Weshalb Investoren derzeit wie auf Eierschalen laufen sollten
Der Irankrieg und die damit einhergehenden Lieferengpässe und Inflationsanstiege erschweren Investoren die Markteinschätzungen. Vor diesem Hintergrund ist laut Mark Dowding von RBC BlueBay Asset Management derzeit Vorsicht und Abwarten beim Eingehen neuer Investments geboten.

Eckpunkte:
- Die gefallenen Kurse locken viele Investoren zum Einstieg
- "Buy-the-Dip" könnte erstmals seit vielen Jahren die falsche Strategie sein
- Hohe Energiepreise könnten zu einem Paradigmenwechsel führen
Institutionelle Investoren bleiben vor dem Hintergrund widersprüchlicher Signale vom Irankrieg und anderen wirtschaftlichen Entwicklungen, wie beispielsweise der Ölpreisentwicklung, im Ungewissen. Doch bei aller Unsicherheit sind zwei Punkte laut Mark Dowding, Fixed Income CIO bei RBC BlueBay Asset Management eindeutig:
- Erstens möchte die US-Regierung ein schnelles Ende des Konflikts und der damit verbundenen Belastungen für die Weltwirtschaft erreichen und dabei möglichst einen einseitigen Sieg verkünden.
- Zweitens bleibt die Straße von Hormus weitgehend gesperrt, während Raketen und Drohnen in der Region umherfliegen und Öl- und Gasanlagen beschädigen.
Solange der Ölhandel beeinträchtigt bleibt, wird laut Dowding jeder schnelle Ausweg anhaltende und ungewisse wirtschaftliche und geopolitische Auswirkungen haben.
USA verursacht Probleme und lässt andere Länder die Sache ausbaden
Das wahrscheinlichste Ergebnis könnte deshalb nach Ansicht von Dowding "eine Art chaotischer Kompromiss sein". Die USA ziehen sich aus dem Konflikt zurück, erklären einen Sieg hinsichtlich der Schwächung der militärischen und nuklearen Fähigkeiten des Iran, lassen jedoch die Situation in der Straße von Hormus ungelöst und nehmen chaotische Verhandlungen zwischen asiatischen und europäischen Ländern und dem Iran in Kauf, um den Schiffsverkehr wieder in Gang zu bringen.
Bei aller Unklarheit besteht der Anlegerreflex fort, bei Kursrückgängen zu kaufen, genau wie beim Liberation Day im April letztes Jahr. Doch eine einfache Kehrtwende wird schwierig sein, wenn die Öl- und Gaspreise auf hohem Niveau bleiben und die Lieferketten stören. "Es bleibt also reichlich Spielraum, die Selbstzufriedenheit der Börsen in Frage zu stellen und sich an neue Realität anzupassen", merkt Dowding an.
Rentenmarkt hat sich stabilisiert, erste Zinssenkungsfantasien kommen auf
Die Zinsmärkte haben im Laufe der letzten Tage die Phase der größten Panik hinsichtlich der Inflationsentwicklung und möglicher Reaktionen der Zentralbanken hinter sich gelassen.
Anleihen mit kurzen Laufzeiten haben sich stabilisiert, und es zeichnet sich möglicherweise ein Wechsel ab: weg von einem kurzsichtigen Fokus auf die Inflation und der Frage, um wie viel Basispunkte die Zentralbanken die Zinsen anheben müssen – hin zu Sorgen um einen Nachfragerückgang, die Auswirkungen auf Konsum, Wachstum und Arbeitsmärkte und damit der Frage, ob sogar eher Zinssenkungen gerechtfertigt sind. Das Ergebnis wäre eine Verschiebung, weg von einer abflachenden Zinskurve und hin zu einer Steilstellung.
Neutrale Positionierung
Sobald Klarheit darüber herrscht, in welche Richtung sich die Ereignisse entwickeln, wird sich auch die makroökonomische Ungewissheit lichten. "Derzeit positionieren wir uns eher neutral und können daher leichter eine bestimmte Haltung einnehmen, sobald sich die Lage beruhigt hat", merkt Dowding an.
Aus fundamentaler Sicht wirken sich die höheren Öl- und Gaspreise bereits jetzt weltweit auf die Volkswirtschaften aus. Politische Entscheidungsträger korrigieren die Inflationsprognosen nach oben und die Wachstumsprognosen nach unten.
Angesichts einer Flut von Widersprüchen ist es derzeit nicht so einfach, echte Signale von Störgeräuschen zu unterscheiden, so wie man es normalerweise erwarten würde. Die Märkte haben dadurch das Gefühl, sich auf Messers Schneide zu bewegen.
Folglich scheint es Dowding zufolge für Anleger vorerst angebracht, sich vorsichtig zu bewegen und sprichwörtlich auf Eierschalen zu laufen. (aa)

