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GAM: Spekulationseuphorie sorgt für völlig neues "Faktorrisiko"

Ein Mehr an Tagesfreizeit während der Quarantäne hat dafür gesorgt, dass viele Privatanleger bei Online-Brokern Wertpapierdepots eröffneten und zum Spekulieren begonnen haben. Deren Herdenverhalten verbessert zwar die Marktliquidität, sorgt aber auch für ein neues "Faktorrisiko", meint GAM.

Mark Hawtin, Investment Director für Technologieaktien bei GAM Investments
Mark Hawtin, GAM Investments: "Das stellt ein völlig neues Faktorrisiko dar, das beim Portfolioaufbau beachtet werden muss, solange diese Kräfte derartig stark bleiben."
© GAM

Außerordentliche Bewegungen können gleich auf mehren Ebenen zu Veränderungen führen. So berichtet Mark Hawtin, Investment Director für Technologieaktien bei GAM Investments, dass während des Lockdowns viele Bürger nach Aktivitäten Ausschau hielten, die sie zu Hause ausüben konnten.

Sekundärmarktliquidität nahm zu
Folglich stiegen laut Hawtin die Depoteröffnungen und die Handelsvolumen stark an. Die Anzahl der Transaktionen schoss von einem einigermaßen stabilen Niveau von zwei Millionen pro Tag in den vergangenen vier Jahren um mehr als das Dreifache auf beachtliche sieben Millionen in die Höhe. Die großen Online-Plattformen in den USA verzeichneten einen sprunghaften Anstieg bei den Depoteröffnungen. Bei Fidelity wurden im Zeitraum von März bis Mai 2020 1,2 Millionen neue Depots eröffnet – dies entspricht einer Steigerung um 77 Prozent gegenüber dem Vorjahr. TD Ameritrade meldete im ersten Quartal eine Zunahme von neuen Depots um 249 Prozent.

Zocken auf Basis von Internet-Nachrichten
Die größte Überraschung stellen jedoch laut Hawtin die Daten der Trading-Plattform Robinhood dar. Ende 2019 hatte Robinhood zehn Millionen aktive Depots. Im 1. Quartal 2020 verzeichnete die Plattform eine Zunahme der Depoteröffnungen um 30 Prozent gegenüber dem 1. Quartal des Vorjahres. Das Durchschnittsalter der Kunden beträgt 31 Jahre.

Das sei laut Hawtin ein wichtiger Indikator, da er verdeutlicht, dass eine neue Gesellschaftsschicht ins Spiel kommt, die den Aktienmarkt bislang gemieden hatte. "Und diese neuen Mitspieler investieren und agieren auf vollkommen unkonventionelle Weise. Sie werden von der verstärkten Wirkung der sozialen Medien geleitet und sind nicht mehr darauf angewiesen, welche Kommentare "Schlipsträger" auf CNBC zu Bewertungen äußern. Jetzt geht es darum, wer den meisten Wirbel macht und die größte Gefolgschaft aufweist", erklärt Hawtin.

Junge wollen alles anders machen
Diese neuen Sprachrohre des Marktes legen großen Wert darauf, als Antithese des traditionellen Anlegers zu gelten. Sie vertreten die Auffassung, dass es sich um den perfekten Kaufzeitpunkt für Aktien von Fluggesellschaften handeln muss, wenn Warren Buffet diese Wertpapiere verkauft.

Diese Anlegergruppe ist vom Kauf von Lockdown-Gewinnern während des Marktabschwungs auf Erholungschancen unbeliebter Titel wie beispielsweise angeschlagene Fluggesellschaften oder regelrechte Konkursanwärter wie Hertz oder Chesapeake Energy umgeschwenkt. Arbeitslosigkeit, Handelskonflikte, soziale Unruhen, das Covid-Risiko und die bevorstehenden US-Wahlen verdienen offenbar keine Aufmerksamkeit und offensichtlich keinen Abschlag.

Als Hertz Ende Mai Konkurs anmeldete und Carl Icahn seine Beteiligung am Unternehmen zu 72 Cent pro Aktie verschleuderte, stürzte sich die Daytrading-Herde begierig auf die Aktie, die dadurch innerhalb weniger Tage auf über sechs US-Dollar kletterte, bevor sie wieder auf drei US-Dollar zurückfiel.

"Das soziale Megafon tönte so laut, dass sich Trader zwischenzeitlich auf den chinesischen Titel Fangdd stürzten, da sie fälschlicherweise annahmen, er habe etwas mit einem FANG-Unternehmen zu tun, nur um anschließend festzustellen, dass es sich dabei tatsächlich um ein chinesisches Immobilienunternehmen handelt. Der Preis der Aktie schnellte an einem einzigen Tag von zehn US-Dollar auf 40 US-Dollar in die Höhe, bevor er wieder abrupt absackte", berichtet Hawtin.

Social Investing zwischen Hype und Realität
Erfahrene Invstoren erinnern sich noch gut an die Masseneuphorie der Dotcom-Blase im Jahr 2000. Die aktuelle Entwicklung lässt Hawtin zufolge zunehmend zahlreiche Kennzeichen des damaligen Überschwangs erkennen.

Dennoch existieren eine ganze Reihe von qualitativ hochwertigen Wachstumsunternehmen, die nicht teuer sind, obwohl sich das fundamentale Umfeld vollkommen verändert hat. Darüber hinaus stellt die schiere Menge des verfügbaren Kapitals ein stichhaltiges Argument für den fortgesetzten Kauf von Aktien dar.

Ungeachtet dessen, ob sie auf Fundamentaldaten basiert oder nicht, stellt sich Hawtin zufolge die Frage, ob diese neue Ära des "Social Investing" mehr mit Las Vegas gemein hat als mit traditionellen Märkten. "Zur Erinnerung: Aktien sind lediglich ein Stück bedrucktes Papier, das zu dem Preis gehandelt wird, den jemand bereit ist, dafür zu zahlen. Heutzutage gibt es zahlreiche junge Anleger, die ein Konzept oder Thema wertschätzen, beispielsweise Tesla als Verkörperung des Trends zu Elektroautos und zum Transport als Dienstleistung. Nachdem der Aktienkurs von Tesla in der letzten Woche 1.000 US-Dollar erreichte, womit sich sein Marktwert mit 180 Milliarden US-Dollar dem von Toyota – dem größten Automobilkonzern der Welt – nähert, sollten wir uns bewusst machen, dass Tesla im Jahr 2019 im Vergleich zu den 10,7 Millionen produzierten Einheiten von Toyota lediglich 367.000 Autos hergestellt hat", hält Hawtin fest.

Fundamentals setzen sich langfristig immer durch
Die Menge des verfügbaren Kapitals werde Hawtin zufolge mit zunehmendem Zeitablauf wieder abnehmen. Dann sollten sich die Fundamentaldaten wieder durchsetzen. Bei fundamental abgestützten Strategien sollte man sich jedoch dieser neuen Kraft und ihrer Auswirkungen bewusst sein. Zwischenzeitlich wurden an nur einem Tag 1,2 Millionen Apple-Optionen gehandelt. Am Ende des Handelstages bestanden jedoch lediglich 135.000 offene Positionen. Das impliziert eine Intraday-Aktivität im Gegenwert von 35 Milliarden US-Dollar bei einem einzigen Titel. "Das stellt ein völlig neues Faktorrisiko dar, das beim Portfolioaufbau beachtet werden muss, solange diese Kräfte derartig stark bleiben", erklärt Hawtin abschließend. (aa)

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