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19. Handelsblatt Jahrestagung "bAV 2018" mit Fotogalerie

Bei der 19. Handelsblatt Jahrestagung „Betriebliche Altersversorgung 2018“ standen die Themen Zielrente, Entgeltumwandlung, Transparenz und effiziente Prozessgestaltung durch Digitalisierung im Vordergrund. Neue Regulierungs-Vorhaben stehen offenbar nicht an.

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© frigz / stock.adobe.com

Natürlich waren alle gespannt, ob es wohl schon über erste Produkte der Zielrente etwas zu berichten gäbe. Aber dem war nicht so! Es scheint, dass die Sozialpartner jetzt erst einmal damit zurechtkommen müssen, dass sie es sind, die die Leitplanken für die betriebliche Altersversorgung (bAV) ihrer Branche festlegen dürften bzw. müssen.

Redaktioneller Hinweis: Die Highlights dieser Veranstaltung in Berlin können Sie einer exklusiven Fotogalerie entnehmen.

Don’t call us, we call you!
Um ihre Gedanken zu entwickeln brauchen sie Zeit und baten die Produktanbieter, nicht mit Fertig-Lösungen auf sie zuzukommen, sondern sie erst einmal in Ruhe über die Leitplanken nachdenken zu lassen. „Don’t call us, we call you!“ war ein viel zitierter Satz von Gesamtmetallchef Rainer Dulger.

Da auch Opt-Out-Modelle zum Tragen kommen, müssen die Sozialpartner auch die jeweiligen Default-Lösungen bestimmen. Und sie sind sich darüber bewusst, dass sie darauf angesprochen werden – insbesondere dann, wenn etwas in eine nicht gewünschte Richtung laufen sollte.

Die Produktanbieter wollen aber nicht völlig tatenlos warten, bis sie angesprochen werden. Sie arbeiten an Lösungsmöglichkeiten. Dabei geht es insbesondere darum, wie die Asset Allocation der neuen bAV-Lösungen aussehen kann, wie sich die Volatilität in bestimmten Bandbreiten halten lässt, und wie sich die Zielrenten, die ja dann im neuen System nicht garantiert sind, bei den Beschäftigten transparent darstellen lassen, ohne dass es zu Missverständnissen und Überraschungen kommt.

Wenig Mut, viele Puffer, Glättung soweit das Auge reicht
Bei der Konferenz schien der überwiegende Teil der Redner sehr bedacht darauf, dass die tatsächliche Rente nicht unter die proklamierte Zielrente fällt. Dazu werden dann alle möglichen individuellen und kollektiven Puffer eröffnet, damit die Schwankungen, die der Kapitalmarkt aufweist, auch ja wieder geglättet werden. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass bei einem derart abgepufferten und geglätteten System trotz Wegfalls der harten Garantien wenig Hoffnung auf deutlich höhere Renditen besteht. Insbesondere am 1. Konferenztag waren viele Redner bemüht, die Hoffnung auf neue bAV-Produkte mit guter Outperformance gegenüber Produkten mit harter Garantie niedrig zu halten.

So erklärte Dr. Helmut Aden, Mitglied des Vorstandes der BVV: „An vielen Stellen sind die Kunden überfordert. Daher werden die alten und die neuen Produkte nicht grundsätzlich verschieden sein. Man kann an eine Outperformance der neuen Produkte glauben oder nicht, aber ich warne davor, mit der Outperformance systematisch in die Werbung zu gehen.“ Ähnlich äußerte sich Dr. Michael Leinwand, Chief Investment Officer der Zürich Gruppe Deutschland: „Akzeptanz des neuen Systems wird sich nur dann einstellen, wenn wir die Versprechen, die wir einmal als Zielrente ausgegeben haben, auch halten.“ Und Hans Melchiors, Vorstand des Pensions-Sicherungs-Vereins, erklärte: „Für die neuen bAV-Modelle wird der Start nicht einfach. Sie starten in einer Niedrigzins-Phase.“ Offenbar ist die Branche bemüht, den Begriff  der „Pokerrente“, den der Linken-Politiker Matthias Birkwald geprägt hatte, nicht in die Nähe der Realität rücken zu lassen.

Dirk Jagstorff, Abteilungsdirektor Betriebliche Versorgungsleistungen der Robert Bosch GmbH, war einer der wenigen, die anders dachten: „Die Zielrente verspricht klare Vorteile. Sie muss einfach mehr erwarten lassen“. Nach seinen Berechnungen könnten die Start-Renten im neuen System 25 Prozent höher als einer Versicherungs-Rente ausfallen.

Da der Wurm schließlich dem Vogel schmecken muss, sollte man erst einmal erfragen, wie die Beschäftigten denken. Heribert Karch berichtete über eine Studie, die sein Unternehmen bei Infratest in Auftrag gegeben hat. Immerhin antworteten 63 Prozent der Befragten, dass sie geringe Schwankungen in Kauf nehmen würden, wenn am Ende auch wirklich merkbar mehr rauskommt. Lediglich ein Drittel der Beschäftigten, die an der Umfrage teilnahmen, antwortete, dass sie auf jeden Fall auf die Lösung mit Garantie gehen würde.

Die Politik hat ihren Teil getan
Die Politiker, die traditionell am 1. Konferenztag der bAV-Konferenz sprechen, waren sich einig, dass sie erst einmal ihren Teil zur Erneuerung der bAV getan haben.

Gabriele Lösekrug-Möller, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, erklärte: „Wir haben in der letzten Legislaturperiode viele Gesetze zur Rente gemacht! Die neue Betriebsrente ist ein Langfrist-Projekt. Wir müssen jetzt erst mal schauen, wie es in der Wirklichkeit umgesetzt wird. Da, wo sich zeigt, dass Nachsteuerung geboten ist, werden wir etwas machen.“ Sie betont auch, dass die Sozialpartner ein großes Instrumentarium an die Hand bekommen haben, um ein möglichst hohes Versorgungsniveau zu erhalten. „Uns ist bewusst, dass die Sozialpartner in den Unternehmen weitreichende Verantwortung erhalten und ich bin zuversichtlich, dass das klappt.“ Sie erklärt auch gleich, wo sie jetzt lieber den Fokus hinlegen würde: „Wir müssen unseren Blick jetzt auf Rehabilitation und Prävention legen. Die Arbeitskraft eines jeden sicherzustellen, lohnt auf jeden Fall.“ Sie erklärte, dass der Verlust der Erwerbsfähigkeit eine deutlich größere Armuts-Gefahr darstelle als das Alter.

Gabriel Bernardino, Chairman der EIOPA, lobte das deutsche System der Zielrente im Sozialpartner-Modell. Er verwies darauf, dass es sinnvoll sei, Nachhaltigkeitskriterien in Altersvorsorge-Systemen zu verankern und dass dazu EU-Regulierungsvorhaben anstünden.

Kapitalanlage für die neuen Pensionsfonds
Einigkeit herrschte darüber, dass der Pensionsfonds das geeignete Vehikel für die künftigen Zielrenten sein sollte. „Mit der Governance des Pensionsfonds gibt es viel Erfahrung. Außerdem sind Risikomanagement, Puffer-Thematik und vieles mehr bereits verprobt im Pensionsfonds“, erklärt Karch. Er plädierte dafür, dass die Kosten unbedingt niedrig gehalten werden müssten, damit die Systeme – insbesondere am Anfang, wo erst wenig Kapital drinnen ist – nicht durch hohe Kosten belastet würden. „Es darf keinen Automatismus geben, der Wettbewerb ausschließt. Paketangebote müssen entschlüsselt werden! Ich möchte für jeden einzelnen Arbeitsschritt wissen: Was kostet der? Nur so kommen wir auf eine insgesamt geringe Kostenbasis“, so Karch.

Wie ist die Kapitalanlage dann zu bewerkstelligen?

Prof Dr. Oskar Goecke vom Institut für Versicherungswesen an der TH Köln, der diesen Teil moderierte, gab zu bedenken: „Unser Umlagesystem ist eine Beteiligung am Produktionsfaktor Arbeit. Das Kapitaldeckungs-System soll eine Beteiligung am Produktionsfaktor Kapital darstellen, das heißt, dort sollten eher Aktien als Anleihen eine Rolle spielen.“

Thomas Huth, Head of Pension Solutions bei der Deutsche Asset Management, warnte davor, dass man bei allen Modell-Rechnungen Annahmen treffen müsse, „und die Wirklichkeit schert sich wenig darum, welche Annahmen ich getroffen habe.“ Daher sei der Kapitaldeckungsgrad wichtig. Das Betriebsrentenstärkungsgesetz schreibt vor, dass die Renten angepasst werden müssen, wenn der Kapitaldeckungsgrad über 125 oder unter 100 liegt, wobei zunächst die Puffer eingesetzt werden können. Der Kapitaldeckungsgrad berechnet sich durch die Deckungsrückstellungen geteilt durch den Barwert der Renten.

Christof Quiring, Leiter Investment- und Pensionslösungen bei Fidelity International, stellte exemplarisch einen der Fidelity Target-Fonds vor, einen Lebenszyklusfonds, der bereits jetzt für bAV-Lösungen zum Einsatz kommt. Je nach Einstiegszeitpunkt wurden damit Renditen zwischen 4 und 12 Prozent erzielt, was sich aber noch weiter glätten ließe. Als Mittel zur Glättung schlägt er vor: Diversifikation, aktives Volatilitäts-Management, kollektive Ausgleichsmechanismen und den kollektiven Sicherungspuffer. So könnte man auf einen „Projektionszins“ von 3,8 Prozent kommen, der dann nicht garantiert sei. Hinsichtlich des Erwartungsmanagements der Beschäftigten erklärte er: „Es ist jetzt eine wichtige edukative Aufgabe den Menschen zu erklären, dass der Wegfall der Garantien eine gute Sache ist.“

Transparenz und Mitarbeiter-Information sind Herausforderungen
Transparenz war das weitere große Thema. Hier müssen die Transparenzanforderungen der IORP-II-Richtlinie umgesetzt werden, und außerdem arbeiten viele Unternehmen und Produktanbieter an Digitalisierungs-Projekten. Da liegt es nahe, beides zu verknüpfen und die neuen digitalen bAV-Plattformen gleich so zu gestalten, dass die Beschäftigten sich selbständig über die Höhe ihrer betrieblichen Renten und ihren späteren Versorgungsgrad informieren können.

„Es muss Schnittstellen geben, damit auch die bestehenden Systeme weiter administriert werden können. Wir müssen in der Lage sein, an die bestehenden Systeme anzudocken“, bemerkt Michael Reinelt, Abteilungsdirektor bei der Generali Versicherung. In eine ähnliche Richtung denkt man bei der Allianz. Deren Vorstandsmitglied Dr. Andreas Wimmer, erklärte: „Wir dürfen nicht von der alten und der neuen Welt sprechen, das passt nicht. Die Kunden in den alten Systemen sind ja immer noch unsere Kunden. Und Sie können damit rechnen, dass wir für die Kunden der neuen Welt ebenso 60 Jahre und mehr paratstehen“.

Wolfgang Degel, Leiter des Center of Competence Altersvorsorgesysteme bei BMW erklärte, was sein Haus gerade entwickelt hat: Ein sehr flexibles System, mit dem sich die Mitarbeiter über die Summe all ihrer Altersvorsorge-Bausteine informieren können. Sie können hier selbständig die Daten von anderen Betriebsrenten, Schätzungen über ihre Ausgaben im Alter, etc. eingeben, um dann ein Gesamtbild ihrer Altersvorsorge und eine eventuelle Versorgungslücke zu erhalten. Das System berechnet auch gleich, wie viel Entgeltumwandlung der einzelne Mitarbeiter machen muss, um eine eventuell sich ergebende Lücke zu schließen.

Zum Thema Transparenz gehörten auch Rentenaufzeichnungsdienste. Christian Röhle, Leiter Pensionskassenmanagement der Pensionskasse der Mitarbeiter der Hoechst-Gruppe, berichtet, dass darüber etwas im frisch unterzeichneten Koalitionsvertrag steht. So soll es beispielsweise eine Aufsicht des Bundes geben. Er berichtet, dass man bei der Hoechst-Gruppe in-house ein kleines Informationsmodell dazu aufbaut, und dass ein Gutachten auf den Weg gebracht wurde. Darin soll Prof. Dr. Hans-Joachim Zwiesler von der Universität Ulm die Möglichkeiten für eine säulenübergreifende Aufzeichnung entwickeln.

Fazit

Insgesamt zeigt sich: Es wird an vielen Details der bAV überlegt und gearbeitet. Vor Jahresende wird aber wohl nicht mit einer Life-Schaltung eines neuen Rentenmodells zu rechnen sein. (ad)

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