KI-Jobkiller-Studie: Experten halten mit diesen Argumenten dagegen
Ein KI-Szenario von Citrini Research sorgt für Turbulenzen an der Wall Street. Investoren und Ökonomen weisen die Thesen entschieden zurück – sie sprechen von überzogenen Annahmen und fehlender Faktenbasis. Die Debatte über mögliche Jobverluste spitzt sich weiter zu.
Eckpunkte:
- Ein Szenario von Citrini Research löste zuletzt Kursverluste bei vielen Software-Unternehmen aus. Sorge vor "Disruption".
- Experten meinen hingegen, KI könne menschliche Arbeitskraft nur bedingt ersetzen
- So würde der Chatbot Claude vielfach in bestehende Geschäftsmodelle integriert, anstatt diese zu ersetzen
- Im Silicon Valley entstehen derzeit Jobs, die es vor zwei Jahren noch nicht gab – etwa Prompt-Ingenieure oder Experten für Inferenz-Optimierung
- Aufgrund eines Energiemangels gibt es Grenzen für eine schnelle KI-Expansion
Die These von Citrini Research, wonach Künstliche Intelligenz (KI) zu massiver Arbeitslosigkeit führen wird, stößt weltweit auf Kritik von Investoren und Ökonomen. In den vergangenen Tagen bezeichneten Experten der Deutschen Bank, von Citadel Securities, Fidelity International, Liontrust Asset Management und weiteren Institutionen die Annahmen als bestenfalls weit hergeholt. Ein führender Ökonom des Weißen Hauses sprach sogar von "Science-Fiction".
"Ein Szenario, keine Vorhersage"
Citrini selbst mahnte, den Bericht nicht zu wörtlich zu nehmen. Bereits im zweiten Satz des rund 7.000 Wörter umfassenden Substack-Beitrags heißt es: "Was folgt, ist ein Szenario, keine Vorhersage."
Dennoch hat die dystopische Darstellung in dieser Woche die Wall Street beschäftigt und zusätzliche Verluste bei Software- und Finanzwerten ausgelöst. In einem ohnehin angespannten Umfeld rund um die wirtschaftlichen Folgen von KI-Technologien schürte der Bericht mit seiner Vision massenhafter Entlassungen im Angestelltenbereich, eines Börseneinbruchs und einer Arbeitslosenquote von über zehn Prozent zusätzliche Verunsicherung.
Besonders im Fokus der Kritik steht Citrinis These einer negativen Rückkopplungsschleife, die als "Spirale der Verdrängung menschlicher Intelligenz" beschrieben wird. Demnach würden Unternehmen verstärkt in KI investieren und gleichzeitig Personal abbauen. Sinkender Konsum entlassener Arbeitnehmer setze Gewinnmargen unter Druck und beschleunige den KI-Einsatz weiter – ein sich selbst verstärkender Zyklus.
Integration statt vollständige Verdrängung
Ein Teil der durch Citrini ausgelösten Marktängste scheint jedoch bereits nachzulassen. Unterstützung kam auch von Anthropic PBC, das Partnerschaften ankündigte – ein Hinweis darauf, dass sein Chatbot Claude in bestehende Geschäftsmodelle integriert werden soll, anstatt diese zu ersetzen.
Nach Angaben von Citadel Securities liefern aktuelle Daten kaum Hinweise auf eine breit angelegte KI-bedingte Störung am Arbeitsmarkt. Umfragen der Federal Reserve von St. Louis sowie Arbeitsmarktindikatoren zeigten keine entsprechenden Trends. Stellenanzeigen für Softwareentwickler – ein als automatisierungsgefährdet geltendes Feld – seien zuletzt gestiegen, während die Nachfrage im Baugewerbe durch einen Boom bei KI-bezogenen Rechenzentrumsprojekten zunehme, schrieb Makrostratege Frank Flight in einem Bericht.
Anstatt menschliche Arbeitskräfte zu ersetzen, "scheint es wahrscheinlicher, dass KI in vielen Bereichen eine Ergänzung zur Arbeitskraft sein wird", ähnlich wie bei früheren technologischen Revolutionen, sagte er. "Um diese Debatte richtig einzuordnen, kann man einfach fragen: War die Einführung von Microsoft Office eine Ergänzung oder ein Ersatz für Büroangestellte?", fügte Flight hinzu.
Neue Jobs statt Massenentlassungen?
Diese Sicht teilte auch Clare Pleydell-Bouverie, Co-Leiterin des Global-Innovation-Teams bei Liontrust. Neue Technologien würden zwar einige Arbeitsplätze vernichten, gleichzeitig aber neue schaffen. "Im Silicon Valley entstehen derzeit Jobs, die es vor zwei Jahren noch nicht gab – etwa Prompt-Ingenieure oder Experten für Inferenz-Optimierung. Wir glauben also, dass dies auch einige positive Aspekte mit sich bringen wird", sagte sie.
Eines der Hindernisse für das Zustandekommen von Citrinis Vision ist laut Krishna Guha, Head of Central Bank Strategy bei Evercore, dass menschliche Interaktion in vielen Berufen von entscheidender Bedeutung sein kann. Dies könne Unternehmen ohne KI einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Zudem gebe es energiebedingte Grenzen für eine schnelle KI-Expansion.
"Selbst wenn sich Technologie und Mikroökonomie entsprechend diesem Szenario entwickeln würden, ist es höchst unwahrscheinlich, dass dies auch für die Makroökonomie gilt, da hierfür eine Reihe extremer und unwahrscheinlicher Bedingungen erfüllt sein müssten", schrieb Guha.
Für einige weitere Stimmen zu diesem kontroversen Thema – klicken Sie sich durch unsere Fotostrecke. (mb/Bloomberg)