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Sind die Target2-Salden eine Billionen-Bombe?

Das Target2-System dient der Abwicklung von grenzüberschreitenden Zahlungen im Euroraum über die nationalen Zentralbanken. Es wird hauptsächlich von Geschäftsbanken im Euroraum genutzt. Zudem werden die Assetkäufe des Eurosystems im Rahmen der Geldpolitik über das Target2-System abgewickelt.

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© Fotolia

Die bilateralen Forderungen und Verbindlichkeiten der teilnehmenden Zentralbanken werden täglich konsolidiert, wobei offene Salden gegenüber dem Target2-System (d.h. der EZB) als zentraler Gegenpartei entstehen können. Fließen einer Zentralbank überwiegend Zahlungen zu, entstehen Target-Forderungen dieser Zentralbank gegenüber dem Target-System. Fließen Zahlungen ab, entstehen Verbindlichkeiten.

Schematische Entstehung eines Target-Saldos mit Target-Ausgleich
Am Ende des Geschäftstages verbleibende Forderungen und Verbindlichkeiten aller an TARGET2 teilnehmenden nationalen Zentralbanken werden gemäß einem Abkommen im Eurosystem an die EZB übertragen und dort saldiert. Die so entstehenden TARGET2-(Netto)-Salden sind demnach das Ergebnis der grenzüberschreitenden Verteilung von Zentralbankgeld innerhalb der dezentralen Struktur des Eurosystems. Denkbar sind unter anderem die Zahlung einer Warenlieferung, der Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers, die Gewährung oder Rückzahlung eines fälligen Darlehens, die Geldanlage bei einer Bank und vieles mehr.

Quelle: EZB, Bundesbank, LBBW Research

Target-Salden geben Auskunft über die Liquiditätsverteilung im Euroraum
Vor der Finanzkrise haben die Target-Salden weder eine nennenswerte Größenordnung erreicht, noch haben sie in der Öffentlichkeit eine Rolle gespielt. Mit der Finanzkrise sind die Target-Salden angeschwollen, weil der bis dahin übliche Liquiditätsausgleich über den Bankenmarkt teilweisezum Erliegen kam. Damit wurden sie auch in der Marktöffentlichkeit ein Thema. Die Target-Salden wurden als Symptom einer Flucht aus der Peripherie der EWU in Richtung Kernstaaten diagnostiziert.

Nach einem zeitweiligen Rückgang im Zuge der Beruhigung der EWU-Schuldenkrise ab dem Sommer 2012 sind die Salden mit Beginn der Assetkäufe des Eurosystems ab Mitte 2014 wieder angeschwollen. Der Grund hierfür ist, dass das Eurosystem die Anleihekäufe der Notenbanken über das Target-System abwickelt. Da auch die EZB selbst in größerem Umfang Anleihen erwirbt, ist seither auch ihr Target-Saldo angestiegen. Die Gegenpositionen der Target-Salden sind in den Guthaben der Geschäftsbanken bei den Zentralbanken zu finden.

Ungleichmäßige Liquiditätsverteilung im Euroraum
Die bestehenden großen Target-Salden sind weiterhin Ausdruck dafür, dass sich die Liquidität des Eurosystems ungleichmäßig in den Staaten der EWU verteilt. Einen zusätzlichen Schub haben die Salden durch die massive Liquiditätsbereitstellung des Eurosystems, unter anderem durch die TLTRO-(Targeted Longer-Term Refinancing Operations)-Tender, bekommen.

Kein Bonitätsrisiko, aber was ist im Austrittsfall?
Die Target-Salden sind für sich genommen, im Unterschied etwa zu den Schulden der EWU-Mitgliedstaaten, kein Bonitätsrisiko. Denn die Notenbanken des Eurosystems sind in Euro jederzeit zahlungsfähig. Allerdings könnten für den (hypothetischen Fall) des Austritt eines EWU-Landes aus der Sicht des Austrittslandes hohe Fremdwährungsverbindlichkeiten entstehen. Wohl aus diesem Grunde hat EZB-Präsident Draghi in einem Brief an zwei italienische Abgeordnete erklärt, dass vor einem Austritt eines EWU-Landes dessen Target-Salden zunächst ausgeglichen werden müssten. Dies ist indes nirgends verbindlich geregelt. 

Debatte erhält zusätzlichen Schwung durch politische Dynamik in Italien
"Aufgrund des Konfrontationskurses der Links-Rechts-Regierung gegenüber der EU-Kommission haben Gedankenspiele über einen Austritt Italiens aus dem Eurosystem wieder Konjunktur", sagt Uwe Burkert (Bild links),  Chefvolkswirt und Bereichsleiter LBBW Research. Zwar sei die Wahrscheinlichkeit hierfür sehr gering, doch seien die im Risiko stehenden Beträge sehr hoch, so dass auch geringe Eintrittswahrscheinlichkeiten hohe Erwartungswerte zeitigen könnten. Zudem sei ausgerechnet Italien derzeit der größte „Schuldner“ im Target-System.

Austritt aus dem Euro ist nicht vorgesehen
Es bleibt offen, wie zu verfahren wäre, wenn ein Land den Euro verließe, dessen Zentralbank hohe Target-Forderungen aufweist. Das Resüme von Dr. Jens-Oliver Niklasch, Experte von LBBW Research, lautet: "Die Target-Salden werden bleiben. Da die EZB fällige Wertpapiere aus ihrem Kaufprogramm zunächst wieder anlegt und auch die Liquidität zunächst großzügig bemessen bleibt - Vollzuteilung, TLTRO -, bleiben die Salden bis auf Weiteres in ähnlicher Größenordnung bestehen." (kb)

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