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Erdöl-Crash: Lager-Engpässe nur der Sündenbock?

Laut landläufiger Meinung waren es Lagerengpässe, die Futures-Kontrakte auf die US-Ölsorte WTI kurzzeitig in den negativen Bereich drückten. Der Schweizer Rohstoff-Händler Marco Dunand meint dazu nur: "Das konnten wir nicht beobachten". Er hat eine andere Erklärung für den Crash.

erdölproduktion
Möglicherweise waren es gar nicht mangelnde Lagerkapazitäten, die den Ölpreis-Schock ausgelöst haben.
© Skórzewiak / stock.adobe.com

Was hat den Erdöl-Crash vom 20. April, der den Future-Preis eines Fasses WTI in negatives Terrain drückte, eigentlich wirklich verursacht? Die meisten Marktteilnehmer gehen von Engpässen bei den Lagerkapazitäten aus. Marco Dunand, der Chef des Genfer Rohstoffhändlers Mercuria, sieht das gegenüber der NZZ etwas differenzierter und macht nicht zuletzt den massenhaften Einstieg von mangelhaft informierten Retail-Investoren für den Eintritt des „für die meisten Undenkbaren“, wie es Dunand formuliert, verantwortlich. 

Laut dem Schweizer gehört rund die Hälfte der Leute, die auf steigende Preise wetten, zu dieser Gruppe, die dann aber unter Umständen nicht über die unterschiedlichen Anlageregeln der einzelne Produkte informiert sind. Was laut Durand zu Problemen führen kann, ist der Mechanismus, wonach „Futures-Kontrakte für WTI einen Monat laufen. Bei Verfall wird das Erdöl geliefert. Wenn man das nicht will, muss vor dem Verfall in einen Kontrakt für Monate in der Zukunft gerollt werden.“ Manche Fonds schreiben vor, in den nächsten Monat zu rollen, manche geben andere Monate an. 

Das Undenkbare
Das kann zu Problemen führen. Die Situation im April schildert Dunand gegenüber der Zeitung folgendermaßen:„Wir konnten sehen, dass am WTI-Markt die offenen Positionen vor dem Verfallstag groß, ungewöhnlich groß waren. Offene Positionen zeigen die Anzahl ausstehender Kontrakte an. Wir wussten aber nicht genau, wer dahintersteht. Und dann mussten die Fonds nach ihren eigenen Regeln den Kontrakt für den laufenden Monat verkaufen und Wertpapiere für andere Monate kaufen, damit sie kein Öl ausgeliefert bekamen. Niemand hatte erwartet, dass diese Positionen der Finanzinvestoren so groß waren. Die meisten Rohstoffhändler oder Raffinerien haben Limiten bei der Anzahl von Kontrakten, die sie halten dürfen. Retail-Investoren haben dies nicht. Dies sollte wohl geändert werden. Der Markt wurde dann vor dem Verfallstermin des Mai-Kontrakts überrascht. Der Preis sank unter 10 US-Dollar je Fass, dann 9, 8, 7 und so weiter. Der Preis wurde dann einfach zu einer Zahl, ohne Verbindung zu irgendetwas. Ich hätte nie gedacht, dass wir jemals einen negativen Preis sehen würden.“

Gut gefüllt, aber nicht überfüllt
Lager-Engpässe konnte Durand vor diesem Hintergrund nicht beobachten. Vielmehr sei es darum gegangen, dass es einfach keine Zeit gab, sich anzupassen, wenn jemand eine riesige Position auflöste. Deshalb wird auch gefordert, dass die Finanzinvestoren ihre Kontrakte eine Woche vor dem Verfallsdatum rollen sollen, was manche Fonds machen. Man hätte natürlich sagen können, zu so einem billigen Preis kaufe ich und nehme die Lieferung an. Aber dafür hätte man beispielsweise auch die Pipeline-Leute fragen müssen, ob dies gehe.“

Was die Lagerkapazitäten betrifft, geht Duran sogar davon aus, dass noch Lagerkapazitäten für bis zu 300 Millionen Fass Erdöl an Land verfügbar sind, diese befänden sich aber an Orten, die relativ schwer zu erreichen sind. Und dann kann Öl auch in Tankschiffen gelagert werden. Angesichts diese Lage und der jüngst ausgehandelten „Opec+“-Abkommen, geht Duran von einer Stabilisierung des Marktes aus, „wenn diese Vereinbarung eingehalten wird und es zu keiner zweiten Welle der Corona-Pandemie kommt, möglicherweise bereits im September. Es wird aber weiterhin gut gefüllte Erdöllager geben, die abgebaut werden müssen“, so der Ölexperte. (hw)

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