Warum über Washington immer mehr Falken kreisen
Die jüngsten Entwicklungen am US-Arbeitsmarkt und bei der Inflation sorgen dafür, dass die geldpolitischen Falken in der Fed an Bedeutung gewinnen. Das und die bevorstehenden Mega-IPOs von SpaceX und diversen KI-Unternehmen könnten die Märkte belasten.

Eckpunkte:
- Die Hoffnung, KI könne die Produktivität steigern, ohne die Inflation anzutreiben, scheint sich nicht zu bewahrheiten.
- Mit den inflationären Befürchtungen beginnen die Falken über Washington zu kreisen
- Neue Verwendung von Bitcoin
Die Renditen sind zuletzt etwas gestiegen, während die Märkte auf die Zentralbanksitzungen später in diesem Monat zusteuern. "Im Vorfeld der FOMC-Sperrfrist im Juni haben sich sowohl Lorie Logan als auch Beth Hammack für eine Tendenz zu Zinserhöhungen in den kommenden Monaten ausgesprochen, was angesichts starker Wirtschaftsdaten und eines boomenden Aktienmarktes auf eine Falken-Wende innerhalb der Fed hindeutet", schreibt Mark Dowding, Fixed Income CIO bei RBC BlueBay Asset Management, in seinem aktuellen Wochenkommentar.
Starke US-Arbeitsmarktdaten beflügeln die Falken
Anfang 2026 wurde die erwartete Abschwächung des Arbeitsmarktes noch als Treiber für niedrigere Zinsen angeführt, doch jüngste Veröffentlichungen zeigen eine Beschleunigung bei den Stellenangeboten, eine stabile Arbeitslosenquote und einen jüngsten Anstieg des Einstellungstempos.
Im Gegensatz dazu steigen die Inflationsrisiken weiter an, während der KI-Boom auf Hochtouren läuft. "Da inzwischen immer mehr Ökonomen bezweifeln, dass KI die Inflation senken wird, könnte sich KI in die Reihe anderer bedeutender technologischer Fortschritte eingliedern, die Wachstumsraten und Produktivität steigerten und mit höheren neutralen Zinssätzen einhergingen", prognostiziert Dowding.
Kevin Warsh will Stärke zeigen
Die Fed-Sitzung im Juni dürfte Powells Tendenz zur Lockerung aufgeben, da Warshs Fed von ihrem Ansatz der Forward Guidance abrückt und wohl auch betonen will, nach eigenem Ermessen zu handeln, nicht nach dem des Weißen Hauses. "Das mag leicht restriktiv erscheinen, ist es aber bei einem effektiven Zinssatz von 3,625 Prozent keineswegs. Wenn überhaupt, deuten die Indizes für die Finanzbedingungen darauf hin, dass die US-Geldpolitik weiterhin akkommodierend ist", kommentiert Dowding.
In diesem Fall könnten die Wahrscheinlichkeiten für eine Zinserhöhung im September steigen, sollten die Inflationsdaten im Sommer über den Erwartungen liegen und der Aktienmarkt weiterhin neue Höchststände erreichen.
"Die Renditen von US-Staatsanleihen könnten vor diesem Hintergrund weiterhin zu kämpfen haben, und obwohl eine restriktivere Fed die US-Zinskurve weiter abflachen lassen könnte, gehen wir davon aus, dass die Renditen längerfristiger Anleihen in Zeiten eines übermäßigen Angebots und vor dem Hintergrund ungebremster fiskalischer Großzügigkeit weiterhin zu kämpfen haben werden", prognostiziert Dowding.
Ölpreis sollte hoch bleiben
Betreffend die Ölpreise bezweifelt, dass die Ölpreise, obwohl sie seit Ende April keine neuen Höchststände mehr erreicht haben, im weiteren Verlauf des Jahres 2026 deutlich unter 90 US-Dollar fallen werden.
Hohe Energiepreise und Störungen in der Lieferkette dürften die Inflation in den kommenden Monaten weltweit auf einem hohen Niveau halten. Obwohl die Benzinpreise seit Ende März stabil sind, gibt es eine verzögerte Auswirkung auf die Preise anderer Güter, da erhöhte Inputkosten an die Verbraucher weitergegeben werden. Auch die Dienstleistungsinflation in der Eurozone liegt bei 3,5 Prozent im Jahresvergleich.
EZB im Dilemma
"In dieser Hinsicht scheint eine EZB-Zinserhöhung um 25 Basispunkte in diesem Monat beschlossene Sache zu sein, doch wir gehen davon aus, dass Lagarde angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen Unsicherheit davor zurückschrecken wird, weitere Erhöhungen anzudeuten, auch wenn eine weitere Anhebung im September durchaus im Bereich des Möglichen liegen könnte", prognostiziert Dowding.
Welche Anleihen kaufen?
Angesichts dieser Einschätzungen zur Inflation weisen wir weiterhin auf Chancen bei inflationsgebundenen Anlagen in der Eurozone sowie in den USA hin. Bei nominalen Anleihen sehen wir Spielraum für eine relative Outperformance der Euro-Renditen gegenüber US-Treasuries, da die Wirtschaft der Eurozone deutlich schwächer aussieht als die der USA.
Spekulanten positionieren sich neu
Hohe Aufmerksamkeit wird auf die bevorstehenden riesigen Kapitalaufnahmen von SpaceX, Anthropic und Google gerichtet sein – es geht um zusammen fast 250 Milliarden US-Dollar.
Da ein Großteil davon laut Dowding von Privatanlegern stammt, die auf kurzfristige Gewinne und Momentum spekulieren, war die starke Korrektur des Bitcoin-Kurses und anderer digitaler Vermögenswerte eine interessante Entwicklung, da die Inhaber von den schwachen Renditen bei Kryptowährungen gelangweilt sind und versuchen, auf den Zug aufzuspringen.
Aus dieser Perspektive sei es Dowding zufolge aufschlussreich zu sehen, wie Vermögenswerte zu kämpfen haben, wenn sie vom Tipp des Tages über Nacht zum Schnee von gestern werden. "Zumindest lässt sich über Bitcoin sagen, dass iranische Mautkassierer im IGRC eine tatsächliche Verwendung für diesen speziellen Vermögenswert gefunden haben", erklärt Dowding abschließend. (aa)


