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ESG-Rating-Bias bei Small Caps: So können Investoren diesen überwinden

Der Leiter aktive Aktienstrategien bei ODDO BHF Asset Management, Guillaume Chieusse, erklärt, wie Profianleger bei Nebenwerten trotz vieler Widrigkeiten zu aussagekräftigen ESG-Noten kommen.

Guillaume Chieusse, Leiter aktive Aktienstrategien bei ODDO BHF Asset Management
Guillaume Chieusse, ODDO BHF Asset Management: „Viele Asset Manager setzen zusätzlich zu den Daten externer ESG-Ratingagenturen auf eigenes ESG-Research und über ein Active-Ownership-Modell auf den direkten Austausch mit Unternehmen. Unabhängig von der Branche ist bei Small und Mid Caps ein besonderes Augenmerk auf das Management von Humankapital und Corporate Governance lohnend.“
© Oddo BHF AM

Institutionellen Investoren ist es wahrscheinlich schon aufgefallen: Traditionelle ESG-Rating-Anbieter decken Small und Mid Caps nur lückenhaft ab. Auffallend ist jedoch, dass sie im Vergleich zu Unternehmen mit höherer Marktkapitalisierung durchschnittlich niedrigere ESG-Ratings aufweisen.

Im Wesentlichen gibt es für Guillaume Chieusse, Leiter aktive Aktienstrategien bei ODDO BHF Asset Management, zwei Gründe, warum Small und Mid Caps bei ESG-Ratings vergleichsweise schlecht abschneiden. Erstens haben Unternehmen mit geringer Marktkapitalisierung tendenziell weniger Ressourcen für die Ermittlung und Bereitstellung von ESG-Informationen. Gerade bei dynamischen Wachstumsunternehmen haben Investitionen in Forschung und Entwicklung Vorrang vor detaillierter Ermittlung und Offenlegung von ESG-Parametern.

Zweitens halten private Gründer oder das Management traditionell einen erheblichen Anteil am Kapital kleiner und mittlerer Unternehmen. Diese Besonderheit führt oft zu einer Benachteiligung im Governance-Rating, das insbesondere auf die Unabhängigkeit des Vorstands und die Rechte von Minderheitsaktionären achtet.

Dieser Rating-Bias macht es Chieusse zufolge umso wichtiger, mit eigenen ESG-Analysen aussichtsreiche nachhaltige Unternehmen im Small und Mid Cap Universum herauszufiltern. Doch welche Nachhaltigkeitsaspekte sollten besonderes Augenmerk erhalten?

Kleinere Unternehmen muss man anders betrachten
Das Management des Humankapitals, als ein sozialer Faktor nachhaltiger Unternehmensführung, ist ein wichtiger Vermögenswert für die langfristige Wertschöpfung. Denn im Small und Mid Cap-Bereich sei Chieusse zufolge vor allem Innovation relevant. Sie ist üblicherweise die Essenz für die Titelselektion von Nebenwerten. Bewertungskennzahlen, wie z.B. die Ausgaben für Forschung und Entwicklung, gemessen in Prozent des Umsatzes, können ein wichtiger Indikator für die Innovationsfähigkeit des Unternehmens sein. Auch hohe Markteintrittsbarrieren für Konkurrenten zeugen von Innovationen als Wettbewerbsvorteil. Darüber hinaus sollten Investoren sich auch ein klares Bild über die unternehmerischen Fähigkeiten des Managements machen. Ein wichtiger Aspekt kann dabei sein, wie sie aktiv eine innovationsfreundliche Unternehmenskultur gestalten.

Neben dem Humankapital sei die Analyse der Corporate Governance ein entscheidender Faktor, um die Risiken bei der Titelselektion besser einzuschätzen. Bei Small Caps ist eine signifikante Kapitalbeteiligung eines privaten Gründers oder des Managements in einer frühen Phase des Geschäftszyklus üblich und meist auch förderlich. Allerdings kann eine hohe Kapitalbeteiligung von Insidern ein zweischneidiges Schwert sein, merkt Chieusse an.

Deshalb gelte es genau auf die Eigentums- und Kontrollstruktur, die Zusammensetzung des Vorstands und auch auf die Art und Weise der Nachfolgeplanung zu achten, um die möglicherweise aus der Governance resultierenden Risiken besser zu verstehen. „Wichtig ist dabei, dass die unterschiedlichen Stakeholder angemessen berücksichtigt werden. Das ist die Grundlage, auf der ein gutes Geschäftsmodell zu starken und nachhaltigen Renditen führen und das Unternehmen auf Wachstumskurs halten kann“, hält Chieusse fest.

Direkten Dialog suchen
Über die Analyse der ESG-Faktoren hinaus kann laut Chieusse der direkte Dialog mit den Unternehmen dabei helfen, offene Fragen zu klären. Fundamental ausgerichtete Asset Manager führen regelmäßig Gespräche mit dem Management und den Vorständen der Unternehmen. Sie besuchen aber auch Firmenstandorte, um den Produktionsprozess kennenzulernen, mit Mitarbeitern zu sprechen, die Zusammenarbeit im Betrieb und die Unternehmenskultur zu beobachten – kurz um sich ein Bild vor Ort zu machen. Das eröffnet Einblicke, um bessere Anlageentscheidungen zu treffen. Dabei sollten sie die Unternehmen dazu ermutigen, mehr Informationen zu den wichtigsten E-, S- und G-Faktoren offenzulegen, um die Transparenz im Umgang mit den Fortschritten zu fördern.

„Bis dahin bleibt es unerlässlich, mit eigenem Research die entscheidenden Nachhaltigkeitsfaktoren zu analysieren, um die mangelnden ESG-Daten bei Small und Mid Caps auszugleichen und sich ein ganzheitliches Bild von den Chancen und Risiken eines Unternehmens zu machen“, betont Chieusse abschließend. (aa)

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