Viele Firmen sehen US-Tech-Abhängigkeit – handeln aber nicht
Fast neun von zehn deutschen Unternehmen nutzen digitale Produkte von US-Anbietern, 31 Prozent sehen eine starke Abhängigkeit. Doch selbst viele Firmen, die darin ein Risiko erkennen, planen laut ifo Institut keine Gegenmaßnahmen.

Eckpunkte:
- 31 Prozent sehen starke Abhängigkeit von US-Anbietern
- 42 Prozent der risikobewussten Firmen planen keine Gegenmaßnahmen
- Europäische Alternativen fehlen für wechselwillige Unternehmen
- Europa soll diese Alternativen zur Verfügung stellen - das würde Investment-Opportunitäten für Institutionelle schaffen
Deutschlands Unternehmen sind in hohem Maße von digitalen Produkten und Diensten aus den USA abhängig – reagieren darauf bislang aber nur zurückhaltend. Das zeigt eine Sonderauswertung der ifo Konjunkturumfragen vom Juli 2026, an der rund 5.600 Unternehmen teilnahmen.
Knapp 88 Prozent der befragten Firmen nutzen digitale Produkte US-amerikanischer Anbieter, etwa Cloud-Dienste, Software oder KI-Anwendungen. 31 Prozent aller Unternehmen schätzen ihre Abhängigkeit als groß ein. Unter den Firmen, die überhaupt US-Produkte einsetzen, sind es gut 35 Prozent.
Das Bewusstsein für die Risiken führt allerdings häufig nicht zu Konsequenzen. Von den Unternehmen, die ihre Abhängigkeit zumindest als moderates Risiko einstufen, planen 41,7 Prozent keinerlei Gegenmaßnahmen. "Die Unternehmen wissen recht genau, wo sie stehen – sie ziehen daraus kaum Konsequenzen", sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo Befragungen.
Dienstleister besonders abhängig
Besonders ausgeprägt ist die Abhängigkeit in informationsintensiven Branchen. Im Dienstleistungssektor insgesamt bezeichnen 38,6 Prozent der Firmen ihre Abhängigkeit als groß. In der Werbung und Marktforschung sind es knapp 70 Prozent, bei IT-Dienstleistern gut 55 Prozent.
Dabei wächst die Risikowahrnehmung nicht im gleichen Maße wie die Abhängigkeit. In der Werbung und Marktforschung sehen sich 71,7 Prozent der Nutzer stark von US-Anbietern abhängig, aber nur 51,3 Prozent halten dies für sehr riskant.
Als Gründe für die Zurückhaltung nennt das ifo Institut unter anderem die Kosten eines Anbieterwechsels. Migration, Schulungen und Integration verursachten unmittelbare Kosten, während der Nutzen einer Absicherung gegen mögliche Einschränkungen unsicher sei. Zudem bleibe ein Unternehmen über Kunden, Lieferanten und Dienstleister indirekt exponiert. Das ifo Institut spricht daher von einem kollektiven Risiko.
Wechselbereitschaft trifft auf fehlendes Angebot
Wenn Unternehmen handeln wollen, steht der Wechsel zu europäischen Anbietern an erster Stelle. 34,2 Prozent der risikobewussten Firmen erwägen diesen Schritt, 29,8 Prozent wollen ihre Anbieter diversifizieren. Nur 18,2 Prozent planen den Aufbau eigener IT-Infrastruktur.
Dem Wechselwunsch steht jedoch ein begrenztes europäisches Angebot gegenüber. Weniger als fünf Prozent der weltweit erfassten Hochleistungsrechenkapazität für moderne KI-Anwendungen entfallen auf die EU. "Die Bereitschaft zum Wechsel ist da, das Angebot fehlt", sagt ifo-Präsident Clemens Fuest.
Europa müsse deshalb den Ausbau von Rechenzentren und Energieinfrastruktur deutlich beschleunigen. "Verbindliche Abnahmezusagen der öffentlichen Hand würden europäischen Anbietern jene Planungssicherheit geben, die aus verstreuter privater Nachfrage nicht entsteht", so Fuest. (dv)


