralisch ist“. Mit seiner Verteidigung des Eigennutzes stärkte Friedman dem dominierenden Konzept des „Shareholder Value“ – der Wertsteigerung für die Aktionäre – für mindestens drei weitere Jahrzehnte den Rücken. Heute würde dieses Argument empört abgelehnt – auch von den Asset Managern.

Warum? Weil verantwortungsvolles Handeln, Nachhaltigkeit und langfristiges Denken in der Branche zunehmend zur Norm werden. Die Asset Manager sind die Treiber eines Prozesses, den die Universität Cambridge als „stille Revolution“ bezeichnet hat.

So hat der Business Roundtable, eine der wichtigsten Lobbygruppen amerikanischer Großkonzerne, vor kurzem erklärt: Der Zweck eines Unternehmens sollte darin bestehen, „einen Mehrwert für alle Stakeholder zu schaffen – Kunden, Mitarbeiter, Zulieferer, die Gesellschaft und die Eigentümer“. Über mehrere Jahrzehnte hatte die Wertschöpfung für die Eigentümer bzw. Anteilseigner der Unternehmen im Fokus gestanden. Im August 2019 wurde Friedmans Doktrin der Profitmaximierung die offizielle Absage erteilt. Durch den kritischen Dialog mit den Unternehmen und die aktive Ausübung ihrer Stimmrechte als Aktionäre treiben die Asset Manager diesen inklusiveren Ansatz bereits seit vielen Jahren voran.

Der Öl- und Gaskonzern Shell will seine Aktionäre darüber abstimmen lassen, ob die Gehälter seiner Führungsriege an die CO2-Bilanz des Unternehmens geknüpft sein sollten. Damit reagiert das Unternehmen direkt auf den Druck von Investoren, die sicherstellen wollen, dass Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen (ESG-Themen) in der Unternehmenspolitik und -praxis eine vorrangige Rolle spielen. Einer meiner Kollegen hat es so formuliert: „Die Gesellschaft steht in der Pflicht und spielt eine wichtige Rolle. Aber echte Wirkung erzielt man, wenn man viele Billionen Dollar in positive Veränderungen investiert.“

Ein Gefühl der Sinnhaftigkeit
Es gibt einen spannenden Bericht mit dem Titel "What Is the Purpose of Asset Management?" („Was ist der Zweck des Asset Managements?“). In dem vom Think-Tank New Financial im April 2018 veröffentlichten Bericht heißt es, dass die Asset Manager ihren Daseinszweck in der Vergangenheit vor allem anhand ihres verwalteten Vermögens, ihrer Mitarbeiterzahlen, der Höhe ihrer Steuerzahlungen oder ihres Beitrags zum BIP definiert haben.

Wie die Autoren betonen, erfassen derartige Definitionen aber weder den Zweck eines Unternehmens noch den einer Branche. Stattdessen ähnelten sie der Aussage einer Fluggesellschaft, ausschließlich einen maximalen geschäftlichen Erfolg anzustreben – und nicht den sicheren Transport der Passagiere von einem Ort zum anderen.

Letztlich besteht die Aufgabe des Asset Managers darin, das Risiko zu mindern, Renditen zu erwirtschaften und das Kapital so produktiv wie möglich anzulegen. Auf diese Weise sorgt die Asset-Management-Industrie heute mehr denn je dafür, dass die Finanzmärkte effizient funktionieren. So trägt sie entscheidend dazu bei, die Ruhestandszeiten in alternden Bevölkerungen zu finanzieren und langfristigen realwirtschaftlichen Bedarf zu decken, anstatt kurzfristigen Gewinnen hinterherzujagen. Mit ihrer Hilfe können wir die größten globalen Herausforderungen unserer Zeit und der Zukunft adressieren.

All dies geschieht Tag für Tag, mehrheitlich durch Menschen, für die ihre Arbeit ein Aspekt ihres Engagements für positive Veränderung ist. Damit sollte die Frage auch nicht lauten: „Was hat das Asset Management jemals für uns getan?", sondern: „Was tut das Asset Management für uns?“. Alles in allem lautet die Antwort: eine ganze Menge.

Natürlich schützt das die Vermögensverwalter nicht vor dem unvermeidbaren Vorwurf, dass die Branche zu spät handelt oder noch mehr tun könnte. Tatsache ist aber – ganz egal, was bislang war –, dass sich das Asset Management an die Spitze der internationalen Bemühungen um einen sinnvollen, konstruktiven und dauerhaften Wandel auf globaler Ebene gesetzt hat.

Erst Wirkung, dann Anerkennung
Ein aktuell großes Problem könnte darin bestehen, dass die von der Universität Cambridge so genannte „stille Revolution“ zu still ist. Die Asset Manager bewirken schon viel Positives, sind aber nicht sehr gut darin, dies auch zu kommunizieren.

Der großen Mehrheit der Finanzmarktteilnehmer ist natürlich klar, was hier passiert. Das gleiche gilt, wie wir bereits gesehen haben, für viele Unternehmen. Das Bild der Asset Manager in der Öffentlichkeit ist aber immer noch von den Sünden der Vergangenheit geprägt – und damit durch Abneigung und Verachtung.

Die Asset Manager müssen dieses Bild endlich aus der Welt schaffen – nicht, weil sie geliebt oder auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit nicht durch Klimaproteste aufgehalten werden wollen, sondern weil alle wissen sollten, dass hier eigentlich eine Interessenübereinstimmung besteht. Entgegen weit verbreiteter Annahmen legen es die Asset Manager nicht darauf an, Bemühungen zu durchkreuzen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Ganz im Gegenteil: Sie wollen sogar entscheidend dazu beitragen.

Diese Botschaft gilt es zu vermitteln, und zwar auf vielen Ebenen. Vielleicht trifft sie auf Misstrauen oder sogar unverhohlene Ungläubigkeit. Aber sie muss verbreitet werden. Und falls sie trotzdem immer wieder abgetan werden sollte, könnten die Ergebnisse mit der Zeit für sich sprechen.

Unsere Branche ist in der Vergangenheit häufig aus den falschen Gründen in die Schlagzeilen geraten. Daher wird es sicherlich Zeit brauchen, bis die Öffentlichkeit erkennt, dass sie auch eine deutlich bewundernswertere Seite hat. Wenn es uns gelingt, die Dynamik aufrechtzuerhalten, wird dies – und vor allem die immer weiter reichende positive Wirkung – aber letztlich anerkannt werden.“


Invesco ist einer der Sponsoren des 13. Institutional Money Kongresses (25. bis 26. März 2020 im Wiesbadener Congress  Center) und hält zum Thema Faktor Nachhaltigkeit einen Workshop. Nähere Informationen sowie eine Anmeldemöglichkeit finden Sie nachfolgend.

 

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