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Darum könnten Halbleiter das neue Öl sein

Wie lange wird das knappe Angebot an Halbleitern bestehen bleiben, und was bedeutet das für die Zukunft der Branche? Der Mangel ist eher zyklischer Natur und in einigen Branchen wie der Automobil- und PC-Industrie akuter, sagt Mathews Cherian, Portfoliomanager/Investment-Analyst bei Capital Group.

Mathews Cherian, Portfoliomanager/Investment-Analyst bei Capital Group
Mathews Cherian, Portfoliomanager/Investment-Analyst bei Capital Group
© Capital Group

"Halbleiter können als Motor für das nächste Jahrzehnt des globalen Wachstums in einer zunehmend datenhungrigen Welt gesehen werden, ähnlich wie beim Öl, das den Aufstieg der Industrieländer im letzten Jahrhundert beflügelt hat", findet Mathews Cherian, Portfoliomanager und Investment-Analyst bei der Capital Group.

Halbleiter als Öl des 21. Jahrhunderts?
Zu beachten ist, dass sich die Halbleiterindustrie über Boom-und-Krisen-Zyklen entwickelt hat, die von übermäßigen Investitionsausgaben, schlechter Lagerbestandsverwaltung und mangelnder Preisdisziplin gekennzeichnet waren. Heute ist die Branche disziplinierter und besser aufgestellt, nachdem eine jahrelange Konsolidierung dazu geführt hat, dass in jedem spezialisierten Bereich der globalen Lieferkette einige wenige dominante Akteure übrig geblieben sind. "Auf der Nachfrageseite ist die Branche gut aufgestellt, um in den kommenden Jahren von dem starken Rückenwind durch die Umstellung von Unternehmen, Regierungen und Branchen auf 5G-Technologien, künstliche Intelligenz (KI) und cloudbasierte Lösungen zu profitieren", analysiert Mathews Cherian. Nach verschiedenen Schätzungen könnte sich der weltweite Halbleiter-Umsatz von etwa 450 Mrd. US-Dollar im Jahr 2019 auf fast 1 Billion US-Dollar im Jahr 2030 verdoppeln.

Kapazitätsengpässe sind eher auf COVID als auf strukturelle Aspekte zurückzuführen 
Die globale Krise wurde durch ein Zusammentreffen von Ereignissen ausgelöst, die weder struktureller Natur sind, noch die langfristige Nachfrage beeinflussen. Die Automobilindustrie wurde einfach überrumpelt, nachdem sie in den ersten Monaten der Pandemie ihre Aufträge bei den Herstellern storniert hatte. Gleichzeitig wurde die Welt virtuell, und der allgemeine Trend zur Digitalisierung beschleunigte sich. Diese Verschiebung führte zu höheren Bestellungen von Chips, die in PCs, Videospielgeräten, Haushaltsgeräten und Cloud-basierten Anwendungen eingesetzt werden.

Selbstkorrektur des Marktes
Als die Autohersteller im letzten Herbst ihre Bestellungen bei den Herstellern erneuerten, gab es daher keine Kapazitäten für sie. Glücklicherweise macht der Automobilsektor nur einen kleinen Teil des gesamten Halbleitermarktes aus, wobei der Bereich angesichts des erwarteten Anstiegs der Elektrofahrzeugproduktion künftige Wachstumschancen aufweist. Da die Herstellung von Auto-Chips etwa vier Monate dauere, dürfte sich die Situation bis zum Ende dieses Jahres von selbst korrigieren, vermutet Cherian.

KI und maschinelles Lernen sind starke Wachstumstreiber für die Branche
Täglich werden immer mehr Daten erzeugt. Es begann mit den sozialen Medien und damit, dass die Leute Bilder und Videos von ihren Kindern, dem Essen, das sie in Restaurants gegessen haben, und den Orten, die sie besucht haben, veröffentlichten. Im Jahr 2018 wurden die Menschen als die größten Datenerzeuger von den Maschinen überholt.

Rechenzentren als Riesenstromverbraucher
Enorme Datenmengen werden sich nicht in unseren Telefonen, sondern in Rechenzentren befinden. Heute sind Rechenzentren für etwa drei Prozent des weltweiten Stromverbrauchs verantwortlich, weiß Cherian. "Wenn wir nichts tun, um ihre Effizienz zu verbessern, könnten sie in zehn Jahren 25 Prozent des Stromverbrauchs ausmachen. Angesichts dieses Dilemmas gilt in der Halbleiterentwicklung die Faustregel, dass der Stromverbrauch dieser Bauteile nach Möglichkeit alle zwei Jahre um 30 Prozent reduziert werden sollte."

In der Halbleiterbranche steht ein massiver Investitionszyklus bevor
Die weltweit größten Halbleiterunternehmen planen Investitionen von Milliarden US-Dollar für neue Fertigungsanlagen, um die neue Nachfrage zu befriedigen, sowie zur Bewältigung geopolitischer Spannungen, da Halbleiter als nationale Sicherheitspriorität angesehen werden. Sowohl die USA als auch Europa sind bestrebt, wichtige Lieferketten näher an ihre eigenen Länder zu verlagern, da Taiwan einen Großteil der High-End-Produktion für Halbleiter kontrolliert.

Risiko Taiwan
Taiwan Semiconductor Manufacturing (TSMC), ein Wegbereiter in der Branche, plant bis 2023 Investitionen von 100 Milliarden US-Dollar für neue Chip-Fertigungsanlagen, darunter ein großes Werk, das in Arizona errichtet werden soll. TSMC hält einen Marktanteil von fast 80 Prozent bei der Produktion modernster Chips. Zu seinen Kunden gehören Apple, Qualcomm und Broadcom.

Intel nur mehr Nummer drei - hinter TSMC und Samsung
Derweil plant Intel Investitionen von 20 Milliarden US-Dollar für zwei neue Werke in Arizona, und Samsung Electronics liebäugelt mit dem Bau einer neuen Produktionsstätte in Texas im Wert von 17 Milliarden US-Dollar. Die Investitionen folgen auf eine Phase von Kapitaldisziplin und Branchenkonsolidierung, die dazu geführt hat, dass das Geschäft von zwei Akteuren beherrscht wird: TSMC und Samsung. An dritter Stelle folgt Intel - mit weitem Abstand.

Verteuerung durch Produktion vorort in den USA
Cherian dazu: "Es ist jedoch unklar, inwiefern die neuen Fertigungsanlagen langfristig der Branche zugute kommen, und wir werden dies genau beobachten. Die Herstellung von Prozessoren wird in den USA wahrscheinlich teurer sein als in Taiwan oder Korea, wo sich der Großteil der derzeitigen Kapazitäten befindet. Dies könnte zu Marktineffizienzen führen. Auch ist nicht klar, ob die US-Halbleiter- und Technologieunternehmen, die fast alle die Fertigung ihrer Chips nach Asien ausgelagert haben, diese in die USA zurückholen wollen."

Branche hat sich über alle Segmente hinweg konsolidiert
Nach mehreren Konsolidierungsrunden wird jedes Segment entlang der Lieferkette - die Chipentwickler, die Chipausrüster, die Fertigungsanlagen, die die Chips herstellen, und die Unternehmen, die die Chips testen - von wenigen Unternehmen dominiert. "Durch das hochspezialisierte Know-how in jedem dieser Bereiche haben sich die Wettbewerbsvorsprünge vergrößert. Viele dieser Unternehmen sind gut geführt und haben ein besseres Gespür für die Nachfragemuster bei den Kunden. Die Preissetzungsmacht ist weiterhin hoch, und die Margen sind attraktiv", weiß Cherian. (kb)

 

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