Das Fachmagazin für institutionelle Investoren

Geben Sie Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort ein, um sich an der Website anzumelden:

Theorie

Bringt ESG wirklich etwas? Kritische Fragen von unerwarteter Seite!

Ad

Drei Manger von NN Investment Partners stellen sich den schwierigen Fragen der nächsten Generation und geben unerwartete und persönliche Antworten zum Thema ESG und verantwortungsbewusster Geldanlage.

Anzeige
Advertisement
| Theorie
twitterlinkedInXING

Zeitpräferenz: Wenn Konjunktur- und Klimapolitik im Widerspruch stehen

Dr. Martin Hüfner analysiert die von Ökonom Eugen von Böhm-Bawerk definierte "Zeitpräferenz" am Beispiel der wohl notwendigen Maßnahmen zur Ankurbelung der Konjunktur und der Ankündigungen zur Einschränkung des heutigen Konsums zur "Rettung" des Weltklimas. Leider stehen diese Ziele im Gegensatz...

Dr. Martin Hüfner, Assenagon
Dr. Martin Hüfner, Assenagon
© Assenagon

Wirtschaftspolitiker haben des derzeit nicht leicht: Einerseits sollte die sich eintrübende Konjunktur angekurbelt werden, andererseits muss der Gürtel über Konsumverzicht enger geschnallt werden, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Für den Assenagon-Chefvolkswirt stehen daher die beiden Ziele in Konkurrenz zu einander.

"Das Klima erfordert Konsumverzicht, die Konjunktur eine Ausweitung des Konsums. In der Praxis gibt es aber Möglichkeiten, eine gegenseitige Behinderung zu vermeiden", erklärt Hüfner. Welche Lösungen der Assenagon-Chefvolkswirt als Ausweg aus diesem Dilemma sieht und was das mit der "Zeitpräferenz" von Ökonom Eugen von Böhm-Bawerk zu tun hat, können Sie seinem Originalkommentar entnehmen. (aa)



"Die FAZ reihte ihn in die Kategorie der "Weltverbesserer" ein. Das war sicher etwas übertrieben. Der Wiener Ökonom Eugen von Böhm-Bawerk hat die Welt vor 150 Jahren nicht besser gemacht. Er hat in der Wissenschaft aber mit vielen historischen Vorurteilen vor allem beim Zins aufgeräumt. Kernpunkt seiner Theorie war die Unterscheidung zwischen Gegenwarts- und Zukunftsgütern. Der Zins ist das Aus­tauschverhältnis zwischen beiden.

Damit wurde der Grundstein für das Konzept der Zeitpräfe­renz gelegt, das in letzter Zeit zunehmend aktuell und wich­tig geworden ist. Die Zeitpräferenz besagt, dass die Men­schen den Konsum von Gegenwartsgütern höher schätzen als den Verbrauch zukünftiger Güter. Es ist schöner, heute im Lotto zu gewinnen, als dafür bis auf die Zukunft warten zu müssen.

Die Zeitpräferenz hat viel mit der menschlichen Psyche zu tun. Wir sind von Natur aus ungeduldig. Vor allem Kinder, für die die Zukunft erfahrungsgemäß immer weit weg ist, haben eine hohe Zeitpräferenz. Ältere denken dagegen häufig in längeren Zeiträumen. Zeitpräferenz hängt aber auch mit den Risiken zusammen, die die Zukunft mit sich bringt. Güter können in Zukunft teurer sein. Vielleicht wird der Verbraucher in Zukunft auch krank oder kann den Kon­sum morgen nicht mehr so genießen.

In letzter Zeit ist das Konzept der Zeitpräferenz allerdings etwas löchrig geworden. Es hat sich nämlich gezeigt, dass die Annahme einer positiven Zeitpräferenz keineswegs so allgemeingültig ist, wie dies bisher angenommen wurde. Es gibt auch eine negative Zeitpräferenz. Sie liegt dann vor, wenn Zukunftsgüter gegenüber Gegenwartsgütern vorgezo­gen werden. Beispiel: Wir sparen, um die Altersvorsorge aufzustocken. Dann rutscht der Zins ins Minus.

Die Zeitpräferenz spielt aber nicht nur beim Zins eine Rolle. Im Augenblick erleben wir ein ähnliches Phänomen in der Wirtschaftspolitik. Zwei Konzepte stehen hier miteinander in Konkurrenz. Das eine ist der Klimaschutz. Die deutsche Re­gierung hat dazu in der vorigen Woche ein umfangreiches Maßnahmenpaket verabschiedet. Damit soll der heutige Konsum eingeschränkt werden, "um künftige Generationen vor den wahrscheinlich negativen Folgen heutiger Emissio­nen zu bewahren", wie es in der Gemeinschaftsdiagnose der wirtschaftswissenschaftlichen Institute heißt. Das ist ein klarer Fall negativer Zeitpräferenz. Das Wohlergehen in Zu­kunft wird zu Lasten der Gegenwart gefördert.

So klein ist das Klimapaket
 

Anteil an den Ausgaben aller Gebietskörperschaften, Deutschland

Dagegen steht aber gleichzeitig ein ganz anderes Konzept, das auf einer positiven Zeitpräferenz beruht. Das ist die Konjunkturpolitik. Wenn sich die Wirtschaft weiter ab­schwächt, dann ist es allgemeiner Konsens, dass die Fis­kalpolitik Defizite eingeht und die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stützt. Damit soll der Gegenwartskonsum ge­stärkt werden, auch wenn man sich dazu verschulden muss und damit den Zukunftskonsum beeinträchtigt.

Konjunktur versus Klima – das passt nicht zusammen. Der Staat muss sich entscheiden. Will er die Konjunktur stabili­sieren, dann muss er Abstriche beim Klimapaket machen. Oder hält er am Klimapaket fest, dann muss er ein Kippen der Konjunktur in Kauf nehmen. Wenn im Winter die Ar­beitslosigkeit zunimmt, kommt es zum Schwur.

Glücklicherweise wird auch hier nicht so heiß gegessen wie gekocht wird. Das hängt zum einen damit zusammen, dass das Klimapaket der Regierung doch insgesamt sehr be­scheiden ist. Es beläuft sich über vier Jahre aufsummiert auf 54 Milliarden Euro. Das sind nur 1,5 Prozent der Ausgaben der Gebietskörperschaften in dieser Zeit (Grafik) und sogar nur 0,4 Prozen des Bruttoinlandsproduktes. Damit wird der Ge­genwartskonsum nicht wirklich eingeschränkt. Es bleibt noch Platz für ein finanzpolitisches Ankurbelungsprogramm, das sich nicht auf vier Jahre, sondern auf einen kurzen Zeit­raum von vielleicht sechs Monaten bezieht, in denen die Nachfrage angekurbelt wird.

Hinzu kommt, dass ein Konjunkturprogramm zwar den Ge­genwartskonsum stützen soll. Es soll aber keineswegs den Zukunftsverbrauch bremsen. Im Gegenteil. Sinn eines "Pump-Priming" mit öffentlichen Mitteln ist es, einen einmali­gen Anstoß zu geben. Er soll sich über den Multiplikator der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage auch auf die Zukunft po­sitiv auswirken und das Wachstum verstetigen.

Das Klimapaket enthält im Übrigen eine Reihe von Maßnah­men, die auch in ein Konjunkturprogramm eingebaut wer­den können. Das letzte Konjunkturprogramm in der großen Finanzkrise enthielt eine Abwrackprämie. Das hat damals funktioniert, kommt heute aber sicher nicht in Frage.

Man kann aber durchaus an Investitionen in Erneuerbare Ener­gien, die Förderung energiesparender Autos oder neuer Heizungen in großem Stil denken. Wichtig ist nur, dass das nicht wie im Klimapaket Langzeitinvestitionen sind. Sie müssen vielmehr als Anschub auf einen kurzen Zeitraum konzentriert werden.

Schließlich: Das Klimapaket läuft nur sehr langsam an. Der Preis für CO2-Emissionen ist nach heutigem Stand der Din­ge 2020 mit zehn Euro noch verschwindend gering. Der Haupteffekt kommt erst in den späteren Jahren, in denen die Konjunkturproblematik sich dann hoffentlich nicht mehr stellt.

Für den Anleger
Lassen Sie sich durch wirtschaftspolitische Konflikte nicht beirren. Die Konjunktur wird durch das Klima nicht kaputt gemacht. Auch der Kapitalmarkt braucht sowohl eine stabile Konjunktur als auch eine Verbesserung des Klimas. Je kon­sequenter der Staat auf beiden Seiten vorgeht, umso bes­ser für den Anleger."

 

twitterlinkedInXING

News

 Schliessen

Mit der Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies und unserer Datenschutzerklärung zu. Mehr erfahren