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Wo EZB-Chefvolkswirt Lane den neutralen Zinssatz sieht

Der neutrale Zinssatz im Euroraum könnte höher liegen als bislang angenommen. Nach Einschätzung von EZB-Chefökonom Philip Lane wäre die Geldpolitik damit trotz der jüngsten Zinserhöhung womöglich noch nicht bremsend.

Philip Lane, EZB: "Wir betrachten eine Reihe von Modellen zum neutralen Zinssatz – und das obere Ende dieser Spanne ist unserer Ansicht nach von 2,25 Prozent auf 2,5 Prozent gestiegen."
Philip Lane, EZB: "Wir betrachten eine Reihe von Modellen zum neutralen Zinssatz – und das obere Ende dieser Spanne ist unserer Ansicht nach von 2,25 Prozent auf 2,5 Prozent gestiegen."© Hollie Adams / Bloomberg

Der neutrale Zinssatz im Euroraum könnte laut Philip Lane, Chefökonom der Europäischen Zentralbank (EZB), bei bis zu 2,5 Prozent liegen. Er deutete damit an, dass eine weitere Zinserhöhung die Wirtschaft noch nicht bremsen würde.

Bei einem Auftritt am Donnerstag (18.6.) auf einer Veranstaltung der Deutschen Bank sagte Lane, die Entscheidung vor einer Woche, die Kreditkosten anzuheben, habe das Wachstum möglicherweise noch nicht beeinträchtigt.

Neutraler Zinssatz höher als bisher
"Wir haben vergangene Woche von einer Position aus gestrafft, die klar neutral war", sagte Lane vor dem Publikum in Hertfordshire nördlich von London. "Wir betrachten eine Reihe von Modellen zum neutralen Zinssatz – und das obere Ende dieser Spanne ist unserer Ansicht nach von 2,25 Prozent auf 2,5 Prozent gestiegen."

Bei der Pressekonferenz am 11. Juni nach der Entscheidung der EZB, die Zinsen erstmals seit 2023 anzuheben, betonte Präsidentin Christine Lagarde, sie und ihre Kollegen hätten nicht über den neutralen Zinssatz beraten – also jenes Niveau, das auch als R* bezeichnet wird und bei dem die Wirtschaft weder gebremst noch stimuliert wird.

Wie bei mehreren anderen Notenbanken spielte die theoretische Frage, was neutral ist, in den Diskussionen der EZB in der Vergangenheit jedoch häufig eine Rolle. Lanes Einschätzung steht einer Analyse von EZB-Ökonomen von Anfang 2025 gegenüber, die die Gesamtspanne zwischen 1,75 Prozent und 2,25 Prozent verortete.

Märkte rechnen mit weiterem Zinsschritt
Analysten und Märkte rechnen in diesem Jahr mit einem weiteren Zinsschritt nach oben. Zugleich gibt es Warnungen, dass höhere Kreditkosten der Wirtschaft unnötig schaden könnten, da das Wachstum in der Eurozone bereits nachgelassen habe.

Lane beschrieb den Ausblick als "stabil". Zugleich merkte er an, dass der Preisschock infolge der Störungen bei Energielieferungen aus dem Nahen Osten noch nicht vorbei sei, selbst wenn die Kampfhandlungen eingestellt worden sein sollten.

"Selbst wenn der Ölpreis jetzt sinkt, gehen wir davon aus, dass die Lebensmittelpreise – und die Preise für Waren und Dienstleistungen – steigen werden", sagte er. "Die gesamte Inflationsdynamik dürfte unserer Ansicht nach also über einen längeren Zeitraum über dem Zielwert liegen."

Vergleich mit der Energiekrise
Sein Fragesteller, Deutsche-Bank-Ökonom Mark Wall, bat ihn, die aktuelle Lage mit der Energiekrise nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022 zu vergleichen. "Ich bezeichne dies als einen mittleren Schock, der auch eine mittlere Dauer aufweist", sagte Lane. "Dieser Schock ist mittelgroß. Der letzte war groß."

Lane betonte zudem, dass die EZB ihren eigenen geldpolitischen Kurs festlegen könne, ohne zu stark auf die Schritte der US-Notenbank Federal Reserve zu schauen. "Wir werden alles Notwendige tun, um unser Ziel zu erreichen", sagte er. "Natürlich nehmen wir Ausstrahlungseffekte zwischen der Fed und uns wahr, und wir berücksichtigen sie. Aber lassen Sie mich eines sagen: Ausstrahlungseffekte gehen in beide Richtungen." (mb/Bloomberg)

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