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Woge der Begeisterung erfasst die Anleger

Fast schon perfekte Nachrichten in den letzten Tagen, getoppt von bekannt gewordenen Fortschritten bei der Entwicklung eines Covid-19-Impfstoffs kurz vor Redaktionsschluss, sorgten für mehr Optimismus und höhere Aktienkursnotierungen. Die Initialzündung war aber der Ausgang der Wahlen in den USA.

Olivier de Berranger
Olivier de Berranger, La Financière de l’Échiquier (LFDE)
© La Financière de l’Échiquier

Laut Olivier de Berranger, CIO bei LFDE, erfasst derzeit eine Woge der Begeisterung die Investoren. In den letzten Wahltagen erschien der – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne – im Weißen Haus verschanzte Präsident Trump zunehmend isoliert. In Washington herrscht Endzeitstimmung. Denn auch wenn er seine Wählerschaft viel stärker mobilisieren konnte als die Umfragen vorhergesagt hatten, scheint es einen offenen Bruch zwischen ihm und seiner Partei zu geben.

Trump ist nun eine "lame duck"
Während der ungewissen Phase der Stimmenauszählung schienen nur sehr wenige seiner Anhänger die Auffassungen Donald Trumps von Wahlbetrug und Fälschungen zu teilen. Die sozialen Netzwerke schwächten die Fake News des Präsidenten über Pandemie und Politik bereits häufig ab, und auch die Medien zauderten nicht mehr, die Kommunikation des Präsidenten zu zensieren. Viele brachen am vergangenen Donnerstag die Übertragung seiner Erklärung aus dem Presseraum des Weißen Hauses ab, weil sie sie für unverschämt wahrheitswidrig hielten.

Aussicht auf geteilte Regierung stützt Anlegerstimmung
Man hätte laut de Berranger befürchten können, dass das Szenario eines knappen, umstrittenen Ergebnisses die Finanzmärkte, die bereits durch neue COVID-Wellen in Europa und den USA geschwächt sind, ins Wanken bringt. Doch nichts dergleichen. Obwohl das Wahlergebnis mehrere Tage nach dem Urnengang immer noch nicht feststand und sich die Gerichtsklagen häuften, wurden die Anleger zum Ende der Wahlwoche von einer Woge der Begeisterung erfasst.

Die auf den ersten Blick erstaunliche erneute Risikobereitschaft und Beliebtheit von Aktien am Tag nach den Wahlen lassen sich de Berranger zufolge recht einfach erklären. Auch wenn die Ergebnisse sowohl im Hinblick auf das Präsidentenamt als auch den Senat noch unklar waren, war ein deutlicher Sieg der Demokraten, der den gesamten Kongress auf ihre Seite zieht, nicht wahrscheinlich. In der Vergangenheit bevorzugten die Märkte Phasen mit geteiltem Kongress, denn ein geteilter Kongress bedeutet eine erzwungene Suche nach Kompromissen und Konsens. Es handelt sich laut de Berranger also nicht um eine demokratische Revolution, sondern um eine Evolution. Die umstrittensten Reformen des Kandidaten Biden werden ganz gewiss nur sehr begrenzt umgesetzt werden. Dies gilt in erster Linie für Steuererhöhungen und ein großzügiges Konjunkturpaket.

Technologiewerte profitieren besonders
Hauptnutznießer dieser neuerlichen Risikobereitschaft waren die großen Technologiewerte, deren Leitindex Nasdaq binnen zwei Tagen nach dem Wahltag um mehr als sechs Prozent zulegte und den weniger „technologielastigen“ S&P 500 um fast zwei Prozent übertraf. Eine von den Demokraten ins Spiel gebrachte Zerschlagung der Tech-Riesen wegen des Missbrauchs ihrer beherrschenden Position ist vorerst aufgeschoben beziehungsweise auf kurze Sicht sogar ausgeschlossen.

Auf der anderen Seite sank der Zinssatz für zehnjährige US-Anleihen nach der Meldung der ersten amtlichen Ergebnisse rasch unter der Annahme, dass ein angemessenes Konjunkturpaket verabschiedet wird, welches keinen beunruhigenden Anstieg der US-Schuldenlast und damit Misstrauen bei den Kapitalgebern bewirkt. "Während die Märkte einen kühlen Kopf bewahrten, ließ sich dies von Donald Trump nicht behaupten", hält de Berranger abschließend fest. (aa)

 

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