KI-Pionier Schmidhuber: „Es wird eine Welt des Überflusses kommen“
Der KI-Forscher Jürgen Schmidhuber zweifelt an der Tragfähigkeit der Geschäftsmodelle der Hyperscaler. Zugleich kündigte er auf dem Institutional Money Kongress im Rahmen von "IM Spezial" mit lernfähigen Robotern die nächste Revolution an, die die aktuellen Veränderungen in den Schatten stellt.
Kernpunkte:
- Großteil der KI-Infrastrukturinvestitionen wird Kosten nicht wieder einspielen
- Attraktiver sind Geschäftsmodelle, die Software und Hardware zusammen bringen
- Lernfähige Roboter werden Wirtschaft radikal verändern
Unter dem Titel "Vergangenheit und Zukunft der künstlichen Intelligenz" spannte der KI-Pionier Jürgen Schmidhuber einen großen Bogen von den Wurzeln moderner KI über die milliardenschweren Investitionen der Hyperscaler bis hin zu einer Zukunft, in der lernfähige Roboter nicht nur Produkte herstellen, sondern sich auch selbst replizieren und einen Großteil aller Tätigkeiten übernehmen, die bislang noch von Menschen ausgeführt werden.
Den aktuellen Durchbruch der KI erklärt der Professor weniger mit völlig neuen Ideen als mit dem rapiden Preisverfall von Rechenleistung. Seit Jahrzehnten gelte der Trend, dass Rechnen etwa alle fünf Jahre um den Faktor zehn billiger werde. Deshalb funktionierten Konzepte, die früher nur in kleinen Netzen demonstriert werden konnten, heute im industriellen Maßstab. Aus seiner Sicht ist das der eigentliche Grund dafür, dass KI heute das beherrschende Technologiethema geworden ist.
Gleichzeitig relativierte er den Hype um den Status quo. „Alles, was wir heute so toll finden, das ist nichts im Vergleich zu dem, was wir in 30 Jahren machen werden.“ Die Entwicklung werde sich aus seiner Sicht weiter beschleunigen und in einer Größenordnung stattfinden, die gegenwärtige Fortschritte klein erscheinen lasse.
KI-Blase? "Da ist was dran"
Für Investoren besonders relevant ist Schmidhubers Einschätzung des laufenden Infrastruktur-Booms rund um KI. Die großen Tech-Konzerne investierten derzeit enorme Summen in Rechenzentren, Energieversorgung und Hardware. Dadurch wandelten sich ehemals Asset-light geprägte Softwareunternehmen zunehmend in kapitalintensive Infrastruktur- und Versorgungsmodelle. Schmidhuber sieht darin ein reales Risiko. "Viele reden von einer großen KI-Blase. Da ist was dran", so Schmidhuber. "Denn alle fünf Jahre wird das Rechnen zehn Mal billiger. Das heißt, wer heute tausend Milliarden Dollar investiert in Rechenzentren, der wird wahrscheinlich in den nächsten fünf Jahren 900 Milliarden Dollar verlieren." Bislang fehle ein belastbares Geschäftsmodell, das den massiven Kapitaleinsatz rechtfertige.
Besonders deutlich unterschied Schmidhuber zwischen KI „hinter" und "vor dem Bildschirm“. Sprachmodelle, Übersetzung, Bildgenerierung oder Textverarbeitung funktionierten bereits sehr gut. Hingegen gebe es "keinen Roboter, der auch nur annähernd tun kann, was ein Klempner oder ein Elektriker kann."
"Aber es wird kommen, in nicht allzu ferner Zukunft", so Schmidhubers Prognose. Nach seiner Einschätzung kommt die nächste technologische Revolution aus lernfähiger physischer KI. Sobald Roboter Maschinen bedienen, Werkzeuge einsetzen und Produktionssysteme in der realen Welt eigenständig erlernen könnten, entstehe eine neue Qualität von Maschinerie. Langfristig könnten solche Systeme sogar sich selbst replizieren. Dann seien nicht mehr menschliche Arbeitskräfte, sondern lernfähige Maschinen der entscheidende Produktionsfaktor.
"Software und Hardware zusammenbringen"
Das hat laut Schmidhuber Implikationen auch für Investoren: "Sie können in Firmen investieren, die nicht nur Software produzieren, sondern die Hardware und Software zusammenbringen in einer Weise, die nicht leicht replizierbar ist."
Trotz der radikalen Perspektive bleibt Schmidhuber im Grundton techno-optimistisch. Zwar werde der Übergang nicht reibungslos verlaufen, etwa wegen geopolitischer Konflikte oder möglicher Fehlanreize in der Kapitalallokation.
Langfristig aber erwartet er, dass KI, Robotik und automatisierte Produktion zu sinkenden Kosten, höherer Produktivität und materiellem Wohlstand führen. "Es wird eine Welt des Überflusses kommen. Auf dem Weg dorthin wird es Turbulenzen geben." (dv)


