Solvency-II-Reform könnte Aktien-Comeback bei Versicherern auslösen
Ab kommendem Jahr sollen Versicherer bessere Möglichkeiten bekommen, mit geringerem Kapitalaufwand in Aktien und Private Markets zu investieren. Aberdeen Investments stellt ein Modellportfolio vor, mit dem "aktienähnliche" Renditen bei anleiheähnlichen Kapitalkosten möglich sein sollen.
Kernpunkte:
- Neue Regeln ab Januar 2027 für kontinentaleuropäische Versicherer
- Spezielle langfristige Aktienstrukturen im Einklang mit neuen Regeln
- Modellportfolio mit 8,7 Prozentpunkten höherer erwarteter Rendite als traditionelle Aktienallokation
- Bausteine sind gelistete Aktien, Infrastrukturaktien und Private Equity
Die geplante Reform des europäischen Solvency-II-Regelwerks könnte die strategische Asset-Allokation vieler Versicherer grundlegend verändern, schreibt Aberdeen Investments in einer Analyse der künftigen Regeln für sogenannte Long-Term Equity Investments (LTEI). Demnach könnten europäische Versicherer ab 2027 deutlich stärker in Aktien und Private Markets investieren, ohne dabei höhere regulatorische Kapitalkosten in Kauf nehmen zu müssen.
Derzeit müssen Versicherer für Aktienanlagen je nach Klassifizierung Marktrisiko-Kapitalanforderungen von bis zu 49 Prozent erfüllen. Das habe die Allokation vieler Häuser über Jahre in Richtung Fixed Income verschoben, so Aberdeen. „Solvency II hat Aktien für Versicherer in der Vergangenheit zu einer teuren Angelegenheit gemacht – selbst wenn die Anlageargumente überzeugend waren“, erklärt James Budenberg, Senior Director Strategic Insurance Group bei dem Asset Manager.
Mit den geplanten Reformen des LTEI-Regimes, die im Januar 2027 in Kraft treten sollen, werde nun erstmals der langfristige Charakter vieler Versicherungsverbindlichkeiten stärker berücksichtigt. „Das überarbeitete Rahmenwerk für langfristige Aktienanlagen markiert einen entscheidenden Wendepunkt: Es erkennt die Fähigkeit von Versicherern an, als echte Langfristinvestoren zu agieren“, so Budenberg weiter.
Aktienrenditen bei Anleihe-Kapitalkosten?
Besonders interessant aus Sicht der Versicherer: Für LTEI-konforme Portfolios sind laut Aberdeen künftig regulatorische Kapitalkosten möglich, die eher dem Niveau langfristiger Investment-Grade-Unternehmensanleihen entsprechen. Das Unternehmen hat dazu ein modellhaftes Portfolio analysiert, das öffentliche Aktien, Infrastruktur-Aktien und Private Equity kombiniert.
Das Ergebnis: Das diversifizierte LTEI-Portfolio käme in der Simulation auf eine erwartete jährliche Rendite von 11,5 Prozent über zehn Jahre, verglichen mit 2,8 Prozent für den MSCI World Developed Markets Index. Nach Angaben von Aberdeen könnte ein solches Portfolio damit rund 8,7 Prozentpunkte höhere erwartete Renditen erzielen als eine traditionelle Aktienallokation in Industrieländern, ohne dass sich die regulatorischen Kapitalanforderungen erhöhen würden.
Das illustrative Portfolio bestand zu rund 30 Prozent aus börsennotierten Aktien, zu 43 Prozent aus Infrastruktur-Aktien und zu 27 Prozent aus Private-Equity-Anlagen einschließlich Venture Capital und Buyout-Strategien. Infrastrukturinvestments bieten laut Aberdeen stabile Cashflows und Inflationsschutz, während Private Equity Zugang zu Geschäftsmodellen eröffne, die an öffentlichen Märkten häufig nicht verfügbar seien. Börsennotierte Aktien dienen der globalen Diversifizierung und dem Zugang zu langfristigen Renditetreibern, vorausgesetzt, die Anlagen
sind so strukturiert, dass sie die LTEI-Anforderungen erfüllen.
Mehr Flexibilität durch Fondsansatz
Eine wesentliche Neuerung der LTEI-Reform betrifft die regulatorische Behandlung auf Fondsebene. Bislang mussten Versicherer vielfach jeden einzelnen Vermögenswert separat prüfen, um die LTEI-Anforderungen zu erfüllen. Künftig sollen geschlossene Alternative Investmentfonds, ELTIFs sowie bestimmte Venture-Capital- und Sozialunternehmerfonds selbst als LTEI qualifizieren können.
Dadurch erhalten Versicherer laut Aberdeen deutlich mehr Flexibilität bei der Portfolioallokation. Vermögenswerte könnten innerhalb eines Fonds künftig leichter umgeschichtet werden, ohne den LTEI-Status zu verlieren.
Aberdeen sieht dabei insbesondere sogenannte „Fund-of-One“-Strukturen oder spezialisierte LTEI-konforme Fonds als mögliche Lösungen für Versicherer.
„Diese Reformen haben das Potenzial, die strategische Asset-Allokation in der gesamten Branche zu verändern“, betont Budenberg. Entscheidend sei jedoch die konkrete Umsetzung. Nur Portfolios, die gezielt auf die Anforderungen von Versicherungsbilanzen abgestimmt seien, könnten die regulatorischen Vorteile tatsächlich ausschöpfen.
Die Reformen gelten ausschließlich für kontinentaleuropäische Versicherer unter Solvency II. Auf britische Versicherer unter Solvency UK finden sie keine Anwendung. (dv)


