Was die Regierungskrise aus Anlegersicht bedeutet
Zwei Experten von Julius Bär gehen der Frage nach, welche Folgen Frankreichs politische und beginnende finanzielle Krise haben könnte und wie institutionelle Investoren darauf reagieren sollten.

Die politische Unsicherheit in Frankreich wirkt sich bislang nur in begrenztem Umfang auf die Märkte aus. Im Aktienbereich dürften sich multinationale Unternehmen aus den Bereichen Konsumgüter und Industrie widerstandsfähig zeigen, Finanzwerte wahrscheinlich weniger.
Im Anleihesegment hat sich der Spread zwischen französischen und deutschen Staatsanleihen ausgeweitet, doch die relativ hohe Schuldentragfähigkeit Frankreichs dürfte einen möglichen Ausverkauf begrenzen. Das sind die wichtigsten Eckpunkte einer aktuellen Markteinschätzung von Nenad Dinic, Equity Strategy Research, und Dario Messi, Head of Fixed Income Analyst bei Julius Bär.
Heißer Herbst voraus
Vertrauensabstimmung am 8. September und landesweiter Streik am 10. September, Gegenwind für den Haushaltsplan – wie lange kann die Minderheitsregierung in Frankreich sich noch halten?
Statt Neuwahlen könnte nach Einschätzung von Dinic und Messi Präsident Macron in diesem Fall einen neuen Premierminister ernennen und ihn mit einem neuen Haushalt beauftragen. Dies würde das Risiko einer Wiederholung der Marktpanik vom letzten Sommer verringern, als Investoren eine von Extremisten geführte Regierung befürchteten.
Marktreaktion
Die Reaktion des Marktes fiel zurückhaltender aus als erwartet. Französische Aktien haben sich von den Renditeunterschieden zu Staatsanleihen abgekoppelt und zeigten sich bemerkenswert widerstandsfähig, da ein Großteil der politischen Prämie bereits eingepreist war. Dennoch dürfte die Volatilität laut Dinic und Messi in den kommenden Wochen hoch bleiben. Die Zusammensetzung des Index mildert das inländische Risiko. Finanzwerte, die nur zwölf Prozent des Referenzindex ausmachen, waren mit einem Rückgang von 8,5 Prozent innerhalb von zwei Tagen der größte Belastungsfaktor, während Konsum- und Gesundheitsaktien mit Verlusten von weniger als ein Prozent recht gut abschnitten.
Wie positionieren?
Dinic und Messi gehen davon aus, dass die Volatilität kurzfristig hoch bleiben wird, und bevorzugen multinationale Unternehmen mit begrenztem fiskalischem Engagement in den Konsumgüter- und Industriesektoren, die mehr als die Hälfte der Marktkapitalisierung des Index ausmachen. "Politische Unruhen werden weiterhin eine Belastung für Finanzwerte darstellen, obwohl wir tendenziell darüber hinwegsehen, da die großen französischen Banken weiterhin attraktive Renditeprofile für ihre Aktionäre aufweisen", merken Dinic und Messi an.
Höhere Spreads
Auch die Anleihemärkte reagierten auf das Wiederaufflammen der politischen Turbulenzen. Der Spread zwischen deutschen und französischen zehnjährigen Staatsanleihen stieg auf fast 80 Basispunkte. Dies liegt zwar immer noch unter den Ende 2024 verzeichneten Höchstständen, dennoch ist es Dinic und Messi zufolge bemerkenswert, dass der Spread über den Werten Spaniens oder Griechenlands liegt.
Beruhigend: Frankreich hat (noch) gute Schuldenstruktur
Nach wie vor kann Frankreich seine Schulden relativ gut finanzieren, da es von einer sehr langen Phase sehr niedriger Finanzierungskosten und einer langen durchschnittlichen Laufzeit der Schulden profitiert. Dies dürfte den potenziellen Ausverkauf französischer Staatsanleihen begrenzen. "Dennoch gibt es keinen schnellen Ausweg aus dem aktuellen politischen Dilemma – der zusätzliche Spread für französische Staatsanleihen wird nicht so schnell verschwinden", prognostizieren Dinic und Messi abschließend. (aa)

