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Weshalb Emerging Markets heute viel widerstandsfähiger sind als früher

Schwellenländer haben in den vergangenen zwölf Monaten gleich zwei schwere Belastungsproben bestanden: den globalen Zollschock und die Verwerfungen an den Energiemärkten. Für Vontobel ist das kein Zufall, sondern Ausdruck eines tiefgreifenden strukturellen Wandels.

Jean-Louis Nakamura, Vontobel: „Das Risiko einer Unterallokation in Schwellenländeranlagen ist derzeit deutlich höher als das Risiko einer Überallokation.“
Jean-Louis Nakamura, Vontobel: „Das Risiko einer Unterallokation in Schwellenländeranlagen ist derzeit deutlich höher als das Risiko einer Überallokation.“© Vontobel

Eckpunkte:

  • Länder haben Staatsfinanzen, Geldpolitik und Kapitalmärkte gestärkt
  • Anleger zu höherer Bewertung der Emerging Markets bereit
  • Keine homogene Assetklasse: Unterschiede werden immer größer

Schwellenländer haben sich nach Einschätzung von Vontobel grundlegend verändert und sind heute deutlich widerstandsfähiger als noch vor wenigen Jahren. Trotz massiver Belastungen durch Handelskonflikte und geopolitische Spannungen konnten Emerging Markets zuletzt sogar besser abschneiden als viele Industrieländer.

„Die heutigen Schwellenländer haben eine strukturelle Widerstandsfähigkeit erreicht, die vor einem Jahrzehnt noch undenkbar gewesen wäre“, schreiben Jean-Louis Nakamura, Head of Conviction Equities, sowie Thomas Schaffner und Raphael Lüscher, Co-Heads Mtx Equities bei Vontobel.

Aus Sicht der Experten hätten die jüngsten Entwicklungen unter früheren Marktbedingungen erhebliche Verwerfungen auslösen müssen. Zwei Schocks galten traditionell als besonders gefährlich für Emerging Markets: massive Handelsbarrieren und steigende Energiepreise. Genau diese Kombination prägte jedoch die vergangenen Monate.

Trotzdem legte der MSCI Emerging Markets Index gegenüber dem MSCI World deutlich zu. Auch Anleihen aus Schwellenländern entwickelten sich robust. Bemerkenswert sei dabei vor allem ausgebliebenes Krisenverhalten: Weder kam es zu massiven Kapitalabflüssen noch zu starken Währungseinbrüchen.

Länder haben Hausaufgaben gemacht
Laut Vontobel hat das mehrere Gründe. Viele Schwellenländer hätten in den vergangenen Jahren ihre Staatsfinanzen stabilisiert, ihre Geldpolitik glaubwürdiger gestaltet und ihre lokalen Kapitalmärkte ausgebaut. Gleichzeitig sei die Abhängigkeit vom US-Dollar zurückgegangen.

„Die Binnennachfrage hat den westlichen Konsum als primäre Wachstumslokomotive abgelöst“, so die Autoren. Hinzu komme ein stark wachsender Handel zwischen den Schwellenländern selbst. China, Indien und die ASEAN-Staaten handelten heute deutlich intensiver miteinander und seien damit weniger stark vom Konsum in Europa oder den USA abhängig.

Auch strukturelle Reformen hätten die Widerstandsfähigkeit erhöht. Viele Staaten hätten nach der Pandemie Sparmaßnahmen umgesetzt und unabhängige Zentralbanken gestärkt. Dadurch sei die Inflationsentwicklung inzwischen deutlich stabiler als früher. Die Risikolücke zwischen Schwellen- und Industrieländern habe sich deshalb spürbar verringert.

Parallel dazu sehen die Experten eine Erosion des sogenannten US-Exzeptionalismus. Die Dominanz amerikanischer Anlagen werde zunehmend hinterfragt, während Emerging Markets an Attraktivität für die Diversifikation gewinnen.

Sinkende Risikoprämien, steigende Bewertungen
Besonders sichtbar sei dies an sinkenden Risikoprämien und steigenden Bewertungsmultiplikatoren. Anleger seien zunehmend bereit, Schwellenländer höher zu bewerten als in der Vergangenheit.

Allerdings warnen die Autoren davor, Emerging Markets weiterhin als homogene Anlageklasse zu betrachten. Die Unterschiede zwischen einzelnen Regionen und Ländern würden immer größer. Während China weiterhin mit Deflationstendenzen kämpfe, profitiere Lateinamerika von hohen Rohstoffpreisen und sinkenden Zinsen. Indien wiederum bleibe langfristig attraktiv, sei kurzfristig aber anfällig für steigende Energiepreise. Für Anleger werde deshalb die Auswahl einzelner Themen und Qualitätsunternehmen wichtiger als die reine Länderallokation.

„Das Risiko einer Unterallokation in Schwellenländeranlagen ist derzeit deutlich höher als das Risiko einer Überallokation“, betonen die Autoren. Viele Investoren würden weiterhin mit überholten Bewertungsmodellen arbeiten und dadurch Chancen verpassen. Aus Sicht von Vontobel ist die aktuelle Outperformance der Emerging Markets deshalb kein kurzfristiges Phänomen, sondern Ausdruck eines langfristigen strukturellen Wandels. (dv)

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