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Wie soll die EZB mit dem Ziel der Preisstabilität künftig umgehen?

Der entscheidende Fehler passierte im Mai 2003. Damals beschloss die EZB nach heftigen inter­nen Kontroversen eine neue Definition ihres Ziels der Preis­stabilität. Künftig sollte es nicht mehr heißen "Zunahme der Preissteigerung von unter 2 %". Stattdessen wurde das Wörtchen "nahe" eingefügt.

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Dr. Martin W. Hüfner (Bild), Chief Economist der Münchner Investment-Boutique Assenagon Asset Management, sagt: "Es ist Zeit, das Ziel der Preisstabilität, das sich die EZB gegeben hat, zu überdenken. Die bisherige Zielformulierung zwingt die EZB zu einer zu lockeren Geld­politik und stößt in der Öffentlichkeit vielfach auf Unverständnis. Eine bescheidenere Zielformulierung würde die Glaubwürdigkeit und Akzeptanz der EZB erhöhen."
© Assenagon

Das sieht nach einer kleinen, unscheinbaren Änderung aus. "Es macht aber einen erheblichen Unterschied. Bei ei­ner Inflation von einem Prozent beispielsweise, wie wir sie derzeit ha­ben, wäre das Stabilitätsziel bei der ursprünglichen Defini­tion nach wie vor erfüllt. Die Zentralbank müsste nichts un­ternehmen. Nach der neuen Definition ist die Preissteige­rung zu niedrig. Die Zentralbank muss etwas tun, um die Rate nach oben zu bringen", analysiert Hüfner.

Damalige Entscheidungsgründe
Ein Grund für die damalige Entscheidung, das Ziel enger zu fassen, waren in jener Zeit die sich verbreitenden Defla­tionsängste in der Welt. Hüfner dazu: "Das globale Wirtschaftswachstum brach ein,und die Geldentwertung verringerte sich. Die Aktien­märkte gingen nach dem Platzen der New Economy-Blase in die Knie. Es war verständlich, dass die Geldpolitiker in der noch jungen Zentralbank kalte Füße bekamen. Sie fürchteten, in eine Krise hineinzulaufen. Durch eine Ände­rung der Zieldefinition gaben sie sich eine Rechtfertigung, bei einer sinkenden Inflation schneller und stärker gegen­steuern zu können." 

Neue Zielformulierung bringt neue Probleme
Allerdings hätten sich die Notenbanker mit der neuen Zielformulierung erhebliche neue Probleme eingehandelt, so Hüfner weiter. Das sei damals noch nicht so absehbar gewesen. Es sei umso gravierender, als die Probleme mit den Jahren immer größer geworden seien. Der Ökonom benennt fünf Problemkreise:

Erstens wird die Zentralbank zu einer viel lockereren Geld­politik gezwungen, als sie sie sonst betreiben würde. Sie muss ihren Kurs bei allen Preissteigerungsraten zwischen null und 1,9 Prozent überdenken. Vorher war das nur bei sinken­den Preisen (= Deflation) und bei Preissteigerungsraten von über 2,0 Prozent (= überbordende Inflation) der Fall. Das fällt umso mehr ins Gewicht, als zu Beginn der Währungsunion nie­mand im Kopf hatte, dass sich die Geldentwertung so lange und anhaltend auf einem Niveau zwischen einem und zwei Prozent  be­we­gen würde. Alle Augen waren darauf gerichtet, dass es die Hauptaufgabe der Notenbank sei, eine zu hohe Geldent­wertung zu verhindern.

Zweitens stößt das dadurch bewirkte Mehr an lockerer Geldpolitik vielfach auf Unverständnis  und Kritik in der Öf­fentlichkeit. Null- und Negativzinsen sind  zunehmend zu einem gesellschaftlichen Ärgernis geworden. Wer kann schon verstehen, dass der Präsident der EZB eine Preis­steigerung von einem Prozent für zu niedrig hält und sie nach oben treiben will, wo sich doch jeder eigentlich niedrigere Preis­steigerungen wünscht? Jetzt nimmt sich sogar die Politik des Themas an und überlegt, ob man Negativzinsen nicht verbieten kann.

Drittens führt das immer häufigere Eingreifen der Noten­bank, um die Preissteigerung nach oben zu bringen, zu er­heblichen Abnutzungserscheinungen. Es gibt zunehmend Zweifel an der Wirksamkeit von Zinssenkungen oder den Käufen von Wertpapieren.

Viertens ist das Ziel "nahe aber unter 2 %" zu ehrgeizig. Es wurde im Euroraum zuletzt vor sieben Jahren erreicht. Was aber nutzt ein Ziel, das immer verfehlt wird? Auch international gibt es viele Notenbanken, die sich ein Ziel von zwei Prozent als Obergrenze gesetzt haben. Dr. Hürfner kennt aber keine, die sich genau auf 1,9 Prozent festgelegt hat.

Fünftens braucht das Preisniveau bei Schwankungen der Konjunktur und vor allem der Energiepreise Bewegungs­freiheit (siehe Grafik). Es muss atmen können. Nicht jede Abweichung vom Ziel "nahe aber unter 2 %" ist ein Un­gleichgewicht, das die Zentralbank zum Eingreifen zwingen sollte. Das Ziel darf daher nicht zu eng gefasst werden.

Schwankungen der Inflation

Quelle: EZB

All das spricht nicht gegen das Ziel der Preisstabilität
Hüfner: "Im Gegenteil: Es wird als Vertrauensanker der Geldwirtschaft heute mehr gebraucht denn je. Es muss aber so definiert werden, dass es glaubwürdig ist und sich die Kollateralschäden der Geldpolitik in Grenzen halten. Aus meiner Sicht wäre es daher vernünftig, das Präfix "na­he" in der Formulierung "nahe aber unter 2 %" zu streichen. Das würde eine bescheidenere Zentralbank signalisieren. Es käme wieder Hoffnung auf, dass die Zinsen vielleicht doch nicht "auf ewig" so niedrig oder gar negativ sein müss­ten."

Es gibt allerdings auch Argumente, die dagegen sprechen
Zum einen würde eine bescheidenere Geldpolitik tenden­ziell zu höheren Zinsen führen, meint der Ökonom." Das passt derzeit nicht in die gesamtwirtschaftliche Lage. Aber eine Zielveränderung ist nichts, was man von einem Tag zum anderen realisieren kann. Dazu braucht man Zeit. Sie könnte frühestens in zwei, drei Jahren kommen, wenn die gesamtwirtschaftliche Lage bestimmt wieder anders sein wird." Zum anderen sollte man Ziele nicht in einer Zeit verändern, in der sie gerade nicht erreicht werden. Damit führe man sie ad absurdum. Aber zu warten, bis die Preissteigerung ein­mal wieder auf 1,9 Prozent steigt, wäre auch nicht vernünftig. 

Was bedeutet das für den Investor?
Das Nachdenken über eine neue Zieldefinition der Zentral­bank habe nichts mit aktuellen Anlageentscheidungen zu tun. so Hüfner weiter. "Es bleibt dabei, dass die Geldpolitik auf Lockerungskurs ist und auf absehbare Zeit bleiben wird. Das ist an den Märk­ten die wichtigste Gegenkraft gegen die negativen Einflüsse von Seiten der Handelspolitik." (kb)

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