Wie sich Investoren auf mögliche Marktkorrekturen vorbereiten können
Ein bekannter Experte der Capital Group zeichnet ein aktuelles Bild der Märkte, geht auf die Folgen einer größeren Marktreaktion ein und gibt Tipps, wie Investoren darauf - möglichst rechtzeitig - reagieren können.

Eckpunkte:
- Eine Korrektur an den großen Aktienmärkten ist grundsätzlich immer möglich
- Derzeit sind Aktien relativ teuer
- Korrekturen sind meistens nicht stark
- Dividendenstrategien empfehlenswert
Zusätzlich zu den aktuell drohenden Gefahren, Stichwort Steigende Energiepreise und höhere Inflationsrisiken, besteht ein wesentlicher Knackpunkt: Aktien sind teuer. Die meisten Aktienmärkte weltweit hätten in jedem der vergangenen drei Jahre starke annualisierte Renditen im zweistelligen Bereich erzielt. „Die Unternehmensgewinne waren zwar im Allgemeinen solide, doch die Kurs-Gewinn-Verhältnisse an den meisten großen Märkten liegen weltweit deutlich über den Durchschnittswerten der vergangenen zehn Jahre“, erläutert Arne Tölsner, Head of Client Group Dach bei Capital Group. „Der in den Märkten eingepreiste Optimismus lässt nur wenig Raum für Enttäuschungen.“ Hinzu komme, dass es fast immer unvorhergesehene Überraschungen gebe – selbst wenn der Ausblick positiv sei. Diese könnten aus geopolitischen Entwicklungen entstehen, darunter die Eskalation des Konflikts im Nahen Osten, aus politischen Fehlentscheidungen oder aus der disruptiven Kraft der künstlichen Intelligenz.
Korrekturen sind "Part of the Game"
Insgesamt sei es daher nicht unvernünftig, in den kommenden Monaten mit einer gewissen Marktkorrektur zu rechnen. Anleger sollten jedoch bedenken, dass Rückgänge ein gesunder und häufiger Bestandteil von Marktzyklen seien. In den vergangenen 20 Jahren habe der mittlere Rückgang des MSCI ACWI Index vom Höchststand bis zum Tiefpunkt innerhalb eines Kalenderjahres bei zwölf Prozent gelegen, in US-Dollar gerechnet. Trotz dieser regelmäßigen Rückschläge habe sich die Gesamtrendite für Anleger im selben Zeitraum auf 455 Prozent belaufen.
Market Timing schwierig
„Das größere Risiko für Anleger ist daher nicht die Aussicht auf eine Korrektur an sich, sondern die Art und Weise, wie sie darauf reagieren“, betont Tölsner. „Volatilität kann verunsichern und fördert oft ein Denken in Extremen.“ Den richtigen Zeitpunkt für Markthöchststände zu treffen, sei daher äußerst schwierig: Wer zu früh verkaufe, riskiere weitere Kursgewinne zu verpassen, während ein Wiedereinstieg nach einer Korrektur leicht zu Zögern oder schlechtem Timing führen könne. Gerade Letzteres könne teuer werden, weil sich Märkte schnell erholen könnten, während Anleger noch an der Seitenlinie stehen. Über vollständige Marktzyklen hinweg könnten solche Verhaltensfehler den langfristigen Erträgen stärker schaden als die Rückgänge selbst.
Vorbereitung ist wichtiger als Vorhersage
„Ein belastbarer Ansatz konzentriert sich stärker auf Vorbereitung und Navigation als auf Vorhersagen“, sagt der Experte. „Das bedeutet, Volatilität als Teil des Anlagewegs zu akzeptieren.“ Diversifikation bleibe dabei zentral, allerdings nicht als rein passive Übung. Portfolios, die stark auf eine enge Auswahl von Vermögenswerten, Regionen oder Themen konzentriert seien, könnten in steigenden Märkten gut abschneiden, seien aber anfälliger, wenn sich die Bedingungen ändern würden. „Eine breitere und ausgewogenere Aufstellung der Renditequellen – über Anlagestile, Regionen und Geschäftsmodelle hinweg – kann helfen, die Abhängigkeit von einem einzigen Ergebnis zu verringern, selbst in einem Umfeld erhöhter geopolitischer Unsicherheit“, so Tölsner.
Nur nicht zu teuer kaufen
Bewertungsdisziplin werde in dieser Phase des Zyklus zunehmend wichtiger. Vermögenswerte, deren Preise bereits Perfektion voraussetzen würden, böten weniger Schutz, wenn sich die Stimmung drehe. Das stärke das Argument für eine selektive Beteiligung statt für ein wahlloses Engagement. Das bedeute nicht, dass Wachstumschancen grundsätzlich gemieden werden sollten. Vielmehr spreche es für eine sorgfältige Prüfung, wo Erwartungen bereits in den Preisen enthalten seien und wo die Fundamentaldaten noch Unterstützung bieten würden. Sich auf eine Korrektur vorzubereiten, heiße also nicht, sich an die Seitenlinie zurückzuziehen oder langfristige Themen aufzugeben. Es bedeute stattdessen, Wachstumschancen mit Anlagen zu verbinden, die Volatilität abfedern und Flexibilität bieten können, wenn Märkte Risiken neu bewerten.
Dividenden als Stabilisator
„Ein Beispiel dafür ist die stabilisierende Rolle, die Dividenden in einem Aktienportfolio spielen können“, so Tölsner. „Diese wird oft erst dann vollständig geschätzt, wenn Marktstress bereits eingetreten ist. Dieses Muster zeigt sich immer wieder, wenn sich Anleger nach Rückgängen einkommensorientierten Strategien zuwenden, angezogen von deren relativer Widerstandskraft. In vielen Fällen wären die Ergebnisse jedoch stärker gewesen, wenn die Positionierung bereits vor der Korrektur aufgebaut worden wäre.“ Wichtig sei zudem, dass Dividendenchancen nicht auf reife oder wachstumsschwächere Branchen beschränkt seien. Heute befänden sich dividendenzahlende Unternehmen in einer breiten Palette von Sektoren, darunter Technologie, Gesundheit und Industrie.
Disziplin bleibt der entscheidende Faktor
In dieser Phase des Zyklus gehe es bei Widerstandskraft weniger um ununterbrochene Gewinne als vielmehr darum, wie durchdacht Portfolios aufgebaut seien. „Marktkorrekturen sind nichts, das man fürchten sollte, sondern etwas, auf das man sich vorbereiten sollte“, resümiert Tölsner. „Anleger, die Volatilität als normale Eigenschaft der Märkte akzeptieren und Diversifikation, Bewertungsbewusstsein sowie aktive Auswahl anwenden, sind oft besser aufgestellt, um auch in unsicheren Zeiten investiert zu bleiben.“ Solange der Optimismus hoch bleibe, könne sich genau diese Disziplin letztlich als wertvoller erweisen als jede Vorhersage darüber, was als Nächstes komme. (aa)

