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Bankenskandal sorgt für Unruhe in der Alpenrepublik

Der Verlust der Bankenlizenz der Commerzialbank Mattersburg im österreichischen Burgenland aufgrund gefälschter Bilanzen sowie die nachfolgende Liquidierung sorgt auch bei manchem institutionellen Investor für Unruhe, insbesondere aus dem "Corporate"-Lager.

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© Freedomz / stock.adobe.com

Die Dimensionen des Bilanzskandals bei der regionalen Commerzialbank Mattersburg weiten sich aus. Laut der Tageszeitung "Kurier" geht die österreichische Finanzmarktaufsicht FMA mittlerweile davon aus, dass 500 Millionen Euro verschwunden sind. Damit existieren fast zwei Drittel der Bilanzsumme nicht, die mit rund 800 Millionen Euro angegeben worden war. Wo genau die Bilanz zu unrecht aufgepolstert war, das klärt sich nun schrittweise.

Wie ein mit der Bilanz Vertrauter gegenüber "FONDS professionell ONLINE" sagte, hatte das Kreditinstitut zum Beispiel Guthaben bei acht anderen Banken in Höhe von je 40 bis 60 Millionen Euro angeführt, die schlicht nicht existierten. Einem Wirtschaftsprüfer hätten solche Luftbuchungen auffallen müssen, sobald er die Saldenbestätigung ("Bankbrief") bei den vermeintlichen Bankpartnern angefordert hätte. Die Saldenbestätigung ist einer der wichtigsten Prüfschritte. Wirtschaftsprüfer TPA hat gegenüber der FONDS professionell ONLINE-Redaktion mehrfach betont, alles sei vorschriftsmäßig abgelaufen. Warum Scheinbuchungen beim Einholen des Bankbriefs nicht auffielen, oder ob sich der Prüfer wirklich wie vorgeschrieben selbst bei den Kreditinstituten erkundigt hat, darauf gab TPA keine Antwort. Auch ließ TPA die Frage unbeantwortet, ob man interne strukturelle Lehren aus den Fällen der Vergangenheit ziehen wolle. TPA war auch langjähriger Prüfer der unlängst pleite gegangenenWirecard CEE.

Kritik am Gesetzgeber
Ein Experte aus der Finanzmarktaufsicht, der nicht genannt werden wollte, übte massive Kritik am Gesetzgeber. Eines der Hauptprobleme sei, dass Österreich – anders als andere Länder – jahrelange wirtschaftliche Naheverhältnisse der Wirtschaftsprüfer zum Unternehmen toleriere. Die Commerzialbank hatte seit 14 Jahren ununterbrochen das Bestätigungsvermerk von der TPA erhalten. Ein Gesetzesplan für ein Rotationsprinzip, der vorsah, dass ein Unternehmen in relativ kurzen Abständen den Prüfer innerhalb einer Kanzlei wechseln und später überhaupt zu einer anderen Prüfgesellschaft gehen muss, sei nicht durch den Wirtschaftsausschuss im Parlament gekommen. Die darin gut vertretenen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften hätten sich quergestellt, kritisiert der Experte aus der FMA. Die Kammer der Wirtschaftsprüfer antwortete bisher nicht auf eine Anfrage der Redaktion.

Corporates ließen sich von positiven Einlagezinsen blenden
Ein weiterer zu hinterfragender Punkt bei der Commerzialbank sind die teils extrem hohen Zinszahlungen auf Einlagen. Offenbar hat sich die Bank damit Großeinleger warm gehalten. Das zeigt sich am Hightechunternehmen Frequentis, das 31 Millionen Euro bei der Regionalbank liegen hatte.

Ein Vermögensberater, dessen Kunden bei Frequentis investiert sind, wollte vom Unternehmen wissen, warum das Geld bei einer kleinen Regionalbank liegt und erfuhr als Grund von Einlagenzinsen von über einem Prozent, wie der Mann gegenüber FONDS professionell ONLINE sagte. Das ist überraschend, weil Unternehmen heute bei fast allen Banken "Negativzinsen" dafür zahlen, dass sie das Geld auf das Konto legen dürfen. Auch dieser Berater kritisierte gegenüber der FONDS professionell ONLINE-Redaktion, dass der Wirtschaftsprüfer von Frequentis derart hohe Bareinlagen bei einer kleinen Regionalbank nicht als augenscheinliches Klumpenrisiko hinterfragt hatte. Spätestens wenn von einem Prozent Zinsen die Rede ist, hätte man hellhörig werden können, findet der Berater.

Über ein Prozent Zinsen auf Einlagen
Frequentis bestätigt gegenüber der FONDS professionell ONLINE-Redaktion, dass man für verschiedene Fälligkeiten im Schnitt etwas über einem Prozent an Zinsen von der Commerzialbank erhalten habe. Es wird aber betont, dass die Beziehung historische Gründe habe und bereits seit den 1990er-Jahren bestand, als das Unternehmen noch kein globaler Player war. Während der Finanzkrise habe sich gezeigt, dass eine Beziehung zu stabilen Regionalbanken ein Vorteil sei. Man sei ebenso enttäuscht wie alle anderen Kunden. Der hohe Zins würde sich auch daraus ergeben, dass zwei Drittel der Frequentis-Einlagen (gebundene) Termingelder sind, und der Rest zwar täglich fällig, allerdings nicht auf einem Girokonto, sondern als Festgeld auf der Bank liege, so der Frequentis-Sprecher.

Dass die Commerzialbank hohe Einlagenzinsen bot, geht ebenso bei der Erste gemeinnützige Wohnungsgesellschaft Heimstätte Gesellschaft m.b.H (EGW) hervor. Sie hat 30 Millionen Euro bei der Mattersburger Bank angelegt und dafür 0,5 Prozent für kurzfristige Einlagen erhalten, wie "Der Standard" berichtet. Die EGW gehört indirekt zu 68 Prozent dem börsenotierten Versicherungskonzern VIG und zu 32 Prozent der Sozialbau AG. Auch die Sozialbau-Tochter Neuland hatte Geld auf der Commerzialbank, kam aber mit nur knapp zwei Millionen Euro glimpflich davon.

Prüfung bereits vor fünf Jahren
Auch die FMA bestätigt der Redaktion, dass die Commerzialbank Mattersburg wegen hoher Zinszahlungen aufgefallen war. Das sei einer der Anlässe für die wiederholte Prüfung gewesen: Bereits 2015 und 2017 sei die FMA beziehungsweise die OeNB vor Ort gewesen. Warum den Behörden die nicht vorhandenen Cashbestände damals nicht aufgefallen waren, erklärte FMA-Pressesprecher Klaus Grubelnik damit, dass man das gesamte Geschäftsmodell an sich geprüft habe und dabei davon ausgegangen sei, dass die vom Wirtschaftsprüfer angegebene Saldenbestätigung auch wirklich so stattgefunden habe. 

Das Nachrichtenmagazin "Profil" berichtete, dass der Finanzmarktaufsicht über ihre "Whistleblower-Hotline" zwei anonyme Hinweise auf Ungereimtheiten bei der Bank gegeben wurden. Einer ging vor der Prüfung 2015 ein, ein zweiter während der anlaufenden Prüfung 2020, in beiden Fällen waren laut dem Bericht auch die Prüfer der Nationalbank darüber informiert.

Restlos zufrieden dürfte die Aufsicht mit der Bank freilich bereits früher nicht gewesen sein. So habe es Probleme rund um einen Partizipationskapital-Deal gegeben. Die Bank hätte laut Plan das Geschäft über eigene Kredite finanzieren wollen, was die Aufseher aber verhindert hätten, so der Sprecher. 

Aktionärsstruktur
Im Protokoll der Hauptversammlung der Bank vom 3. Juli 2019 ist eine Aktionärsliste ersichtlich, aus der hervorgeht, dass die Bank weitgehend einer regionalen Genossenschaft gehört: Die "Personalkredit- und Kommerzialkreditvermittlungs- und Anteilsverwaltungsgenossenschaft Schattendorf-Zemendorf-Stöttera-Krensdorf-Hirm-Loipersbach-Draßburg-Baumgarten registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung" hält demnach rund 93 Prozent der Aktien beziehungsweise ein Nominale von rund 4,1 Millionen Euro. Den Rest halten zehn weitere Aktionäre. Darunter ist Commerzialbank-Chef Martin Pucher mit gut 2,3 Prozent oder einem Nominale von 102.000 Euro der größte.

Freitag Nachmittag gab es umfassende Hausdurchsuchungen durch die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) an sechs Standorten. Durchsucht wurden auch Privathaushalte, wie jener von Pucher. Dieser wurde anschließend bis in die späten Abendstunden vernommen. Sein Anwalt teilte mit, dass Pucher, dessen Gesundheit angeschlagen ist, die Geschehnisse der Vergangenheit erklärt hätte. Er übernehme die volle Verantwortung und erklärte, dass er das Bedauern des Geschehenen und die Enttäuschung über sich selbst nicht in Worte fassen könne. 

Fußball und Regulatorien
Wie die Tageszeitung "Der Standard" berichtet, soll der zurückgetretene Bankchef, der zugleich Präsident des österreichischen Fussballbundesligisten SV Mattersburg ist, wegen hochtrabender Geschäfte, Zuwendungen an seinen Fußballklub und strengerer aufsichtsrechtlicher Kapitalpuffer vom rechten Weg abgekommen sein. Es gilt für alle Genannten die Unschuldsvermutung. (eml)

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