Logo von Institutional Money
Geben Sie Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort ein, um sich an der Website anzumelden:

News Übersicht

| Märkte
twitterlinkedInXING

Eurozone: Energiepreise werden vom Preistreiber zur Inflationsbremse

Vieles spricht dafür, dass der Anstieg der Energiepreise 2023 Jahr so gut wie zum Stillstand kommt. Gegen Ende 2023 werden von Energiepreisen sogar inflationsdämpfende Effekte ausgehen. Die Inflationsrate wird sich in der zweiten Jahreshälfte daher in die Nähe des 2,0%-Zielwerts der EZB bewegen.

Jörg Angelé, Bantleon
Jörg Angelé, Senior Economist bei Bantleon
© Bantleon

Die Inflationsrate ist in der Eurozone im Oktober auf den Rekordwert von 10,7 Prozent gesprungen. "Für 2022 zeichnet sich ein Anstieg der Verbraucherpreise um 8,4 Prozent ab. Maßgeblichen Anteil an der stärksten Geldentwertung seit 40 Jahren haben die Energiepreise, die im laufenden Jahr verglichen mit 2021 schätzungsweise um 38,0 Prozent zulegen werden. Das ist mit Abstand der ausgeprägteste Anstieg innerhalb der vergangenen 25 Jahre", stellt Jörg Angelé, Senior Economist bei Bantleon, fest.

Energiepreise sind 2022 maßgeblicher Inflationstreiber

Quellen: Eurostat, Bantleon

Das Plus aus dem Jahr 2000 in Höhe von 13,1 Prozent beispielsweise wird um das Dreifache übertroffen. Um die Jahrtausendwende waren es in erster Linie Kraftstoffe und Heizöl, die sich im Zuge der zwischenzeitlichen Verdreifachung des Ölpreises stark verteuert hatten und damit den Energiepreisanstieg anheizten.

In diesem Jahr ist die Situation eine andere
Zwar verzeichnen die Preise von Kraftstoffen und Heizöl erneut einen erheblichen Zuwachs um etwa ein Viertel beziehunsgweise mehr als zwei Drittel. Zusammen erklärt das aber »lediglich« knapp 40 Prozent des gesamten Energiepreisanstiegs; im Jahr 2000 waren es fast 90 Prozent. Angelé zur Differenz: "Den Unterschied machen heuer die massiven Preissteigerungen bei Gas und Strom. Mit voraussichtlich 55,0 beziehunsgweise 35,0 Prozent wird das Plus bis dato ungekannte Ausmaße erreichen. Der jeweilige bisherige Spitzenwert wurde mit 14,7 Prozent im Jahr 2001 respektive mit 9,6 Prozent im Jahr 2021 verzeichnet."

Preisdeckel sollen Abhilfe schaffen
Die bisherigen Maßnahmen, um den explodierenden Energiekosten Einhalt zu gebieten, hatten keinen durchschlagenden Erfolg. Mit Tankrabatten in zahlreichen Euroländern wurden beziehungsweise werden Autofahrer zwar entlastet. Diese Rabatte sind jedoch bereits ausgelaufen (Deutschland) oder werden spätestens Ende des Jahres eingestellt (Frankreich, Italien, Niederlande). Groß angelegte Entlastungen bei den Strom- und Gaspreisen können die privaten Haushalte im kommenden Jahr erwarten. Wobei die Gaspreisdeckel und Strompreisbremsen nicht in jedem Fall zu einer Verringerung der Rechnung fürs Heizen und Kochen führen werden, meint Angelé. Teils würden sie lediglich einen unkontrollierten Anstieg der Gas- und Stromkosten verhindern.

Der massive Preisanstieg bei Gas und Strom ist außergewöhnlich

* Harmonisierter Verbraucherpreisindex, ** 2022 und 2023 Prognose Bantleon
Quellen: Eurostat, Bantleon

Wie Frankreich reagiert
So hat beispielsweise die französische Regierung angekündigt, die Gas- und Strompreise Anfang 2023 einmalig um »nur« je 15 Prozent anzuheben. Bei Weitergabe der Marktpreise sähen sich die Verbraucher mit einer Verdoppelung der Kosten konfrontiert.

Französischer Gaspreisdeckel wird 2023 um 15 Prozent angehoben

Quellen: INSEE, Médiateur national de l‘énergie, Bantleon

Deutsche Maßnahmen
Die in Deutschland beschlossenen Deckel bei Gas und Strom werden einen Anstieg der Preise im kommenden Jahr ebenfalls lediglich dämpfen, nicht aber verhindern. Der bei Gas in Aussicht gestellte Höchstbetrag von 12 Ct/kWh beispielsweise entspricht zwar in etwa dem aktuellen Durchschnittspreis, den Gaskunden entrichten müssen. Er gilt jedoch nur für 80 Prozent des (Vor-)Jahresverbrauchs. Für die übrigen 20 Prozent müssen Marktpreise bezahlt werden. Diese lagen zuletzt bei gut 20 Ct/kWh. Theoretisch könnten die deutschen Konsumenten bei einer Verbrauchsreduktion um 20 Prozent zwar ihren gesamten Gasbedarf zum subventionierten Tarif decken. Wir halten Einsparungen von mehr als fünf Prozent gleichwohl für unrealistisch. Das legen auch aktuelle Daten nahe, denen zufolge Privathaushalte ihren Gasverbrauch im September und Oktober bereinigt um Witterungseffekte so gut wie gar nicht eingeschränkt haben. Unter diesen Rahmenbedingungen sollten die Gaspreise für deutsche Privatkunden im nächsten Jahr durchschnittlich um 30 Prozent steigen, nach 55 Prozent im laufenden Jahr.

Ähnlich stellt sich die Situation bei den Strompreisen in der Bundesrepublik dar
Angesichts der Abschaffung der EEG-Umlage werden diese 2022 voraussichtlich »nur« um 20 Prozent steigen. Für 2023 ist trotz Strompreisdeckel von 40 Ct/kWh ein weiterer Zuwachs um 15 Prozent zu erwarten. So liegt der gedeckelte Preis zwar nur knapp oberhalb des aktuellen Bestandskundenpreises von gut 37 Ct/kWh, allerdings gilt auch er nur für 80 Prozent des (Vor-)Jahresverbrauchs.

In zahlreichen Euroländern werden die Strompreise 2023 kräftig sinken
In anderen Ländern wird es dagegen echte Preisrückgänge für die Konsumenten geben. So zeichnet sich infolge staatlicher Eingriffe unter anderem in Spanien, den Niederlanden, Österreich und Griechenland bei den Strompreisen ein Rückgang um 20 bis 35 Prozent ab.

Und selbst ganz ohne Preisdeckel dürfte in einigen Ländern ein ähnlich großes Minus zu Buche stehen. So wirken sich beispielsweise in Italien und Belgien Änderungen der Großhandelspreise zeitnah auf die Preise für private Endabnehmer aus (siehe nachstehende Grafik) Das führt dazu, dass diese sich nach einer um 110,0 beziehungsweise 60,0 Prozent  höheren Stromrechnung im laufenden Jahr dann 2023 auf merklich rückläufige Kosten für Elektrizität einstellen können. Hintergrund ist der Rückgang des börsennotierten Strompreises um 72,0 Prozent seit August.

In Italien und Belgien winken auch ohne Deckel fallende Strompreise

* 2 Monate versetzt
Quellen: Eurostat, GME, Nord Pool, Bantleon; 

Alles in allem überwiegen beim Strom die Mitgliedsländer mit rückläufigen Preisen
Für die Eurozone ergibt sich im kommenden Jahr mithin folgendes Bild: Unter der Annahme eines 2023 konstanten Großhandelspreises auf dem aktuellen Niveau von 125 Euro/MWh und unter Berücksichtigung der diversen Preisdeckel, ist Bantleons Berechnungen zufolge von einem Rückgang der Strompreise für Privathaushalte um etwa fünf Prozent auszugehen.

Nicht ganz so günstig sind die Aussichten für Gaskunden
Trotz der in zahlreichen Euroländern umgesetzten beziehunsgweise angedachten Preisbremsen müssen sich die Kunden im nächsten Jahr im Schnitt auf eine um etwa 15 Prozent höhere Rechnung einstellen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Gaspreis im Großhandel seit August weniger stark gefallen ist als der Strompreis – er hat sich »nur« auf 115 Euro/MWh halbiert.

Energiepreise werden 2023 kaum noch zum Anstieg der Verbraucherpreise beitragen
Auf Basis dieser Überlegungen lässt sich ein Szenario für die Energiepreisentwicklung im kommenden Jahr sowie die Auswirkungen auf die Inflationsrate in der Eurozone ableiten. Angelé führt ais: "Wir ergänzen hierzu unsere Berechnungen zu den Gas- und Strompreisen mit Prognosen zu den Kraftstoff- und Heizölpreisen. Dabei wird unterstellt, dass sich diese bis Ende des nächsten Jahres auf dem aktuellen Niveau bewegen, was angesichts der globalen Konjunkturschwäche eine eher konservative Annahme ist. Im Jahresdurchschnitt 2023 bedeutet das bei den Kraftstoffpreisen in der Eurozone einen Anstieg um 2,5 Prozent, bei Heizöl beträgt der Zuwachs 11,0 Prozent."

Für die Energiepreise ergibt sich unter diesen Rahmenbedingungen ein Plus von 4,0 Prozent, verglichen mit +38,0 Prozent im laufenden Jahr. Der Beitrag zur Teuerungsrate wird sich damit von 4,1 Prozent-Punkten auf 0,5 Prozent-Punkte reduzieren. Im 4. Quartal 2023 werden die Energiepreise sogar einen negativen Wachstumsbeitrag liefern, den Preisauftrieb mithin dämpfen:

Energiepreise werden 2023 vom Preistreiber zur Inflationsbremse

* Wachstumsbeitrag
Quellen: Eurostat, Bantleon; 

Bei Kraftstoff- und Heizölpreisen halten sich Auf- und Abwärtsrisiken 2023 die Waage …
"
Die Risiken für unser Energiepreisszenario sehen wir als ausgeglichen an, wobei es sowohl plausible Gründe für einen stärkeren als auch für einen schwächeren Anstieg der Energiepreise gibt", so Angelé weiter. "Mit Blick auf die Gaspreise würde ein milder Winter für eine weitere Entspannung sorgen. Spiegelbildlich dürfte ein Kälteeinbruch auf der Nordhalbkugel eine steigende Nachfrage nach Gas und damit einen neuerlichen Preisschub nach sich ziehen. In einer nochmaligen Reduktion der Lieferungen aus Russland sehen wir dagegen nur noch begrenztes Potentiial, die Gaspreise in die Höhe zu treiben. Aktuell liegt der Anteil der russischen Gaseinfuhr in die EU bei etwa 6,0 Prozent der gesamten Gasimporte. Im November 2021 lag dieser Wert noch bei über 40,0 Prozent. Davon abgesehen würden neuerliche Preiskapriolen bei den Gasgroßhandelspreisen vor dem Hintergrund der vielfach vorhandenen Preisdeckel nur noch in stark abgeschwächter Form auf die Konsumentenpreise durchschlagen."

Bei Diesel und Heizöl lauert Potential für Preisrückgänge

Quellen: EU-Kommission, Macrobond, Bantleon

Bei den Kraftstoff- und Heizölpreisen halten sich Auf- und Abwärtsrisiken nach Einschätzung von Bantleon die Waage. Angelé: "Das von uns prognostizierte Abrutschen der USA und der Eurozone in eine Rezession sprechen für sich genommen für einen rückläufigen Rohölpreis. Das Gleiche gilt für den Fall eines neuerlichen Abtauchens der chinesischen Wirtschaft infolge von Corona-Lockdowns. Darüber hinaus sehen wir die Möglichkeit, dass sich der aktuell ungewöhnlich hohe Aufschlag bei Diesel und Heizöl gegenüber dem Rohölpreis im nächsten Jahr zurückbildet, wenn es gelingt, alternative Bezugsquellen zu den gestoppten russischen Importen aufzutun." Demgegenüber würde eine zusätzliche Verschärfung der gegenseitigen Wirtschaftssanktionen zwischen Russland und der EU zu einem Anstieg des Ölpreises führen. Beispielsweise könnte Moskau beschließen, als Reaktion auf das ab Januar 2023 geltende Öleinfuhrverbot per Pipeline seine Lieferungen gänzlich einzustellen. Eine unerwartete Konjunkturbelebung in China oder eine Drosselung der Förderung durch die OPEC würden die Ölnotierungen ebenfalls in die Höhe treiben.

… während bei den Strompreisen die Abwärtsrisiken dominieren
Bei den Strompreisen sehen die Bantleon-Experten sogar eine größere Wahrscheinlichkeit für weiter fallende Preise als für einen erneuten nachhaltigen Preisanstieg. Angelé wird konkret: "Die Preisexplosion in diesem Jahr wurde in erster Linie durch drei Faktoren getrieben. Der wichtigste ist das sogenannte Merit-Order-Prinzip bei der Strompreisermittlung, das in der EU zur Anwendung kommt. Diesem Prinzip zufolge bestimmen die Kosten der teuersten Einheit produzierten Stroms den Preis für die Gesamtmenge erzeugten Stroms. Infolge der Preisexplosion bei Gas stiegen die Kosten für mittels Gaskraftwerken bereitgestellte Elektrizität massiv an. Auf diese konnte im zurückliegenden Sommer allerdings nicht verzichtet werden. Zum einen wegen des fehlenden Atomstroms aus Frankreich, zum anderen wegen der stark eingeschränkten Stromgewinnung aus Wasserkraft infolge des europaweiten Niedrigwassers.

Frankreichs Stromerzeugung in diesem Jahr unter ferner liefen

Quellen: Eurostat, Bantleon

Abkehr vom Merit Order-Prinzip
Die EU-Kommission hat eine Abkehr vom Merit-Order-Prinzip und damit eine Entkoppelung von Strom- und Gaspreis angestoßen. Eine Entwicklung wie in diesem Jahr sollte sich somit nicht wiederholen. Zudem ist es realistisch anzunehmen, dass die ungeplant langen Wartungsarbeiten an zahlreichen französischen Atomkraftwerken spätestens im Frühjahr 2023 abgeschlossen sind. Der Betreiber der Kraftwerke, die Electricité de France (EDF) rechnet für 2023 mit einer Kraftwerksleistung von 300 bis 330 TWh. Das wäre zwar noch immer deutlich weniger als 2021 (361 TWh), jedoch bedeutend mehr als im laufenden Jahr, in dem der Ausstoss gemäß EDF nur bei etwa 280 TWh liegen wird. Frankreich wäre damit im nächsten Jahr nicht mehr auf Stromimporte angewiesen. Daneben sollte 2023 wieder mehr Strom aus Wasserkraft zur Verfügung stehen.

Fazit: Energiepreise werden 2023 vom Preistreiber zur Inflationsbremse
Es spricht vieles dafür, dass der Anstieg der Energiepreise im kommenden Jahr so gut wie zum Stillstand kommt. Der inflationstreibende Beitrag von Gas, Strom, Kraftstoffen und Heizöl dürfte sich daher ab Januar 2023 erheblich reduzieren. Im Jahresdurchschnitt wird er voraussichtlich bei 0,5 Prozent-Punkten liegen, nach 4,1 Prozent-Punkten 2022. Angelé rechnet: "Rein rechnerisch wird das die Teuerungsrate 2023 um 3,6 Prozent-Punkte drücken. Nach 8,4 Prozent im laufenden Jahr deutet sich für das nächste Jahr mithin ein Verbraucherpreisanstieg um etwa 5,0 Prozent an – unter der Annahme einer stabilen Kerninflationsrate in Höhe von rund 4,0 Prozent."

Gegen Ende 2023 werden von den Energiepreisen sogar inflationsdämpfende Effekte ausgehen. Die Inflationsrate wird sich in der zweiten Jahreshälfte daher in die Nähe des Zwei-Prozent-Zielwerts der EZB bewegen, schätzt der Ökonom. In einigen Mitgliedsländern, wie beispielsweise den Niederlanden, werden die Energiepreiseffekte so markant ausfallen, dass die Teuerungsrate im 2. Halbjahr 2023 gar in den negativen Bereich abtauchen wird. Im Jahresdurchschnitt dürfte der Verbraucherpreisanstieg in diesen Ländern unter das Inflationsziel der EZB zurückgehen.

Druck wird damit auch von der EZB genommen
Insgesamt wird 2023 – im Gegensatz zu 2022 – statt von einer steigenden von einer fallenden Inflationsrate geprägt sein. Angelé: "Das wird es der EZB ermöglichen, auf das sich erheblich eintrübende wirtschaftliche Umfeld zu reagieren und bei den Zinsanhebungen nach dem erwarteten Schritt um 50 Basispunkte im Dezember im nächsten Jahr zu pausieren." (kb)

twitterlinkedInXING

News

Institutional Money Kontakt
Logo von Institutional Money
Institutional Money
c/o FONDS professionell Multimedia GmbH, Landstrasser Hauptstraße 67, EG/Hof, 1030 Wien

Telefon: +43 1 815 54 84-0
Fax: +43 1 815 54 84-18
E-Mail: office@institutional-money.com

Redaktion Köln:
Hohenzollernring 52
50672 Köln
Telefon: +49 221 33 77 81-0
Telefax: +49 221 33 77 81-19
 Schließen

Mit der Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies und unserer Datenschutzerklärung zu. Mehr erfahren