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Bafin: "Deutlich höhere Kapitalanforderungen für Lebensversicherer"

Die Lebensversicherer müssen sich auf noch härtere Bandagen beim Aufsichtsregime von Solvency II einstellen. Bafin-Exekutivdirektor Frank Grund warf auf einer Fachtagung einen Blick voraus.

Frank Grund, Bafin
Frank Grund, Bafin: "Das Anlagerisiko wird schon jetzt mit kapitalmarktnahen Produkten zunehmend aus den Bilanzen der Versicherer auf die Kunden verlagert."
© Bafin

Die Corona-Pandemie hat das Niedrigzinsumfeld noch einmal verfestigt und die Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Nullzinspolitik weiter reduziert. "Es steht derzeit nicht zu erwarten, dass sich die Herausforderung 'Zinsen' für Lebensversicherer von alleine erledigt", sagte Frank Grund, Exekutivdirektor Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht der Bafin, am Dienstag (2.2.) in seiner Rede auf der virtuellen MCC-Fachtagung "Zukunftsmarkt Altersvorsorge". Für 2021 schreiben die Lebensversicherer ihren Kunden erneut weniger Zinsen gut – wie schon im Vorjahr.

Mit Hilfe der Prognoserechnung vom 30. September 2020 hat die Bafin erneut unterstellt, dass Lebensversicherer bei der Neu- und Wiederanlage lediglich eine Rendite von 0,5 Prozent erzielen können. Ergebnisse liegen noch nicht vor, doch es zeichnet sich ab, dass die Gesellschaften "auch in den kommenden Jahren große Anstrengungen zum Aufbau der Zinszusatzreserve (ZZR) unternehmen müssen", so Grund.

Prognoserechnung erstmals mit Solvency-II-Kennzahlen
Während die ZZR 2020 um gut zehn Milliarden Euro auf knapp 86 Milliarden Euro wuchs, werden sich die Aufwendungen bis 2024 auf weitere rund 33 Milliarden Euro belaufen. Das mache sich bezahlt, da die ZZR langfristig zur Finanzierung der Zinsgarantien beiträgt, "so dass die Lebensversicherer die eingegangenen Verpflichtungen aus gegenwärtiger Sicht auch finanzieren können", urteilt Grund.

Erstmalig hat die Bafin bei der Prognoserechnung auch Solvency-II-Zahlen erhoben. Somit werde der Blick geweitet. Anders als nur nach HGB die Fähigkeit eines Versicherers zu untersuchen, ob er bestehende Verpflichtungen gegenüber seinen Kunden einhalten kann, geht es nach Solvency II um seine Fähigkeit, dauerhaft Neugeschäft zu zeichnen. Dies korrespondiert mit den regulatorischen Anforderungen der Zukunft.

EIOPA will härteres Aufsichtsregime
Die Europäische Versicherungsaufsicht EIOPA hatte der EU-Kommission am 17. Dezember 2020 Empfehlungen vorgelegt, wie und wo Solvency II nach fünf Praxisjahren nachgeschärft werden sollte – in der EU-Diktion "Opinion" zum "Review" genannt. Die Bafin stimmte dieser "Opinion" als Gesamtpaket zu. Dabei war es wichtig, dass in einem künftig noch stärker marktorientierten Regelungssystem "die für die deutsche Versicherungswirtschaft typischen langfristigen Garantien weiterhin möglich sind", heißt es dazu im "Bafin-Journal" vom Februar 2021.

"Natürlich ist die EIOPA-Opinion eine Art Kompromiss aus den verschiedenen Vorstellungen der Mitgliedsbehörden – und auch wir haben Abstriche machen müssen", sagte Grund in seiner Rede auf dem MCC-Kongress. Unterm Strich sei der Kompromiss "einigermaßen akzeptabel", es gebe "aber noch Luft nach oben" für Diskussionen. Denn: Das geplante Paket würde "insbesondere deutsche Lebensversicherer wegen der Veränderungen bei der Extrapolation der Zinsstrukturkurve erheblich belasten", so Grund weiter.

Zinsstrukturkurve soll länger als 20 Jahre in die Zukunft wirken
Hintergrund: Von großer Bedeutung sind die Maßnahmen für langfristige Garantien (Long-Term Guarantees, LTG), die Lebensversicherer gegenüber ihren Kunden eingehen. Ein Ziel des Reviews besteht darin, diese Garantien in der Rückstellung für langfristige Verträge noch risikogerechter zu berücksichtigen, auch wegen des Niedrigzinsumfeldes. Im deutschen Markt zählen die Extrapolation (Ableitung von Werten aus unbekannter Datenlage) der risikofreien Zinsstrukturkurve, die Volatilitätsanpassung und die Übergangsmaßnahmen nach den Paragrafen 351 und 352 Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) zu den wichtigsten LTG-Maßnahmen.

Die Extrapolation der risikofreien Zinsstrukturkurve ist eine probate Methode zur Bewertung von Anleihen und macht es möglich, Rückstellungen für Versicherungsverträge zu bilden, deren Laufzeiten weiter in die Zukunft reichen als zuverlässige Kapitalmarktinformationen über risikofreie Zinsen. Da es nicht länger laufende Anleihen in ausreichendem Maße gibt, ist bislang ein "Last Liquid Point", also der Startpunkt in die Extrapolation, nach 20 Jahren maßgeblich – ab diesem Zeitpunkt wird extrapoliert, das heißt, von den sicheren, beobachteten Zinsen auf die unsicheren Zinsen mit unsicherer Datenlage geschlossen.

Mehr Eigenkapital als bisher für Langläufer vorzuhalten
Im nun von der EIOPA vorgeschlagenen Extrapolationsverfahren müssten Versicherer neue Marktinformationen auch noch nach dem Start der Extrapolation berücksichtigen. Ein zusätzlicher Ausgleichsmechanismus soll dafür sorgen, dass die Höhe der Rückstellungen auch in schwierigen Marktsituationen für die Unternehmen der Branche verkraftbar bleibt.

Die kompliziert anmutende Änderung der Regulatorik hätte für Deutschland eine gravierende Folge: "Auf Seiten der deutschen Lebensversicherer mit ihren sehr langen Vertragslaufzeiten und hohen Zinsgarantien würden sich die Kapitalanforderungen deutlich erhöhen", erklärt Grund und ergänzt: "Aus Sicht der Unternehmen ein unschönes Ergebnis."

Trend zu kapitalmarktnahen Policen schont Eigenmittel
Aber: Spätestens seit Einführung von Solvency II sind die Versicherer dabei, ihr Neugeschäft umzugestalten – weg von kapitalfordernden Garantieprodukten, hin zu kapitalmarktorientierten Verträgen, die weniger Eigenmittel erfordern. Das heißt, mit jedem Jahr werden die Anforderungen nach Solvency II tendenziell geringer, weil alte, kapitalintensive Verträge aus dem Bestand gehen und neue, kapitalschonende Policen hinzukommen.

"Deshalb darf man nicht einfach rechnen, was die überarbeiteten Regeln heute bedeuten würden, sondern muss den Zeitpunkt der Einführung zugrunde legen", so ein Bafin-Sprecher auf Nachfrage der Redaktion. Das werde nach hiesiger Auffassung nicht vor 2024 der Fall sein. Unter Hinzurechnung der Übergangszeit, die die EIOPA in ihrem Vorschlag vorsieht, würden die Regeln erst ab 2032 gelten.

Bis dahin dürfte es so gut wie keine Neuverträge mehr mit Garantien geben. "Das Anlagerisiko wird schon jetzt mit kapitalmarktnahen Produkten zunehmend aus den Bilanzen der Versicherer auf die Kunden verlagert", betont Grund. Die Bestände mit Garantien sollten ausreichend durch die ZZR abgesichert sein. Bei anhaltendem Niedrigzins sind jedoch so gut wie keine Überschussbeteiligungen mehr für Kunden zu erwarten.

Bafin will auf ausgewogenes Gesamtpaket achten
Gleichzeitig hofft Grund, dass der EIOPA-Vorschlag "noch nachjustiert wird". Er erklärt das so: Übersetzt in die heutige Methode, würden wir derzeit bei einem Last Liquid Point von etwa 25 Jahren landen. Dass eine "2" an erster Stelle steht, sei schön. In der Diskussion seien auch 30 oder 50 Jahre gewesen. "Lieber wäre mir aber, wenn an der zweiten Stelle eine Ziffer näher Null stünde", so der Versicherungsaufseher. Insgesamt solle die Ausgewogenheit des Gesamtpakets im Fokus stehen.

Zu den meistgenutzten LTG-Maßnahmen in Deutschland gehört die Volatilitätsanpassung (VA). Ihre Wirksamkeit hat sich laut Bafin in Stresstests und in tatsächlichen Stresssituationen wie den von Corona ausgelösten Marktturbulenzen im Frühjahr 2020 bestätigt. Die "neue VA" soll nun die Illiquidität von Verpflichtungen berücksichtigen und schneller greifen, um die Solvenzkapitalergebnisse auch in unruhigen Zeiten zu stabilisieren. "Das werte ich durchaus als Erfolg", schließt Grund seine MCC-Ausführungen zur Regulatorik.

Entschieden ist noch nichts. Nach Vorlage der EIOPA-Stellungnahme im Dezember ist nun die EU-Kommission am Zug. Sie muss sich mit dem Vorschlag befassen und wird dem Europäischen Rat und dem Europäischen Parlament anschließend einen eigenen Vorschlag unterbreiten – voraussichtlich im dritten Quartal 2021. Darauf folgen dann die Trilog-Verhandlungen, deren Dauer offen ist. (dpo)

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