Das Fachmagazin für institutionelle Investoren

Geben Sie Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort ein, um sich an der Website anzumelden:

Die neue Normalisierung

Ad

Seit 2009 haben die Zentralbanken ihre Bilanzen auf beispiellose Art aufgebläht. Angesichts des weltweit verbesserten Wirtschaftsumfelds hat die Notwendigkeit einer „Normalisierung“ – Anhebung der Zinsen und Reduzierung der Bilanzen – zu einer vierten Welle des Tapering geführt.

Anzeige
Advertisement
| Regulierung
twitterlinkedInXING

Brandbrief: MiFID II vertreibt Geschäft von Handelsplätzen aus Europa

Die CEOs von vier Mitgliedern der Electronic Debt Markets Association, die bedeutende EU-Handelsplätze für Anleihen repräsentiert, wenden sich in einem Schreiben, das Institutional Money vorliegt, an den Chef der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA, Steven Maijoor.

maijoor_steven_esma_klein_quer.jpg
ESMA-Chef Steven Maijoor ist Adressat des Breifes von vier CEOs alternativer Handelsplattformen.

Hier ist das Schreiben in der Original-Übersetzung. Ob es für die Vorschläge und Anregungen schon zu spät ist beziehungsweise ob die europäischen Institutionen überhaupt willens sind, das Paket aufzuschnüren, bleibt dahingestellt. Jedenfalls fürchten die alternativen Handelsplätze in Europa um ihr Geschäft und fordern entschieden mehr Flexibilität bei der technischen Anwendung der Regeln.

Sehr geehrter Herr Maijoor, 

die Mitglieder der Electronic Debt Markets Association (EDMA Europe) – vier bedeutende EU-Handelsplätze für Anleihen, die den Handel mit Wertpapieren im Volumen von täglich mehr als 400 Milliarden Euro ermöglichen –, befinden sich gerade mitten in der Umsetzung des kommenden Rechtsrahmens MiFID II / MiFIR. Wir unterstützen die regulatorischen Ziele von MiFID II, unter anderem, dass allen Marktteilnehmern ausreichende Informationen für ein faires, geordnetes und transparentes Marktgeschehen bereitgestellt werden.

Wir möchten Sie daher darauf aufmerksam machen, dass die überaus ambitionierte Interpretation bestimmter Aspekte der regulatorischen technischen Standards zur Umsetzung von MiFID II viele große Marktteilnehmer dazu bringen könnte, außerhalb von regulierten Handelsplätzen (OTC) zu handeln oder ihre Handelsaktivitäten gänzlich aus dem EWR abzuziehen. Dies würde die Bedeutung und die Liquidität von regulierten Handelsplätzen in Europa reduzieren und  den Zielen von MiFID II zuwiderlaufen.

Eine solche Situation ließe sich jedoch verhindern, wenn etwas mehr Flexibilität bei der technischen Anwendung der Regeln möglich wäre. Marktteilnehmer wie in Europa zugelassene Vermögensverwalter, Versicherungsunternehmen, Pensionsfonds, Zentralbanken, Treasury-Abteilungen sowie Gesellschaften mit Sitz außerhalb des EWR werden nicht direkt von MiFID II reguliert. Die Versuche, ihren Handel mittels MiFID II unter die Aufsicht von EU-Regulatoren zu stellen, werden wahrscheinlich genau das Gegenteil bewirken. Diese Gesellschaften (sogenannte „Nicht-MiFID-Akteure“), die derzeit einen erheblichen Anteil der Aktivitäten an den Kapitalmärkten im EWR ausmachen, würden dazu ermutigt, ihren Handel entweder OTC oder außerhalb Europas durchzuführen; in beiden Fällen würden sie sich somit vollständig der Kontrolle der EU-Behörden entziehen. 

Nach den neuen Regeln (RTS 22 und 24 bezüglich MiFIR Artikel 25 und 26(5)) müssen Nicht-MiFID-Akteure regulierten Handelsplätzen persönliche Daten der Personen zur Verfügung stellen, die die Transaktion ausführen und welche die Anlageentscheidung treffen, und das sogar auch für ihre Kunden. Diese Informationen müssen bei jedem Auftrag übermittelt werden und an alle Handelsplätze, auf denen der Akteur handelt. Die Entscheidung, an einem von der EU regulierten Handelsplatz zu handeln, wird daher erhebliche Herausforderungen bezüglich Betrieb, Compliance und Datenschutz mit sich bringen. In manchen Rechtsgebieten würden diese geplanten Regeln sogar im Widerspruch zu lokalen Gesetzen stehen.

Entscheidend in diesem Zusammenhang ist: Es gibt keine Verpflichtung, Anleihen an einem regulierten Handelsplatz zu handeln; ebenso gibt es keine vergleichbare Vorschrift zur Datenabfrage, wenn Nicht-MiFID-Akteure bilateral/OTC oder an einem nicht im EWR ansässigen Handelsplatz beispielsweise in Singapur, Hongkong oder New York handeln. Eine überaus ambitionierte Anwendung dieser Anforderungen sowie die technischen Hürden, die einer flexibleren Lösung und einem im Vergleich zu bilateralem Handel innerhalb des EWR ausgeglicheneren Spielfeld entgegenstehen, würden daher genau zum Gegenteil des durch die Regulierung angestrebten Verhaltens führen. 

Nach unseren Schätzungen bestünden für einen erheblichen Anteil des Handelsvolumens an den betroffenen Märkten Anreize, Europa gänzlich den Rücken zu kehren. Dies würde den Zielen von MiFID II zuwiderlaufen, Aktivität würde von regulierten Handelsplätzen vertrieben, und die europäischen Finanzmärkte würden an Transparenz und Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

Somit stünden den Aufsichtsbehörden weniger Informationen zur Verfügung und der Markt wäre insgesamt weniger effizient. Die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Kapitalmärkte würde geschädigt und, als Folge davon, die Kreditkosten für europäische Staaten und Unternehmen würden steigen. Zur Verdeutlichung: Schon ein Anstieg der Finanzierungskosten um lediglich einen Basispunkt bedeutet für eine Regierung der Eurozone zusätzliche Aufwendungen von einer Milliarde Euro pro Jahr. Letztlich würden die Anleger, die öffentlichen Finanzen und das Wirtschaftswachstum durch die Abwanderung der Aktivität von regulierten Handelsplätzen gefährdet.

Maßnahmen zur Wiederherstellung der regulatorischen Zielsetzungen von MiFID II: Weniger ist mehr

Glücklicherweise könnten schon einige gerinfügige Änderungen der Details der ESMA-Richtlinien diese Probleme addressieren, ohne hierbei die Fähigkeit der Aufsichtsbehörden Marktmissbrauch zu erkennen zu schwächen. Zum Beispiel müssten Nicht-MiFID-Akteure beim Handel auf EWR-Handelsplätzen diesen lediglich Informationen auf Ebene des Handelsplatz-Teilnehmers zur Verfügung stellen (wenn also die Anforderungen im Zusammenhang mit Transaktionsberichterstattung und Vorschriften zur Aufbewahrung von Orderinformationen durch die Handelsplätze nicht auf die einzelnen Kunden des Teilnehmers ausgedehnt würden), gäbe es für sie keine Anreize, außerhalb von Handelsplätzen zu handeln.

Da es sich bei einem großen Teil der Nicht-MiFID-Akteure um im EWR zugelassene Gesellschaften handelt, wären die zuständigen EWR-Behörden weiterhin in der Lage, soweit erforderlich Daten direkt beim Marktteilnehmer abzufragen. Wir bezweifeln, dass es die Absicht des Regulierers war, den Handel an regulierten Märkten innerhalb Europas schwieriger zu machen als den OTC-Handel, doch mit genau diesem Ergebnis wäre in der Praxis am ehesten zu rechnen. 

Wir verstehen, dass die Architektur der EU-regulatorischen Systeme gewisse technische Beschränkungen für die Umsetzung dieser Empfehlung setzt. Aufsichtsbehörden, mit denen wir diese Problematik diskutiert haben, signalisierten eine abwartende Haltung und betonten, dass sich die Regelungen in dieser späten Phase kaum noch verändern lassen. Es gibt jedoch noch eine letzte Chance zu agieren, bevor Anleger reagieren und, warscheinlich unwiderruflich, ihr Geschäft in Richtung wenig transparenter und nicht-europäischer Märkte bewegen. 

Noch haben europäische Aufsichtsbehörden und Politiker eine realistische Möglichkeit, im Dialog mit Marktteilnehmern einen pragmatischen Ansatz auszuarbeiten, der die unterschiedlichen Regulierungs- und Rechtssysteme berücksichtigt und die bedeutende Herausforderungen der Erfassung, Übertragung und sicheren Speicherung relevanter Daten reflektiert. Wenn wir hingegen die unbeabsichtigten Folgen, die durch diese Anforderungen entstehen, nicht unverzüglich addressieren, wird ihre Umsetzung zum Gegenteil der von MiFID II angestrebten Kernziele führen: Die europäischen Finanzmärkte würden geschwächt, weil sie weniger liquide, transparent und wettbewerbsfähig würden; dies wiederum würde den Anlegerschutz sowie die Fähigkeit von Regierungen und Unternehmen beeinträchtigen, sich zu finanzieren und Wachstum zu generieren. 

Gerne werden wir mit Ihnen zusammen diese Herausforderungen auf dem Weg zur Umsetzung von MiFID II angehen.

Mit freundlichen Grüßen

David Bullen, Secretary-General, EDMA Europe

Rick McVey, Chief Executive Officer, MarketAxess

Fabrizio Testa, Chief Executive Officer, MTS Markets

Michael Spencer, Chief Executive Office,r NEX Group

Lee Olesky, Chief Executive Officer, Tradeweb Markets

 

Cc: Herr Valdis Dombrovskis

Herr Markus Ferber MEP

Dr Kay Swinburne MEP

Frau Cora van Nieuwenhuizen MEP

---------------

Über EDMA Europe: 

Die Electronic Debt Market Association vertritt die Interessen von Unternehmen, deren Hauptgeschäft der Betrieb von regulierten multilateralen Handelssystemen in Europa (regulierten Märkten und/oder Handelsplätzen) für festverzinsliche Papiere ist. Sie ermöglicht Konsultationen zwischen den Mitgliedern in ihrer Rolle als Betreiber solcher Handelsplätze mit dem Ziel, gemeinsame Ansichten zu Fragen von Regulierungs-, Compliance- und Marktstrukturen zugunsten von elektronischen Märkten für festverzinsliche Wertpapiere zu entwickeln.

 

twitterlinkedInXING

News

 Schliessen