Warum Julius Bär bei Öl nur eine "vorsichtige Einschätzung" abgibt
Laut Julius Bär ist die vorherrschende Erzählung von Versorgungsengpässen außerordentlich stark und dominiert alles andere an den Märkten. In der Realität ist der Ölmarkt widerstandsfähiger als vielfach angenommen.

Eckpunkte:
- Der Ölmarkt ist widerstandsfähiger als angenommen
- Der Narrativ von Versorgungsengpässen dominiert, entspricht aber nicht immer der Wahrheit
- Inflationsbereinigt sind die Öl- und Treibstoffpreise nicht extrem hoch
Die Kraftstoffpreise steigen, und die US-Regierung erwägt Exportbeschränkungen für Dieselkraftstoff als Maßnahme zur Preisdämpfung. Vieles spricht dafür, dass der Ölmarkt einen Weg finden würde, solch eine Maßnahme besser wegzustecken, als Markteilnehmer befürchten. Dieser Ansicht ist Norbert Rücker, Head Economics and Next Generation Research bei Julius Bär, wie einem aktuellen Kommentar seines Hauses zu entnehmen ist.
Stress an den Ölmärkten nur zum Teil erklärbar
Der starke Anstieg der Kraftstoffpreise seit dem Sommer hat in der US-Regierung zu einer offenen Debatte über Handelsbeschränkungen geführt. Der Anstieg der US-Exporte von Rohöl und Ölprodukten war eines der vielen Puzzleteile, die die Widerstandsfähigkeit des Ölmarktes ausmachten. Seit dem Frühsommer sind die US-Ölexporte jedoch wieder auf fast Vorkrisenniveau zurückgegangen, merkt Rücker an.
Dies passt zu der grundsätzlichen Herausforderung: Der Preisanstieg bei Ölprodukten seit dem Sommer lässt sich anhand der Fundamentaldaten nur schwer erklären. Die Vorräte an US-Benzin und insbesondere an Diesel sind zwar knapp, doch hat sich das Defizit nicht weiter vergrößert. "Die Lagerbestände an Ölprodukten sowohl in Europa als auch in China scheint ausreichend zu sein, und die Raffinerien im Nahen Osten nehmen den Betrieb wieder auf, nachdem die meisten kriegsbedingten Schäden offenbar behoben sind. Dank des regen Handels durch die Straße von Hormus gelangen Ölprodukte neben Rohöl auf die globalen Märkte. In Asien haben wir einen Anstieg der Ölproduktexporte aus China, Südkorea und Japan festgestellt", erklärt Rücker.
Weitere Belastungsfaktoren und ein dominierender Narrativ
Kriegsschäden und Betriebsausfälle in Russland, hohe Transportkosten sowie dürrebedingte Logistikprobleme in Europa bestehen zwar weiterhin, sind laut Rücker jedoch nicht gravierend genug, um den Preisanstieg bei Ölprodukten zu erklären.
Die derzeit vorherrschende Erzählung von Versorgungsengpässen ist außerordentlich stark und dominiert alles andere an den Märkten.
Die Konsensmeinung zu US-Exportbeschränkungen ist nahezu einstimmig: Dies wäre wahrscheinlich kein wirksames Mittel gegen hohe Kraftstoffpreise. Letztendlich laufen die Raffinerien aufgrund der hohen Nachfrage weiterhin nahe an ihren Kapazitätsgrenzen. Bislang scheinen freiwillige Maßnahmen die wahrscheinlichste Option zu sein, doch die Aussichten auf staatliche Eingriffe einzuschätzen, gleicht Kaffeesatzleserei. Ein vollständiges und strenges Exportverbot scheint bislang allerdings das unwahrscheinlichste Szenario zu sein, was die Risiken für die globalen Märkte abmildert.
Der größte Teil des US-Diesels geht nach Lateinamerika, und nur ein Teil davon nach Europa. Doch der Ölmarkt ist so flexibel, dass regionale Abhängigkeiten für die Versorgungssicherheit keine Rolle spielen. Die Herbstsaison hat begonnen, in der Wartungsarbeiten in den Raffinerien die Nachfrage nach Rohöl dämpfen. "Unserer Einschätzung nach dürften dieses Jahr allerdings viele Raffinerien die Wartungsarbeiten verzögern und damit das Angebot von Ölprodukten in den USA erhöhen", prognostiziert Rücker.
Veränderte Nachfrage
Angesichts der Verunsicherung der Verbraucher sollten die Rekordpreise für Kraftstoffe im Kontext betrachtet werden. Erstens liegen die inflationsbereinigten Kraftstoffpreise an den Tankstellen größtenteils unter den Höchstständen von 2022 oder Anfang 2010.
Zweitens verbrauchen Haushalte weniger Öl und geben weniger dafür aus, da Autos sparsamer geworden sind oder gleich ganz mit Strom betrieben werden.
Dies erklärt zum Teil, warum sich die Wirtschaft so gut hält. Vor dem Hintergrund der jüngsten starken Verkaufszahlen ist der Anteil von Plug-in-Fahrzeugen am Fahrzeugbestand in diesem Jahr in Europa auf über fünf Prozent und in China auf über zehn Prozent gestiegen.
"Derzeit scheint sich der Ölpreis in einer Phase zu bewegen, die von Angst und Risikoprämien geprägt ist. Wir halten an unserer vorsichtigen Einschätzung fest", betont Rücker abschließend. (aa)


