LBBW-Chefökonom: Risiko von KI für Staatsfinanzen wird unterschätzt
KI wird den Arbeitsmarkt fundamental umkrempeln - und zu niedrigeren Steuereinnahmen führen, sagt Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research bei der LBBW. Regierungen sollten bei Reformen hier ansetzen, fordert er.
Eckpunkte:
- Folgen für die öffentlichen Finanzen eine bisher „völlig vernachlässigte Konsequenz“
- Beschäftigung wird leiden – und damit auch die Einnahmen von Staaten bei Einkommenssteuer und Sozialabgaben
- Öffentlicher Schuldenstand vielfach bei 110 Prozent
- Notwendigkeit einer Reform der Steuersysteme
Künstliche Intelligenz ist derzeit in aller Munde. Viele Folgen der neuen Technologie werden diskutiert, doch in der KI-Debatte werde eines bisher außer Acht gelassen: „Die Folgen für die öffentlichen Finanzen sind eine bisher eine völlig vernachlässigte Konsequenz“, sagt der Chefvolkswirt und Leiter Research bei der LBBW, Moritz Kraemer. In einem aktuellen Kommentar mahnt Kraemer deshalb eine Reform der Steuersysteme an.
Schon lange herrsche Einigkeit, dass KI den Arbeitsmarkt fundamental umkrempeln wird. Das bringe verschiedene Herausforderungen mit sich. „Zum einen wird die Vermögens- und Einkommenskonzentration weiter zunehmen. Schon jetzt erleben wir Rekordstände bei der Ungleichverteilung in vielen reichen Gesellschaften“, so Kraemer. In den USA etwa liege der Anteil der Wertschöpfung, der auf Arbeitseinkommen basiert, auf dem niedrigsten Niveau seit dem Zweiten Weltkrieg (siehe Abb. 1). Tendenz stark fallend.

Quelle: LBBW Research, Federal Reserve St. Loius, Bureau of Labor Statistics
Defizitquoten steigen
Die Verschiebung bei Vermögen und Einkommen werde nicht das einzige Problem sein, warnt Kraemer. „Die öffentlichen Finanzen in Europa, den USA und Japan sind schon heute aus dem Ruder gelaufen. Schuldenorgien, wohin man blickt. Die Defizitquoten steigen und steigen. In den reichen, sogenannten entwickelten Volkswirtschaften ist der öffentliche Schuldenstand bei fast 110 Prozent angelangt, gegenüber weniger als 70 Prozent zu Beginn des Jahrhunderts“, zeigt sich der LBBW-Chefvolkswirt alarmiert.
Staatsfinanzen in der Bredouille
„Die zunehmende Durchdringung der Wirtschaft mit KI wird die Bredouille der Staatsfinanzen noch verschärfen. Denn die meisten Steuersysteme basieren auf der Besteuerung von Arbeitseinkommen, inklusive Sozialversicherungsabgaben“, so Kraemer.
Nach Zahlen von LBBW-Research erheben fast alle Staaten mehr als die Hälfte der Steuereinnahmen aus Einkommensteuer und Sozialabgaben, mithin auf Basis von Beschäftigung. Wenn der Anteil von Arbeitseinkommen an der Wertschöpfung falle, würden auch die Steuereinnahmen wegfallen. Die finanziellen Ungleichgewichte würden steigen.
Einkommensquellen, die von KI profitieren
Die Alternative zu nachhaltigen Einsparungen bei staatlichen Leistungen wäre aus Sicht von Kraemer ein Umbau der jeweiligen Steuersysteme durch die Regierungen. Sie sollten Einkommensquellen stärker besteuern, deren Aufkommen durch KI steigen wird. „Also Vermögen, Dividenden und Kapitaleinkommen. Auch das dürfte sich als schwierig erweisen. Denn einflussreiche Interessengruppen werden alle Hebel in Bewegung setzen, um das zu verhindern, erwartet der Ökonom.
„Aber wenn KI bei Effizienz und Produktivität auch nur einen Teil der in sie gesteckten Erwartungen erfüllt, wird bei den öffentlichen Finanzen ein „Weiterso“ nicht möglich sein. Ein baldiges Umsteuern wäre hilfreich. Mit Problemen, die lange absehbar sind und durch Ignorieren nicht verschwinden, haben wir schon genug Erfahrung. Siehe Rente“, so der Chefvolkswirt der LBBW, Moritz Kraemer. (de)



